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Mein Beethoven: Grundbaustein der musikalischen DNA oder Klingelton?

Mein Beethoven : Grundbaustein der musikalischen DNA oder Klingelton?

Der Gigant, das Genie, der Rebell: Wir haben Menschen aus der Region gefragt, was ihnen der Komponist bedeutet. Für den einen bildet sein Werk den Grundbaustein unserer musikalischen DNA, der andere hat ihn als Klingelton. Zehn Statements.

Pedro Obiera: Musikkritiker von „Aachener Zeitung“
und „Aachener Nachrichten“

1960: Mit zehn Jahren beschloss ich, Schallplatten mit den berühmtesten Werken der Klassik zu sammeln. Die Nummer Eins war Beethovens 5. Sinfonie in einer Einspielung von Hermann Scherchen, die mein Beethoven-Bild lange Jahre geprägt hat.

Einerseits lernte ich Beethoven als den „heroischen“ Freiheits-Herold kennen, der er auch gewesen ist. Andererseits zeigt mir Scherchens dynamische und gleichsam schlanke Wiedergabe heute noch, dass man auch vor Harnoncourt & Co. Beethoven ohne spätromantische Patina interpretieren konnte. In meinen reiferen Jahren fasziniert mich an Beethoven vor allem die beispiellose Entwicklung vom „Titan“ mit der größten Außenwirkung zu einem sich in seinen letzten zwölf Lebensjahren weitgehend von der Öffentlichkeit aschottenden musikalischen Eremiten. Und das mit einem Spätwerk, das nicht nur bei seinen Zeitgenossen auf Verständnisschwierigkeiten gestoßen ist, sondern sich auch mir noch nicht völlig erschlossen hat und wohl auch nie seine letzten Geheimnisse preisgeben wird.

Christopher Ward: Aachens Generalmusikdirektor

Ludwig van Beethoven steht auch nach 250 Jahren immer noch im Zentrum unseres Musizierens. Er hat Musik komponiert, die nicht nur für seine Zeitgenossen, sondern für uns Menschen schlechthin von unvergänglicher Relevanz ist. In Beethovens Musik findet man das ganze Spektrum dessen, was es heißt, Mensch zu sein.

Seine Musik ist für mich ein ständiger Wegbegleiter, sie ist tatsächlich meine künstlerische Sonne und ein Grundbaustein unserer musikalischen DNA. Für mich war klar, dass diese Sonne gerade im Jubiläumsjahr häufig scheinen soll – nicht nur in Aachen, sondern in der ganzen Region. Gemeinsam mit Florian Koltun haben wir mit dem Beethoven-Orbit ein Festival ins Leben gerufen, bei dem wir alle Beethoven-Sinfonien, alle Klavierkonzerte und alle Klaviersonaten spielen. Das ist fantastisch. Mehr Beethoven geht kaum!

Und da kein Komponist ohne die Kenntnis von Beethovens Musik arbeiten kann – der „große Vorgänger“ wirkt bis heute als vielfältige Inspirationsquelle –, kombinieren wir die Werke Beethovens in unserem Festival immer wieder mit passenden zeitgenössischen Werken, um den Zeitgeist der Gegenwart zu erfassen. Ich lade alle ein, gemeinsam mit uns den Beethoven-­Orbit zu entdecken!

Anno Schreier: Aachener Komponist

Beim Abschied des Vereinigten Königreichs aus der EU musste ich an ein großartiges kleines Klavierwerk von Beethoven denken, das kaum jemand kennt: seine fünf kurzen Variationen über „Rule Britannia“ aus dem Jahr 1803.

Mit welcher Spielfreude und Frechheit Beethoven diese martialische Hymne verwandelt, dekonstruiert, man muss sogar sagen: durch den Kakao zieht, das kann man schon als politische Aussage lesen. Vor allem am Schluss, wo Beethoven die heldenhaft aufsteigende Melodie umkehrt und lustig in den Abgrund hüpfen lässt.

Es ist ein kleines Beispiel für Beethovens rebellischen und oft grimmigen Humor, der immer wieder in seiner Musik auftaucht.

