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Grenzkünstler für vier Wochen

Grenzkünstler für vier Wochen

Aachen (an-o) - Er ist weit gereist, aber nicht weit gekommen. In Argentinien kennt Matthias Dachs nur die vier Wände einer Gefängniszelle, in Frankreich war er Clochard und in Deutschland obdachlos. Jetzt wohnt er im Grenzhäuschen und malt - als Stipendiat eines "sozialen Kunstprojekts".

Auf seiner Odyssee hat der heute 48-jährige gebürtige Heinsberger viel erlebt, als blinder Passagier reiste er nach Argentinien und Mexico, wurde jedes Mal erwischt und, so lange kein Schiff zurück fuhr, ins Gefängnis gesteckt. Zwei Jahre lang war er im Dienst der spanischen Fremdenlegion unterwegs, dann verschlug es ihn nach Italien.

Seit vier Jahren ist er jetzt wieder in der Heimat sesshaft und lebt von Sozialhilfe. Ein Glücksfall. Zumindest für den Raerener Kunstverein KuKuK, der seinen Sitz im alten Zollhäuschen an der Grenze Köpfchen hat. Die zwei Künstler Hans Lamb und Johannes Welter suchten nach einem geeigneten Stipendiaten für ein Kunstprojekt, das sie ersonnen haben, um die "Grenze" nicht nur topographisch sondern auch gesellschaftlich sichtbar zu machen. Ein "Außenseiter" sollte her, vier Wochen das Grenzhäuschen beziehen und dort künstlerisch arbeiten. Ziel des Projekts "Insideout" ist einen Menschen, der am Rand steht, und die Diskussion über Grenzen, Gesellschaft und Kunst zu fördern.

Das war Matthias Dachs Chance: So bruchstückhaft sein Leben, so konstant ist sein kreativer Antrieb: "Schon als Kind habe ich gemalt." In sein Zuhause für einen Monat hat er auch alte Arbeiten mitgebracht: Dreißig Kilo Rollen, auf denen er die Bibel in Sütterlin verschriftet, Blumenbilder, Madonnenzeichnungen nach Raffael-Vorbildern, eine Burg, ein Segelboot. Das sind die Fetzen einer Realität, die bei Matthias Dachs gleichzeitig und unmittelbar nebeneinander stehen. So ähnlich wie Buenos Aires neben Heinsberg im Lebenslauf. Oder die sechs Sprachen, die er teils gut spricht.

Nach dem Warum für ein Motiv gefragt, schaut er erstaunt und antwortet dann: "Weil es mir gefällt" und ein bisschen später: "Malen ist für mich wie eine Beruhigungspille."

Morgens um sieben

Sein Stipendium nimmt er ernst. Meist schon morgens um sieben setzt er sich an seinen Schreibtisch und beginnt mit dem Malen oder Schreiben, immer neben ihm sein Hund Jakob. Dabei können Besucher Matthias Dachs zuschauen, mit ihm sprechen oder ihn einfach betrachten. Denn eins ist klar: Der Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, blinde Passagier und Lebenskünstler Matthias Dachs macht mindestens die Hälfte der Inszenierung aus. Hoffentlich weiß er das auch.