Hans-Ulrich Treichel liest im Aachener Dom

Lesung im Oktogon : Ein bewegender Abend im Aachener Dom

Die Europäische Stiftung Aachener Dom hat wieder einen hochkarätigen Gast eingeladen: Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel liest unter dem Barbarossaleuchter aus seiner Erzählung „Tagesanbruch“.

Die karge Schönheit der Allemande aus Johann Sebastian Bachs sechster Solo-Suite für Violoncello erfüllt das Oktogon des Aachener Doms in einem Moment des tiefen Schweigens. Virtuos fängt Musikerin Almuth Ensinger diese zerbrechliche Stimmung auf, die Domkapellmeister Berthold Botzet in der musikalischen Gestaltung des Abends bereits vorausgesehen hat: Mit dem Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel hat die Europäische Stiftung Aachener Dom durch Vermittlung der Kölner Literaturwissenschaftlerin Birgit Lermen einen Gast eingeladen, der zu den bedeutendsten Literaten der Gegenwart gehört, wie Jürgen Linden, Vorsitzender des Beirats der Europäischen Stiftung, in seiner Begrüßung betont.

„Sub corona“, „unter der Krone“ des Barbarossaleuchters, so Linden, sei es wichtig, Fragen anzusprechen, „die unser Leben betreffen“. Ziel der Stiftung, die bereits hochkarätige Gäste wie Navid Kermani, Cees Notebooom und Ulla Hahn nach Aachen holen konnte, sei es, Impulse zu geben – nicht zuletzt, um über „Glaubwürdigkeit“ im besten Sinne des Wortes nachzudenken.

Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel, in Westfalen geboren, Jahrgang 1952, bis 2018 Professor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, betritt den Dom mit Ehrfurcht. „An so einem Ort zu lesen, ist außergewöhnlich“, sagt er mit Blick zu den Mosaiken. Seine Erzählung „Tagesanbruch“ ist 2016 erschienen, eine intime Geschichte, in der Treichel den Blick in die eigene Vergangenheit zu schriftstellerischer Energie verdichtet hat.

Das war bereits bei seinem Roman „Der Verlorene“ (1998) so, in dem er die Flucht der Eltern aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und den Verlust ihres erstgeborenen Kindes thematisierte. In „Tagesanbruch“ gibt Treichel nun der Mutter eine Stimme, die eine Nacht lang den toten Sohn in den Armen hält und ihr Leben reflektiert. „Es soll gesagt werden, was gesagt werden muss“, meint sie. Treichel entwickelt eine Erzählsituation, die nichts mehr infrage stellt. Diese Frau ist zutiefst ehrlich, einfühlsam, sogar humorvoll und warm. In einleitenden Worten vergleicht Literaturwissenschaftler Wolfgang Braungart von der Universität Bielefeld sie mit einer Pietá. „Eine Mutter, die den gestorbenen Sohn auf dem Schoß hat – etwas Ergreifenderes gibt es nicht“, erläutert er die Verbindung zum Andachtsbild.

Geschickt zieht Treichel seine Zuhörer hinein in ein Leben, das tapfer gelebt wurde. Der Mann, der im Krieg den rechten Arm verloren hat, die Frau, die an seiner Seite so manchen Traum begraben musste. In der ungeheizten „guten Stube“ hat sie pflichtbewusst den Papierkrieg bewältigt und den Schein gewahrt. Von der Vergewaltigung durch russische Soldaten während der Flucht wissen nur die beiden. „Es gibt Dinge, die verschweigt man sogar den Toten“, sagt die Frau irgendwann in dieser Nacht und wartet auf den Morgen. Treichel gibt ihr ruhig seine Stimme, ohne Dramatik, eindringlich mit leichtem Dom-Nachhall.

„Wir gehen beschenkt auseinander“

„Man soll dieser Mutter zuhören“, fordert Wolfgang Braungart. Das tun die bewegten Menschen im Oktogon. Treichel wählt Textstellen aus, die den Bogen spannen vom Entschluss, alles zu erzählen, über die Rückblende bis zur Gegenwart im Sterbezimmer. Diffuse Ängste der Frau, die einmal Kind war, steigen als Schatten auf, Geräusche, seelische Narben aus der harten Kindheit, das Knacken und Scharren im Gebälk des heimischen Bauernhofes. „Ein bewegender Abend, man findet nur schwer Worte“, sorgt Manfred von Holtum, Kuratoriumsmitglied der Stiftung und ehemaliger Dompropst, für einen stillen guten Abschluss der Literatur zur Nacht. „Wir gehen beschenkt auseinander.“