Aachen: Grenzlandtheater Aachen eröffnet mit „Arthur & Claire“ die neue Spielzeit

Aachen: Grenzlandtheater Aachen eröffnet mit „Arthur & Claire“ die neue Spielzeit

Ein Wort, ein Moment, ein Blick — und plötzlich ist alles anders. Zwei Menschen wollen nicht mehr leben. Er, Arthur, der Lehrer, weil man bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert hat. Sie, Claire, weil sie Mann und Kind bei einem Unfall verloren hat, an dem sie schuld war.

In einem Amsterdamer Hotel treffen sie zufällig aufeinander, eine Idee, aus der bei Stefan Vögel ein Stück wird: Mit der Tragikomödie „Arthur & Claire“ hat das Grenzlandtheater Aachen die Spielzeit 2018/2019 erfolgreich eröffnet. Dramaturgin Anja Junski hat es als Regisseurin übernommen, eine Geschichte zu erzählen, die Fingerspitzengefühl verlangt, weil sie auf einem schmalen Grat balanciert: Begleiteter Suizid, aktive Selbsttötung, das sind keine Lappalien.

Und dennoch darf im Stück des Österreichers, Jahrgang 1969, gelacht werden, nimmt Vögel die Ironie des Lebens in den Fokus.

Mit Arthur und Claire treffen zwei Welten aufeinander. Anja Junski hat in Cynthia Thurat als Claire und Stefan Schneider als Arthur Protagonisten gewählt, bei denen man von Anfang an spürt, dass sie einander nicht egal sind. Widerstrebend zwar, aber nach und nach interessiert am Schicksal des anderen. Da regen sich unerwartet die Lebensgeister, wandert der Blick vom eigenen Ich zu einem Menschen, mit dem man niemals gerechnet hätte.

Ein Ringen beginnt, tiefere psychische Schichten werden freigelegt. Cynthia Thurat durchläuft die eindrucksvolle Entwicklung vom heulenden Selbstmitleid zum tiefen Gefühl für den anderen. Und sie staunt, wie tröstlich das ist. Ihre Lebensgeister regen sich nicht nur, sie finden eine neue Richtung. Wut und Entrüstung sind Katalysatoren. Sie wird dabei immer schöner, frischer, wacher. Bei Stefan Schneider ist es ähnlich. Da ist noch so viel Leben im Prinzipienreiter, der eine massive innere Abwehr aufgebaut hat. Gegenwind weckt neue, alte Wünsche, eine Empörung steigt auf, mit der er nie gerechnet hätte. Das macht Schneider richtig gut — ohne den Charakter seiner Rolle zu verleugnen.

Viel Applaus

Nach einer fröhlichen Tour durch Amsterdam kippen die beiden wie glückliche Kinder ins Bett. So nah am Publikum lösen die Akteure ihre textilfreien Szenen sehr geschickt. Was Anja Junski wichtig ist — der Perspektivwechsel, selbst der neue Schmerz sind wichtig, Hauptsache, man ist nicht allein. Wunden und Sünden der Vergangenheit treten nach und nach zutage. Da ist Feinarbeit notwendig.

Häufig reichen sich Arthur und Claire die Hand, anfangs eher unbewusst, dann mehr und mehr warm und herzlich. Tom Grasshof sorgt für ein Bühnenbild, das geschickt die nebeneinander liegenden Hotelzimmer assoziieren lässt. Die Ausstattung ist edel, blaugraue Wände, Fotoarbeiten, ein matter Spiegel, Laminatboden, komfortable Betten. Es ist da, was man braucht — aber alles unverbindlich, leblos, schön und doch karg.

Anja Junskis Inszenierung verbindet die Natürlichkeit ihrer Darsteller mit theatralischer Dynamik. Spannung baut sich auf. Die Wendungen der Geschichte sind nicht absehbar. Zum Ende hin gibt es eine Entwicklung, die Geschmacksache ist, vielleicht zu kitschig, aber das sollte jeder für sich entscheiden. Zumindest gibt es Fabio Piana die Chance, als netter Problemsohn David aufzutauchen. Versöhnung findet statt, irgendwie. Viel Applaus für alle.

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