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Aachen: Grenzgänger in der globalisierten Welt

Aachen : Grenzgänger in der globalisierten Welt

Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden lieferte den theoretischen Überbau: „Wenn der Integrationsprozess auf gesellschaftlicher Ebene - vor allem in den Städten - nicht funktioniert, dann ist er auch auf europäischer Ebene fraglich.”

Deshalb widme sich der Europäische Medienpreis, die Médaille Charlemagne pour les Médias Européens (oder auch: Karlsmedaille), genau diesem Thema, und deshalb würden in diesem Jahr zwei Künstler ausgezeichnet, die sich mit diesem Spannungsfeld nicht nur in ihrer Arbeit intensiv auseinandergesetzt haben, sondern auch durch ihre Biografie für diesen Preis geradezu prädestiniert seien: der türkischstämmige Regisseur Fatih Akin aus Hamburg und der französische Regisseur Abdellatif Kechiche. Beide gäben mit ihren Filmen Einblicke in den Alltag von Migranten, sagte die Kuratoriums-Vorsitzende Frauke Gerlach gestern im Aachener Rathaus.

Beide Regisseure sind für ihr Werk vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Dem im Dezember 1960 im nordafrikanischen Tunis geborene, in Nizza aufgewachsene und in Paris lebende Kechiche geht es um die Lebenswirklichkeit von Nordafrikanern in Frankreich. Dabei arbeitet er fast ausschließlich mit Laiendarstellern. Sein Debüt als Filmregisseur gab er 2002 mit „Voltaire ist schuld”, in dem er einen jungen Tunesier porträtiert, der die französische Staatsbürgerschaft erlangen will.

Drei Jahre später folgte die Milieustudie „L´esquive” (Drückeberger). Kechiches bislang größter Erfolg - es gab dafür vier Césars - zeichnet das Heranwachsen von Jugendlichen in einem tristen Pariser Vorort nach. Im vergangenen Jahr dann erschien Kechiches dritter Spielfilm als Regisseur: „La graine et le mulet” über einen arbeitslosen Werftarbeiter, der von einem Neuanfang träumt, lief im Wettbewerb um den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig.

Was es heißt, Grenzgänger in einer globalisierten Welt zu sein, das ist auch das Thema von Fatih Akin. Der am 25. August 1973 in Hamburg geborene Sohn türkischer Einwanderer zählt unbestreitbar zu den profiliertesten und am höchsten dekorierten (Deutscher und Europäischer Filmpreis, Auszeichnungen in Cannes und auf der Berlinale) deutschen Filmemachern.

Ob „Solino” (2002), „Gegen die Wand” (2004) oder „Auf der anderen Seite” (2007): Akins Filme berühren, seine Welt ist uns aber auch fremd, er verharmlost nicht, gibt aber auch Hoffnung. Das alles verbindet ihn - bei aller Unterschiedlichkeit - mit dem Werk von Kechiche. „Sie leisten damit einen wesentlichen Beitrag zum gegenseitigen Verstehen und sensibilisieren uns für eine Kultur der Anerkennung”, betonte Gerlach.

Und für Prof. Walter Eversheim, Sprecher des Karlspreis-Direktoriums, ist die Karlsmedaille die perfekte Ergänzung im kulturellen und medialen Bereich zum alt-ehrwürdigen Karlspreis und zum neuen Jugend-Karlspreis. Rund um die Preisverleihung am 24. April in Aachen, zu der Kechiche und Akin anreisen werden, ist ein Begleitprogramm vorgesehen.

So sollen die Regisseure mit Filmstudenten diskutieren, am Vorabend soll es Filme von ihnen zu sehen geben. Als Laudator ist Jean-Jacques Annaud, selbst Oscar-prämierter Regisseur und Träger der Karlsmedaille, angefragt.