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Region: Graham Nash glaubt an die Kraft der Musik

Region : Graham Nash glaubt an die Kraft der Musik

Als Teil des 1968 gegründeten Sangestrios Crosby, Stills & Nash lieferte Graham Nash der Hippiegeneration ihre Hymnen („Teach Your Children“, „Marrakesch Express“). Zweimal wurde er in die Rock And Roll Hall Of Fame einberufen. Der mittlerweile 76-jährige Sänger und Songschreiber ist bekannt für klare Worte und friedensbewegte Aktionen.

Jetzt tourt er mit seinem neuen Album „Over The Years ...“, mit dem er auf seine fünf Jahrzehnte währende Karriere zurückblickt, solo in Deutschland, Luxemburg und der Schweiz. Olaf Neumann traf ihn zum Gespräch.

Sie schrieben Musikgeschichte: Graham Nash (hier 2006) mit Stephen Stills, Neil Young und David Crosby (von links). Foto: imago/ZUMA Press

Wie schwierig ist es, eine Setlist zusammenzustellen, wenn man so viele Songs geschrieben hat wie Sie?

Graham Nash: Das stimmt, ich habe in meinem Leben wirklich viele Songs geschrieben. Deshalb versuche ich immer zu analysieren, welche Titel ich spielen sollte. Zuerst einmal zahlt mein Publikum Geld, um mich zu sehen. Also überlege ich mir, womit ich den Leuten einen großartigen Abend bereiten könnte. Nämlich indem ich Songs von den Hollies bis hin zu aktuellen Titeln spiele.

Gibt es einen Song, der auf keinen Fall fehlen darf?

Nash: Natürlich! „Teach Your Children“, „Our House“, „Wind On The Water“, „Marrakesch Express“, „Just A Song Before I Go“, „Cathedral“, „Wasted On The Way“, „Immigration Man“.

Songs wie „Military Madness“ und „Immigration Man“ scheinen heute relevanter denn je zu sein.

Nash: Dies macht mich einerseits glücklich, andererseits aber auch betrübt. Schön, dass meine Musik so lange überlebt hat, traurig, dass ich Songs wie „Military Madness“ immer noch singen muss. Es liegt daran, dass die Geschichte sich wiederholt — immer wieder.

Sie sind in England geboren und besitzen seit über 35 Jahren die amerikanische Staatsbürgerschaft. Warum ist Ihnen das wichtig?

Nash: Weil ich dazugehören will. Es wäre scheinheilig, die Regierung und Politik zu kritisieren, ohne Staatsbürger zu sein. Außerdem will ich wählen dürfen. Ich denke und fühle zwar immer noch englisch, gleichzeitig bin ich stolz, Amerikaner zu sein. Mein Land ist so großartig wegen seiner Menschen. Im Grunde haben die Amerikaner ein gutes Herz, aber leider setzt Donald Trump darauf, ihre Ängste zu verstärken.

Neigen Sie im Moment dazu, Songs zu schreiben, die die Zustände in der Politik oder der Gesellschaft kommentieren?

Nash: Es ist sehr schwierig, einen Song über die amtierende US-Regierung zu schreiben. Ich lasse mir dabei viel Zeit, weil ich wirklich etwas aussagen will. So habe ich es damals auch mit dem religionskritischen Song „Ca-thedral“ gehalten. Ich möchte sichergehen, dass jedes Wort, das ich über diesen Präsidenten und dessen Regierung schreibe, korrekt ist und meine Gefühle authentisch widerspiegelt. Trump versetzt Amerika um 50 Jahre zurück in seine Vergangenheit. Ich fiebere dem Tag entgegen, an dem er nicht mehr Präsident der Vereinigten Staaten ist.

Wird das Schreiben von Songs mit den Jahren immer leichter?

Nash: Ich würde nicht sagen, dass es leichter wird. Aber ich kenne den Prozess immer besser. Voraussetzung ist, dass ich bei einem bestimmten Thema etwas fühle. Ist das der Fall, beginne ich, über das Thema intensiv nachzudenken. Dann fällt mir in der Regel auch ein Text ein. Oft habe ich die Melodie zuerst geschrieben. Es ist ein sehr interessanter Prozess, den ich nie ganz durchschaut habe. Magie eben.

Sie sind vor einiger Zeit von der West- an die Ostküste gezogen. Hat sich dadurch Ihr Blick auf Amerika verändert?

