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Lüttich: Groß, modern, königlich: Lüttichs neue Oper

Lüttich : Groß, modern, königlich: Lüttichs neue Oper

An Selbstbewusstsein mangelt es Herrn Mazzonis nicht: „Wir haben jetzt das modernste Haus der Welt”, eröffnet er das Gespräch und schiebt sich genussvoll ein Schokoladenpraliné in den Mund. Stefano Mazzonis di Pralafera, wie der Direktor der Opéra Royal de Wallonie korrekterweise heißt, liebt das große Spektakel, opulente Dekors, viel Emotion, starke Stimmen, große Namen.

Und im sechsten Jahr unter seiner Regie am Opernhaus muss man anerkennen: Das Lütticher Publikum liebt Mazzonis. Da macht es gar nichts, dass er gerne mal ein bisschen dick aufträgt und mit unverhohlener Schadenfreude konstatiert, dass die Oper Lüttich rechtzeitig exakt wie im Zeitplan vorhergesehen, eröffnet worden ist, während die für Pünktlichkeit bekannten Schweizer und die ordentlichen Deutschen mit ihren Häusern in Lausanne und Berlin jeweils drei Jahre im Verzug waren.

Herr Mazzonis hat gut Lachen: Knapp die Hälfte seiner Zeit in Lüttich, zwei Jahre und vier Monate lang, nun hat er im extra dafür gebauten Zelt in Outremeuse gespielt, und trotzdem vor teilweise ausverkauftem Haus. Das gehört auch zu den guten Erinnerungen an die Zeit im Palais Opera, wie die Lütticher das Zelt nennen. Am Anfang gingen die Besucherzahlen stark zurück: „Aber dann haben wir die Oper Boris Godunow gezeigt, und das war ein Riesenerfolg. „Anschließend sind sehr viele Leute gekommen, die vorher nie eine Oper gesehen haben. Und gerade die jungen Besucher waren von der familiären, ungezwungen Atmosphäre begeistert”, erzählt Mazzonis.

An diesen Erfolg möchte er gerne auch nach der Rückkehr ins klassizistische Stammhaus von 1820 des Architekten Auguste Duckers anknüpfen. Und er zielt dabei auf die Leute ab, die eigentlich ansonsten wenig mit Opern zu tun haben. Junge, begeisterungsfähige Menschen bis 30, die schon jetzt 30 Prozent seiner Theaterbesucher ausmachen. Überhaupt gehöre jeder in die Oper, meint Stefano Mazzonis.

Wer die Hemmschwelle überwunden habe, würde die Faszination dieses Genres verstehen: „Diese Mischung aus Drama, Komik, dem Theatralen, die Kostüme und die Klänge. Das ist einzigartig. So ein Erlebnis hat man nicht vor dem Fernseher”, schwärmt Mazzonis. Ihm hat es besonders die italienische Oper angetan, neben Rigoletto, Fidelio und Cavalleria rusticana (sie steht ab 17. November auf dem Spielplan) liebt der Opernherr aber auch den Wozzeck.

Und jetzt kann das Haus auch technisch aufwendige Produktionen problemlos aufführen, so dass Coproduktionen mit den großen Opernhäusern der Welt nichts mehr im Wege steht, wie der Direktor betont. Herr Mazzonis Stil, opulent verziertes Theater mit einem „Las-Vegas-Spektakel” zu verbinden, passt jetzt ganz genau zum Haus.

Um es einerseits technisch auf den neusten Stand zu bringen und andererseits den Charme des 19. Jahrhunderts zu bewahren, sind fast 31 Millionen Euro nötig gewesen. Die Hälfte dieses Geldes kam von der Wallonischen Region, 40 Prozent sind europäische Fördermittel, und zehn Prozent hat die Stadt Lüttich dazugegeben, wie die Stadtarchitektin Marie Pirlet erklärt: „Drei Architekturbüros waren damit betraut, Altes zu restaurieren und Neues dazuzusetzen, wo es nötig ist.” Marie Pirlet koordinierte zwischen den Büros A2RC aus Brüssel (zuständig für alles Neue), Origin (zuständig für Restauration und Denkmalschutz) und Architectes Associes S.A. aus Sprimont (zuständig für Technik).

