Düsseldorf: Grausames Leben in der Glaszelle

Düsseldorf: Grausames Leben in der Glaszelle

Selbst für die mit Janaceks Musik nun wahrlich vertrauten Düsseldorfer Symphoniker unter John Fiore stellt die Partitur der letzten Oper des großen Tschechen, „Aus einem Totenhaus”, eine Herausforderung dar.

Am Ende der 20er Jahre ist auch im beschaulichen Brünn so ziemlich Schluss mit der vertrauten Tonalität, Themen scheinen aus dem Schredder zu stammen, große gesangliche Gesten weisen allenfalls in eine Vergangenheit, der die Zukunft abhanden gekommen ist. In Extremen suchen selbst die Klangfarben eine unwirtliche Heimat, indem sich die Klänge spreizen und aufspalten, aus der Vereinzelung heraus mühsam zusammenfinden. Regisseur Stein Winge komplettiert mit diesem wunderbar sperrigen Werk seinen überaus verdienstvollen Janacek-Zyklus an der Rheinoper, rundet zugleich die Ära des Intendanten Tobias Richter und die des Generalmusikdirektors Fiore zum versöhnlichen Ende.

Im sibirischen Lager

„Aus einem Totenhaus” verweigert sich einer Handlung. Das aus Dostojewskis „Erzählungen aus einem Totenhaus” kondensierte Libretto zeigt eine Gruppe Strafgefangener in einem sibirischen Lager - der Willkür der Kommandanten ausgesetzt und ohne Hoffnung auf Freiheit. Im Zentrum der drei Akte steht jeweils eine Lebens-Erzählung eines Gefangenen, die sein jeweils mörderisches Verbrechen reflektiert: grausame Taten chancenloser Existenzen.

Winge inszeniert äußerst unpathetisch und mit präzisem Blick für die einzelne Figur im geschlossenen Raum, den Herbert Murauer erdachte. Ein grauer, trister, sich weit ins Theaterinnere streckender Guckkasten, in den von den Seiten gläserne, neonlichte Zellen eindringen und ihn wieder freigeben können. Hier kreist die unfreiwillige Gemeinschaft der Männer um sich selbst,

Konkurrenz, Gewalt prägen das Leben im Gulag. Zart und zerbrechlich kann sich nur die Freundschaft zweier Männer entwickeln, parallel zur Genesung eines Adlers, der mit gebrochenen Flügeln ins Lager gestürzt war. Selbst diese Metaphern von Menschlichkeit und Freiheit nimmt Winge zurück, auch wenn am Ende das Adlermodell im Einklang mit der Meute der Gefangenen die Flügel schwingt.

So entspinnt sich ein dichtes, düsteres Kammerspiel, das im Mittelakt von zwei deftigen, bunten und ebenso gestalteten Pantomimen unterbrochen wird, in denen Sex und Gewalt tragende Rollen spielen. Höhepunkte dieser intensiven Inszenierung sind die Lebenserzählungen, deren längste und letzte Bariton Oleg Bryjak als Schischkow zu einem ganz großen Opernmoment gestaltet.

Außerordentlich auch die Leistung der Tenöre Alfons Eberz (überaus präsent in der Rolle des Luka) und Jan Vacik (Skuratow). Über 20 Männer-Solisten kann die Rheinoper neben dem Männerchor aufbieten, auch das ein außerordentliches Unterfangen von beachtlicher Qualität. Starker, einhelliger Beifall der Premierenbesucher.

„Aus einem Totenhaus” von Janacek an der Rheinoper, Düsseldorf, Heinrich-Heine-Allee, 90 Minuten, keine Pause. Vorstellungen: am 16, 21., 24., 27., 30. Mai; 6. Juni

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