Vielleicht ist es das, was ich an Beethoven am meisten bewundere: seinen Mut zum Widerstand und zu der Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen und sich von nichts und niemandem vereinnahmen zu lassen.

Johanna Daske: Flötistin, Instrumentalpädagogin und Geschäftsführerin der Gesellschaft für zeitgenössische Musik Aachen

Mein Lieblingsstück als Jugendliche war Beethovens Mondscheinsonate. Vielleicht war das eine unbewusste Inspiration für den Titel meiner Abiturarbeit in Zwölftontechnik: „Im Mondschein“. Wer weiß – das ist schon lange her.

Ich habe sehr häufig ein sehr bekanntes Trio von ihm in der Bearbeitung für drei Flöten gespielt und Klassiker wie „Für Elise“ rauf und runter mit meinen Schülern. Sonst hat Beethovens Musik in meinem musikalischen Leben nicht viel Platz eingenommen.

Für mich gab es nie einen „Lieblingskomponisten“, es ging mir immer um das, was ein Stück mit einem macht. Deswegen habe ich mich gerne jeder Art musikalischer Herausforderung gestellt, auch der neu komponierten Musik.

Der revolutionäre Geist der Neuen Musik steht der Musik Beethovens sehr nahe. Besonders spannend finde ich, wenn Musik der Vergangenheit auf Musik der Gegenwart trifft und etwas Neues entstehen lässt, wie in der Meta-­Collage „Ludwig van“ von Mauricio Kagel.

Xin Wang: Pianistin und künstlerische Leiterin des Klaviersommers Geilenkirchen und der Konzertreihe Montjoie Musicale

Ludwig van Beethoven faszinierte mich schon als kleines Kind. Das Wunderkind aus Bonn ist tief mit der deutschen Kultur und Geschichte verwurzelt. Beethoven weckte mein musikalisches Interesse und führte dazu, dass ich das Klavierspiel zum Mittelpunkt meines Lebens machte. Um sein Wirken und Schaffen tiefgründig zu verstehen, habe ich mich entschieden, meine musikalische Ausbildung in Deutschland fortzusetzen und sein musikalisches Geheimnis zu erforschen. Die tiefgründige Reflexion seines Lebens und Schaffens hat mich von Beginn an fasziniert. Trotz seiner Gehörlosigkeit resignierte er nicht, sondern wuchs über sich hinaus und schuf Werke von einem anderen Stern. Seine Stimmungen und Launen, Ideen und Erlebnisse finden sich in jeder seiner Kompositionen wieder.

Mit seinen fortschrittlichen Musikideen ebnete er den Weg in die Romantik und gilt somit auch als geistiger Vater von Meistern wie Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms oder Frederic Chopin. All die großen Meister nach Beethoven müssten ohne dessen Werk Elemente der Sinfonik, der Klaviersonate oder der Kammermusik missen. Daher bin ich als Musikerin und Kulturfreundin unendlich dankbar für dieses große Werk.

Stefanie Faust: Soloflötistin im Sinfonieorchester Aachen

Zum ersten Mal bin ich als 13-jähriges Mädchen mit Beethoven in Berührung gekommen. Im Jugendsinfonieorchester des Saarlandes durfte ich seine 7. Sinfonie spielen und war sofort begeistert: von den markanten, abwechslungsreichen Motiven des ersten Satzes, von den Themen des zweiten Satzes, die er so geschickt übereinanderlegt und miteinander verschlingt, vom Scherzo des dritten Satzes, und dann der getriebene vierte Satz, der zum Finale eilt. Einfach großartig.

Von nun an begegnete mir seine Musik immer wieder. Als Praktikantin im Radiosinfonieorchester Stuttgart durfte ich die tolle Erfahrung machen, alle neun Sinfonien mit dem Orchester unter Sir Roger Norrington aufzuführen und einzuspielen. Am meisten bewundere ich an Beethoven, dass er trotz des zunehmenden Verlusts seines Gehörs, des für einen Musiker wohl wichtigsten Sinnes, einer Depression entkommen konnte. Aus Leidenschaft zur Kunst konnte er mit der Gabe einer großartigen Vorstellungskraft weiter komponieren. Ich freue mich sehr, zusammen mit dem Sinfonieorchester Aachen unter der Leitung von Christopher Ward viele seiner Werke aufführen zu können.

