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Aachen: Große Gefühle prasseln aufs Publikum herab

Aachen : Große Gefühle prasseln aufs Publikum herab

Antonin Dvoráks 1876 entstandenes Werk „Stabat Mater” ist einzigartig.

Die Kantate für Chor, Soli und Orchester, die die Trauer Mariens um ihren gekreuzigten Sohn thematisiert, steckt dermaßen voller Emotionen, dass ihre Klang-Oberfläche immer wieder kurz vor dem Zerreißen zu stehen scheint.

Anderthalb Stunden prasselten in der Aachener Kirche St. Michael an der Jesuitenstraße große Gefühle auf das Publikum nieder; anderthalb Stunden kommt das Publikum vor lauter musikalischer Spannung kaum zum Atmen und ist bis zum Äußersten fasziniert.

Zu verdanken ist diese intensive Erfahrung dem Dirigenten Thomas Beaujean, der am Sonntagabend zusammen mit dem gemischten Chor des von ihm geleiteten Ensembles Cappella Aquensis, dem Sinfonie-Orchester Aachen und einem hochkarätigen Solisten-Quartett eine faszinierende Aufführung zum 100. Todestag des böhmischen Komponisten gestaltete.

Lyrischer Grundton

Einen ausgesprochen lyrischen Grundton stimmte Beaujean, der als Dirigent mit ausgeprägter Gestik und dem spürbaren Willen zur Formung eines dichten Klangbildes agierte, mit der instrumentalen Einleitung an. Sicher führte der musikalische Leiter Chor, Orchester und Solisten durch das Werk, das sich als an Höhepunkten reich erwies.

Was Beaujean und seine Mitstreiter in St. Michael zu Gehör brachten, faszinierte aber nicht nur, weil sie so reich an Effekten war. Sie vermochte zu überzeugen, weil sich alle an ihr Beteiligten engagiert auf die Suche nach der zu Grunde liegenden inneren Wahrheit von Dvoráks Schöpfung begaben. Diese Auffassung von Musik wurde von zutiefst spirituellen Dimensionen bestimmt.

Alles dies konnte sich den anwesenden Freunden der klassischen Musik nur mitteilen, weil sich alle an der Aufführung Beteiligten bei bester Disposition zeigten. Das Orchester vollbrachte einen echten Kraftakt, präsentierte fast ständig einen prächtig vollen Klang, um sich in den zurückhaltenderen Passagen schnell und wandlungsfähig zurückzunehmen.

Der große Chor agierte mit derselben Beweglichkeit und zeichnete sich durch ein quasi atmenden, sehr lebendigen Ton aus. Unter den Solisten profilierte sich die aus den USA stammende Sopranistin Janice Dixon durch die Verbindung aus feiner Fülle in der Stimme und hohem dramatischen Gehalt in der Interpretation, während ihre russische Kollegin Marina Prudenskaja (Alt) mehr balsamische Süße verströmte.

Ähnlich verhielt es sich bei den beiden männlichen Solisten: Während Tenor Scott MacAllister seinen Part sehr breit und mit leuchtender Gestaltung anlegte, neigte der niederländische Bass Harry Peeters der Natur seiner Stimme nach eher zur dunklen Fülle.

Die Zuhörer dankten mit minutenlangem Beifall.