Wer die Oper vor dem Umbau kennt, wird sich an ein leicht heruntergekommenes Gebäude in Gelb mit rußschwarzen Säulen, Säulengang und Giebeldreieck nach antikem Vorbild erinnern. Der Säulengang war durch ein hässliches Gitter verschandelt. „Wir hatten den Auftrag, das Gebäude zu vergrößern. Das Neue sollte 100-prozentig modern sein, das Alte 100-prozentig historisch bleiben”, sagt die Architektin Laurence Hendrickx von A2RC.

Sanierungsbedürftig und eng

Das alte Gebäude war nicht nur sanierungsbedürftig, sondern platzte auch aus allen Nähten. Viele Produktionen konnten nicht umgesetzt werden, weil es zu lange dauerte das Bühnenbild umzubauen und generell der Bühne Raum nach oben für die Technik fehlte. Die Verwaltung war in einem Gebäude hinter der Oper untergebracht. Und die Chorsänger mussten in einem Saal außerhalb des Stadtzentrums proben, wenn das Orchester die Bühne belegte. Die Akustik ließ ebenfalls zu wünschen übrig.

Wer heute vor die Oper tritt, sieht ein strahlend weißes klassizistisches Gebäude mit Marmorsäulen in warmem Rot und einem Säulengang, der mit modernen Glasfenstern nun als Vorhalle zum Eingangsbereich der Oper dient. Am Auffälligsten ist jedoch der große Kubus, der auf dem gesamten Haus thront.

Der große Monolith, der hinter dem höchsten Punkt des Giebels um vier Meter aufragt, wirkt modern, verbindet sich aber harmonisch mit dem alten Gebäude. „Es ist eigentlich ein großer Block, der da auf der Oper aufliegt. Um die Struktur der Oberfläche aufzulockern, ist die gesamte Fläche mit Aluminium-Streifen verkleidet”, erklärt Laurence Hendrickx. Die Farbe des Metalls wurde in einem chemischen Prozess so verändert, dass es an Kupfer erinnert.

An der Seite dieses Blocks kann man ab und an einen gläsernen Außen-Aufzug emporsteigen sehen, der bis zur 5. Etage innerhalb des Gebäudes verläuft und erst ab der 6. Etage an der Außenseite hochfährt. Er führt dann bis zur 8. Etage, einem Saal, der das Herz der neuen drei Stockwerke über dem alten Gebäude ist.

Dieser Raum, von dem aus man einen fantastischen Blick auf das Zentrum Lüttichs hat, ist auch für das Publikum zugänglich. In ihm soll es zusätzliche Veranstaltungen geben, Firmen oder Privatleute können ihn mieten. Von der Oper selbst wird er als Probenraum genutzt: „Er hat die gleichen Maße wie die Bühne, so dass man hier mit den Schauspielern und Chorsängern passgenau üben kann”, sagt Hendrickx. Ansonsten sind in den drei Stockwerken kleinere Probenräume, die Cafeteria für die Mitarbeiter, ein neuer Pausen- und Ausstellungsraum in Form eines Tunnels und die Verwaltung der Oper eingerichtet. Außerdem hat nun die Bühne an Höhe gewonnen, damit man die ganze Technik unterbringen konnte.

Unter anderem ist es ein Ding Namens „Spiralift”, das Stefano Mazzonis Augen zum Leuchten bringt. Das Patent aus Kanada ermöglicht es innerhalb kürzester Zeit, die viergeteilte Bühne lautlos hoch und herunterzufahren: „Wir brauchen genau 30 Sekunden, um ein völlig neues Bühnenbild zu zeigen”. Daran sind auch die rund 70 Motoren beteiligt, die Teile des Bühnenbilds wie einen gigantischen Spiegel bei der Oper Stradella oder Kulissen schnell in den Bühnenraum herunterlassen können. „Mit dem Spiralift können Sie aus der Bühne auch eine Skipiste bauen, wenn Sie das wollen”, sagt Laurence Hendrickx.

Die unendlichen Möglichkeiten sind genau in Mazzonis’ Sinn. Und er brennt darauf, sie in der neuen Spielzeit zu zeigen. Die hat er passenderweise unter das Motto „House of Dreams” (Haus der Träume) gestellt. Für Mazzonis ist es nicht nur ein Haus der Träume, sondern auch ein Traumhaus: Groß, modern, königlich - und mit bester Akustik. Das mussten auch die Musiker im neu gebauten Orchestergraben feststellen. Als sie sich nach dem Umbau wie immer in den Probenpausen unterhielten, schrie Stefano Mazzonis den Musikern plötzlich aus der Loge zu: „Ich verstehe jetzt jedes Wort, das Ihr da unten tuschelt.”