Heribert Leuchter: Aachener Musiker und Komponist

Ludwig van Beethoven wird zurecht als Gigant der Hochklassik weltweit verehrt. Wer in Japan Menschenmassen feuertrunken die Ode an die Freude singen lassen kann, der ist wahrlich ein Popstar unserer Zeit. Angesichts seines unfassbaren Gesamtwerkes kann ich nur staunend vor Beethoven niederknien.

Ob ich seine Sinfonien den genialen Linien Bachs, der Heiterkeit Mozarts oder den berührenden Klangschöpfungen Mahlers vorziehen würde? Ein Ranking verbietet sich ohnehin! Viele dieser Komponisten haben wie Berserker gearbeitet, um uns ein untilgbares Erbe zu hinterlassen und durch ihre Musik die Welt wirklich ein bisschen besser zu machen.

In dieses kulturelle Erbe stelle ich ganz bewusst auch Gershwin, Kurt Weill und Duke Ellington und Thelonious Monk und Henry Mancini, Michel Legrand und John Lennon und Arvo Pärt und Pat Metheny und...

Fatjona Maliqi: Klavierschülerin aus Langerwehe

Für mich gehört Beethoven zu den wichtigsten Personen in meinem Leben. Mit seiner Musik bin ich aufgewachsen, und sie beschäftigt mich fast jeden Tag. Jetzt im Beethovenjahr spiele ich mein Lieblingsstück von ihm, die Diabelli-Variationen, in denen ich alles finde, was Beethoven für mich bedeutet. Sie sind nicht nur sein längstes Klavierwerk, sondern auch eines seiner letzten, und ich habe das Gefühl, sie enthalten alles, was er erlebt hat.

Die Arbeit daran inspiriert mich und hilft mir, mein Verstehen von Musik allgemein zu erweitern, weil es darin so vieles zu entschlüsseln gibt.

Mich fasziniert die unglaubliche Vielfalt musikalischer Ausdrucksmittel. Aus einem einfachen Tanz macht er ein Stück, das alles enthält, was man erleben kann, das vielleicht die ganze Menschheitsgeschichte erzählt. Es zeigt alle Seiten des Lebens, und nach etwas Dunklem kommt immer wieder etwas Helles, eine Hoffnung.

MoTrip: Aachener Rapper

Ich muss zugeben, mein erster Kontakt mit klassischer Musik war Beethoven als Klingelton auf meinem alten Handy. Bis heute spiele ich gerne „Für Elise“ (die ersten Töne), wenn ich mal am Klavier sitze.

Durch meine beiden Konzerte mit dem Berliner Konzerthausorchester und dem Kölner Sinfonieorchester, inklusive Aufzeichnung des Albums „Mosaik“, und meine Arbeit mit dem WDR-Rundfunkorchester im Rahmen des Projekts „Das Vivaldi-Experiment“ ist mir klassische Musik nicht ganz fremd.

Aber mein Herz schlägt für Rap als musikalische Ausdrucksform.

Armin Kaumanns: Musikkritiker von „Aachener Zeitung“ und „Aachener Nachrichten“

Ich kann die Neunte nicht leiden, jedenfalls nicht besonders. Ist mir zu viel Pathos und Botschaft in der Kunst. Aber die Streichquartette, gerade die späten, diese geradezu verrückten, in alle Einzelteile auseinanderstieben wollenden und doch vom Genius zusammengehaltenen Kunstwerke, in die bin ich regelrecht verliebt.

All das hat mit meiner musikalischen Sozialisation zu tun, die fast an Beethoven zerschellt wäre (bei meinem ersten Wettbewerb Jugend musiziert), im Studium aber die Cellosonaten zu meinen Lieblingen machte. Denn bei aller Faszination für Beethovens Drang, mit all seinen Mitteln die (musikalische) Welt zu verändern, mag ich doch auch seine Emotionalität.

Die ist selten so nah am Kitsch gebaut wie in dem frühen Lied „Ich liebe dich so wie du mich“. Aber wenn mein Onkel sich dazu meiner Mutter zuliebe ans Klavier setzte, dann gab’s rundum familiäres Tränchenverdrücken.