Aachen: Günther Beckers: Seit Jahrzehnten Künstler und Kritiker

Aachen: Günther Beckers: Seit Jahrzehnten Künstler und Kritiker

Günther Beckers, 64, ist ein in Aachen geborener und lebender Maler und Musiker, der in seiner Heimatstadt nicht allen bekannt ist, und dennoch als „enfant terrible“ gehandelt wird, weil er seit Jahren Kritik am Kulturbetrieb in Aachen und überall übt.

Nur von wenigen Kollegen unterstützt betreibt er seit 25 Jahren in seinem Privathaus an der Ludwigsallee seinen „Kunstraum Souterrain“ und das „Künstlermuseum Günther Beckers“. An das neu eröffnete „Danish Rock Museum“ in Roskilde verkaufte er jüngst zwei Gemälde zu Beatles-Covern im sechsstelligen Bereich. Unsere Mitarbeiterin Ingrid Peinhardt-Franke stellte ihm sieben Fragen über seine Kunst, die Aachener Szene und seine Ziele.

Herr Beckers, was genau ist ein „Künstlermuseum“ und was zeigen Sie da? Warum tun Sie das ohne öffentliche Förderung?

Günther Beckers: Das von mir 2003 gegründete Künstlermuseum zeigt Kunst aus Künstlersicht, nicht beispielsweise aus Galeristen- oder Museumsdirektorensicht, weil ich der Meinung bin, dass ein Künstler anders auf Qualität in der Kunst schaut. Hierbei geht es darum, sie in einen kunsthistorischen Vergleich zu setzen. Ich tue das, weil mir in den 90er Jahren ein unglaublicher Verfall und Verrat von Qualität in den Künsten auffiel. Ein Marsch ins Boulevard, in den Kommerz und das Banale.Was heute zum Beispiel von Bazon Brock und Klaus Honnef anlässlich der aktuellen documenta als „Plunder“ und „Manifestationen der Dekadenz“ bezeichnet wird, kritisiere ich schon seit Jahrzehnten.

Sie halten sich aus der Aachener Szene völlig heraus. Vor zwei Jahren wurden Sie sogar zitiert mit dem Satz: „Der Zug ist abgefahren, vor allem hinsichtlich Qualität.“ Wie meinen Sie das?

Beckers: Als „Öcher“, hier lebender Künstler, freue ich mich ganz besonders, international gefragt zu sein. Regional herrscht oft ein Konkurrenzklima, aus dem ich mich lieber heraushalte und weil das meiste an Szenekunst, die durch hiesige Kritiker legitimiert wird, mir meistens nichts sagt. Es bleibt dabei: Der Zug ist abgefahren, vor allem hinsichtlich Qualität.

Sie arbeiten an der „Erneuerung der Disziplinen“. Was muss man sich darunter vorstellen? Und vor allem: Was haben Altäre mit der Erneuerung der Malerei zu tun?

Beckers: Ich bin noch ein ganz altmodisch, „altertümlich“ ausgebildeter Maler, Bildhauer und Musiker, der sich anderen Werten verpflichtet fühlt. Eine künstlerische Disziplin erneuert man, in dem man machbar macht, was vorher unmachbar war. Ich habe aus dem Altarbild meine Farbflügel-Malerei entwickelt, mich mit Matthias Grünewald und seinem Isenheimer Altar auseinandergesetzt und in Korrespondenz dazu einen Farbflügel-Altar geschaffen. Heute hängt er hier in Aachen in der Bischöflichen Akademie.

Erläutern Sie doch mal Ihre Farbflügelbilder. Was ist daran neu, dass man den Bildmittelpunkt verändern kann und erkennt, dass es kein letztes Bild gibt? Warum legen Sie Wert auf die Veränderlichkeit der Bilder?

Beckers: Ein Farbflügelbild besteht aus einem Bildkern, also einem Bild, das der Betrachter als rechteckiges kennt und, das ist neu, aus einem oder mehreren Farbflügeln, die an dieses Kernformat angefügt sind. Sie sind veränderbar in der Form, dass man mit ihnen weitermalt, sie von rechts nach links bewegt, drehen kann, vertauscht und so weiter. Dieses „Weitermalen“ bringt Zeit in ein Bild. Malerei ist Zeit. Oder: Ein Bild, da es nun veränderbar ist, parallel zur Musik beispielsweise, befindet sich so in einem Zustand des Vollendet-Unvollendet-Seins oder des Unvollendet-Vollendet-Seins.

