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Aachen: Grandiose Stimmen entführen in Hölderlins Götterwelt

Aachen : Grandiose Stimmen entführen in Hölderlins Götterwelt

Gedämpfte, sanfte Streicherklänge eröffneten die neue Saison der Meisterkonzerte im Aachener Eurogress: Der unkonventionelle Philippe Herreweghe interpretierte mit der Königlichen Philharmonie von Flandern und den beiden Chören Collegium Vocale Gent und Accademia Chigiana Siena das Schicksalslied für Chor und Orchester von Johannes Brahms.

Ein warmer, runder Orchesterklang und ein blendend disponierter Chor mit hervorragendem Stimmmaterial entführten in Hölderlins luftige Götterwelt, die von den rhythmisch-pointierten, wilden und zerklüfteten Passagen der ihrem Schicksal ausgelieferten Menschheit kontrastiert wurden. Eine schöne, abgerundete Aufführung dieses eher selten zu hörenden Brahms-Werks und ein kurzer erster Konzertteil, der im zweiten von Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie ergänzt wurde.

Herreweghe ist ein Exponent der historischen Aufführungspraxis alter Musik. Das ist aus jeder Phrase und jeder Passage seiner Beethoven-Interpretation herauszuhören.

Schlanker Orchesterklang mit wohldosiertem Vibrato, Naturtrompeten und eng mensurierten Posaunen, schnellen Tempi, die sich streng an Beethovens Metronomangaben orientieren und im Falle des Finales weit darüber hinausgehen, zurückgenommener Dynamik selbst beim grellen Ausbruch des Finalsatzes: All dies führt zu einer Beethoven-Deutung ohne jedes Pathos, ohne emotionale Überfrachtung, aber auch ohne magische Momente.

Das Antwerpener Orchester setzt Herreweghes Intentionen nahtlos um, auch wenn es bisweilen zu kleinen Wackeleien im Zusammenspiel kam, die an Herreweghes unorthodoxer Zeichengebung liegen könnten.

Exzellent die vokale Seite: Die Solisten Christiane Oelze, Ingeborg Danz, Christoph Strehl und David Wilson-Johnson sind internationale Größen ihres Fachs. Doch auch sie konnten ebenso wie der famose, stimmlich hervorragend besetzte Chor mit seinen nur 45 Sängerinnen und Sängern aus Beethovens monströsen vokalen Linienführungen keinen Schöngesang formen. Dass Herreweghe auch die gefürchtete Solistenkadenz in fließendem Tempo singen ließ, konnte nur dankbar registriert werden.

Am Ende dann doch noch jubelnder, beinahe hysterischer Überschwang, der vom Publikum dankbar quittiert wurde.