Aachen: Grenzlandtheater: Saisonauftakt mit Baustellen-Atmosphäre

Aachen: Grenzlandtheater: Saisonauftakt mit Baustellen-Atmosphäre

Nein, kein Mitmach-Theater und kein Trick der Regie: Das Grenzlandtheater Aachen startet mit einem Kriminalstück in die neue Saison — und mit einer Baustelle. So kann das Publikum hautnah miterleben, wie sich das Theater in der Elisengalerie verwandelt und schrittweise erneuert.

„Der Zuschauerraum ist natürlich zur Premiere fertig, wir haben eine komplett neue Bestuhlung, alles sehr hochwertig“, berichtet Intendant Uwe Brandt. Auch die Rückwand (bisher helles Holz mit Fensterattrappen) wurde akustisch aufgefrischt und ist jetzt klassisch schwarz.

Das Stück „Der talentierte Mr. Ripley“ nach dem Roman von Patricia Highsmith bringt Literatur mit „Aha-Effekt“ auf die Bühne. „Jeder hat irgendwann schon etwas davon gehört, den Krimi gelesen oder den Film mit Alain Delon gesehen“, meint der Intendant. Für die Kölner Regisseurin Catharina Fillers eine besondere Herausforderung, zumal sie und das gesamte Ensemble zurzeit noch über Kabel und Handwerkerutensilien steigen müssen. „Das wird noch 14 Tage lang so bleiben, aber gute Handwerksarbeit braucht Zeit, das ist in den Theaterferien nicht zu schaffen“, meint Brandt.

Theater soll auffallen

20 Jahre Elisengalerie — das sind auch 20 Jahre Theater. Was damals nach Umbau der vormaligen Nuellenspassage frisch und technisch höchst modern war, trägt nun deutlich Gebrauchs- und Ermüdungsspuren. „Wenn man bedenkt, wie viele Menschen hier als Zuschauer oder Mitarbeiter waren, ist das kein Wunder“, sagt Brandt. So wurde die Technik überarbeitet und das Foyer komplett umgebaut — rund 450.000 Euro werden investiert, damit alles auf dem neuesten Stand ist.

„So ein Theater muss auffallen und einladend sein, auch tagsüber“, fordert Brandt. Die metallische Welle über dem Eingang — damals höchst modern — wird einer klaren Fassadengliederung mit dem Schriftzug „Theater“ weichen. Der dunkelbraune Holzboden im Foyer ist bereits verlegt. Die Kasse (bisher auf der rechten Seite) weicht einem hellen, offenen Counter an der Stirnseite des Raums, hinter dem Sitzplan und Fotos von den Inszenierungen auf einer Projektionswand zu sehen sind. Dahinter „verschwindet“ die Garderobe.

Das Foyer erhält ein neues Beleuchtungskonzept. Statt des Metallgeländers an der Rampe gibt es eine lange Bank als Treffpunkt — zum Beispiel, um über Catharina Fillers Umsetzung des komplexen Romanstoffs „Der talentierte Mr. Ripley“ zu diskutieren. Es geht um einen Betrüger, der zum Mörder wird und dabei so charmant agiert, dass man ihm — trotz seiner Taten — nicht besonders böse sein kann.

„Als der Roman 1955 in Amerika erschien, war das völlig neu und erregte Aufsehen, nicht zuletzt wegen seiner unterschwelligen homoerotischen Anspielungen“, sagt Catharina Fillers. „Inzwischen haben das viele Autoren nachgemacht.“ Sie selbst wird die Geschichte nicht ausschließlich aus der Perspektive des Täters erzählen, wie es im Roman geschieht.

Vier Akteure werden die dicht gesponnene, psychologisch raffiniert gestaltete Geschichte umsetzen. Fabian Goedecke, der in Aachen unter anderem in „Das Bildnis des Dorian Gray“ und in „The King‘s Speech“ zu sehen war, wird den Titelhelden Tom Ripley verkörpern. „Mir ist es wichtig, dass man versteht, woher sein Verhalten kommt, dass er erst durch die tiefe Demütigung, die er erfahren hat, die Energie zur Tat entwickeln konnte“, betont die Regisseurin.

Botschaft für die Zuschauer

Der Blick nach innen ist zugleich eine Botschaft für den Zuschauer: Was steckt tatsächlich in einem Menschen? Wozu ist er fähig? Ihr Tom Ripley wird dem amerikanischen Zukunftstraum „vom Tellerwäscher zum Millionär“ widersprechen. „Es funktioniert eben nicht immer, und das will ich zeigen“, sagt sie. „Gleichzeitig ist dieser Mann davon überzeugt, dass ihm Reichtum und gesellschaftliche Stellung tatsächlich zustehen. Also nimmt er sich das, was man ihm seiner Meinung nach versagt.“ Spannend soll es werden, den Gerechtigkeitsbegriff durchleuchten und infrage stellen

Der Täter als Chamäleon, das sich seiner Umgebung anpasst — so sieht die Regisseurin ihren Mr. Ripley und setzt auf dessen Talente: „Der Identitätswechsel führt zur Veränderung, irgendwann müsste Ripley die Reißleine ziehen, aber das kann er nicht mehr.“