Wie passen die großen Musikbilder, die Beatles-Cover und das neun mal drei Meter große Gemälde von Rory Gallagher, in Ihre Theorie der beweglichen Bilder?

Beckers: Sie verdeutlichen diese Entwicklung. Das erste „Let.it.be.“-Cover von 1990 war ein 185 mal 185 Zentimeter großes Ölbild, das sich mit Idolen, hier den Beatles, auseinandersetzte, das war durchaus kritisch in Zeiten einer sich abfeiernden Popkultur. Eine ganze Ausstellung, die sich mit dem Crossover von Malern und Musikern beschäftigt, wurde in Dänemark inhaltlich mit meinem Bild vermarktet. Ein Grund für mich, die Cover als Farbflügel-Bilder zu malen, war die Auseinandersetzung mit meinem eigenen Leben, meiner eigenen Tradition. Die alten, originalen Papier-Cover waren zu einer Kunstgattung geworden, und meine gemalten Cover ebenfalls, die in die Ankäufe durch das Danish Rockmuseum mündeten. Bei der neun mal drei Meter großen Arbeit „Gallagher“ hatte ich eher im Sinn, einmal auszuprobieren, ob ein Farbflügel-Bild auch beides sein kann, ein „Bild“ und ein „Bühnenbild“. Das funktioniert nun in Dänemark im Rockmuseum.

Sie komponieren und arbeiten mit neuen Stimmungen für Gitarren und ließen unter anderem bei dem Gitarrenbauer George Lowden in Irland teilweise völlig neue Gitarren mit neun Saiten oder zwei Hälsen bauen. Was hat Gitarrenmusik mit Ihrer Malerei zu tun?

Beckers: Die Kontemplation. Das Feld der Kontemplation, das gilt auch für die Skizze und die Zeichnung, aber auch für andere Disziplinen. Komposition, Variation, Meditation und Improvisation sind die bekannten, üblichen Formen, die ich für mich um die Kontemplation erweitert habe. So kam ich über die klassischen Partituren zum „Buch der Stimmungen“, das an die hundert solcher Stimmungen aufführt. Der Bruch zur konventionellen Gitarre und ihrer Spielweise war so radikal wie konstruktiv.

Zurück zur Lage der Kunst in Aachen. Was klappt, was nicht? Was könnte man besser machen?

Beckers: Aachen ist heute überall — was den Amateur- und Profisektor in Kunst anbelangt. Grundsätzlich könnte man die Freiberufler in dem System Kunst und die Leute, die auf Gehaltsstreifen stehen, an zwei Händen abzählen. Hauptthemen scheinen mir fast nur noch Geldakquise, Marketing und Verkauf zu sein. Aber wenn ich mich schon auf das Regionale beschränke, so sind in Aachen nicht mehr zu korrigierende Fehler passiert. Der Zug ist hier abgefahren. Diese Fehler drehen sich auch und gerade um das Ludwig Forum. Zum Beispiel, dass aus Künstlersicht, aus meiner, sicherlich ein Ludwig Museum, was ich vorschlug, zwischen Dom und Rathaus hätte gebaut werden müssen, anstatt ein Provinzheimatmuseum.

Aber das wird jeder anders sehen. Wenn man mich fragt, was klappt, so würde ich polemisch einwenden, die unorthodoxe Verteilung von Geldmitteln für teilweise provinzielle Leistung mit wenig selbstkritischem Niveau. Ich würde eher fragen, was nicht klappt und warum. Da bleibe ich bei meinen Ausführungen zu Unprofessionalität, die ich vor über 20 Jahren schon im Rathaus abgegeben habe. Wenn man, wie ich, so etwas formuliert, macht man sich natürlich keine Freunde. Aber: Wie stellt sich denn die aktuelle Lage von Profisport und Kultur in Aachen dar? Ist der Begriff Unprofessionalität da so ganz falsch? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kritik in Aachen mit Arroganz und Ignoranz beantwortet wird.

Kein Ludwig Museum gebaut zu haben, hat in der Stadt nach meiner Meinung einen gewaltigen Schaden angerichtet. Die Frage nach dem, was man besser machen könnte, ist im Grunde eine Frage nach dem Personal. Nach dessen Professionalität, Engagement und Zielen unter Künstlern, Kulturmachern und Stadtvätern, Verwaltung und Kritikern. Letztendlich meine ich, dass der Kulturbetrieb, wie er heute nicht ist, nicht mehr so recht Sinn macht. Mein Beitrag als Künstler mit einem Künstlermuseum funktioniert nach dem Motto: Stromaufwärts, nur Mut, Courage.

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