Nash: Ich habe das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Meine Mutter und mein Vater haben mich gelehrt, immer auf mein Herz zu hören. Und mein Herz sagte mir, ich solle umziehen. Und das habe ich auch getan. Mein Herz hat mich bis jetzt nicht ein einziges Mal enttäuscht. Trump ist hier in New York sehr unbeliebt. Ich habe seit meiner Kindheit eine klare Vision von den Vereinigten Staaten. Es ist ein unglaublich großartiges Land. Aber es hat auch seine Probleme. Ich werde manchmal gefragt, ob ich vorhabe, das Land wegen Trump zu verlassen. Warum sollte ich gehen? Ich muss bleiben und kämpfen! Ich muss Widerstand leisten gegen diesen Mann. Denn er ist unglaublich schlecht für die Vereinigten Staaten von Amerika. Das ist meine Meinung.

Wie viel revolutionäres Potenzial steckt noch in der Rockmusik?

Nash: Die Menschen, die die wichtigsten Medien auf der Welt besitzen, kann man an zehn Fingern abzählen. Die wollen keine Revolution. Die sind nicht an Künstlern interessiert, die den gegenwärtigen Zustand verändern. Die wollen Schafe, die vor sich hin dösen und gefälligst den Mund halten. Wir leben wieder in Zeiten von Brot und Spielen. Gebt dem Volk etwas zur Unterhaltung wie die Kardeshians und etwas zu Essen wie McDonalds, damit wir es ungestört ausnehmen können. Genau das passiert gerade in den USA.

Welche Verantwortung hat ein Künstler gegenüber seinem Publikum?

Nash: Er muss darüber sprechen, was da draußen wirklich los ist. Er muss den Leuten zeigen, wie er sich tief in seinem Innersten fühlt. Er muss sie dazu ermutigen, sich zu informieren und gegebenenfalls zu handeln. Das ist Teil meines Jobs. Ich habe Konzerte vor mehreren hunderttausend Menschen gespielt. In Woodstock zum Beispiel. Aber ich liebe auch kleine intime Auftritte, bei denen ich dem Publikum in die Augen schauen kann. Ich spüre genau, wenn ich mich mit ihm verbinde. Ein ganz besonderes Gefühl!

Welche Aspekte Ihres Jobs bereiten Ihnen den meisten Spaß?

Nash: Lächelnde Menschen. Das ist meine Aufgabe. Mein Publikum muss zwei Dinge wissen: Erstens: Ich komme, um es mit Musik zu unterhalten. Zweitens: Ich möchte die Leute lächeln sehen, wenn sie nach der Show den Saal verlassen. Dann habe ich alles richtig gemacht.

Die Musikzene der 60er und 70er Jahre wird als großer Pop-Mythos verklärt. War es damals wirklich so toll?

Nash: Absolut! Es war damals sogar noch besser, als es heute beschrieben wird. Man darf nicht vergessen, dass all die Leute, die über die 60er und 70er Jahre schreiben und schrieben, diese Musik nicht gemacht haben. Für Musiker wie mich war es eine fantastische Zeit. Es war eine Zeit voller Freiheit und Sonnenschein. Voller Kreativität und Musik. Und voller schöner Frauen.

Bis in Vietnam der Krieg ausbrach...

Nash: Der hatte natürlich schon vor der Flower-Power-Zeit begonnen. Er bewirkte, dass die Amerikaner näher zusammenrückten. Hunderttausende Kriegsgegner sind damals protestierend durch die Straßen marschiert, um ihre Gefühle gegenüber den Kongressabgeordneten auszudrücken. Das trug dazu bei, dass der Vietnamkrieg beendet wurde.

Was kann Musik bewirken?

Nash: Ich bin mir absolut sicher, dass sie einen Beitrag geleistet hat, den Vietnamkrieg zu beenden. Weil sie die Menschen zusammengebracht hat. Wie ich eingangs sagte, ist es sehr traurig, dass ich noch immer „Military Madness“ singen muss. Der Song ist heute — leider — relevanter denn je. Wie auch „Immigration Man“.

David Crosby sagte kürzlich: „Wir mögen uns nicht besonders, aber noch weniger mögen wir Donald Trump“. Könnte Ihre gemeinsame Verachtung für Donald Trump eine Wiedervereinigung der Supergruppe Crosby, Stills & Nash bewirken?

Nash: Ich glaube nicht, dass wir jemals wieder zusammen Musik machen werden. Crosby kann sagen, was er will. Ich stehe in Kontakt mit Stephen (Stills) und Neil (Young). Aber keiner von uns spricht mit Crosby.

Das ist eine sehr traurige Nachricht für die Fans von CSN.

Nash: Das ist auch für mich als Musiker traurig. Wir haben schließlich fabelhafte Musik zusammen gemacht. Aber manchmal zeigen dir Leute, wer sie wirklich sind. Crosby hat dies getan. Ich brauchte 45 Jahre, um herauszufinden, wer er wirklich ist. Natürlich ist das traurig, aber die Songs, die wir in der Vergangenheit zusammen gemacht haben, werden ja bleiben.

Und was macht Sie heutzutage glücklich?

Nash: Kreativität. Liebe. Schönheit. Frieden.

An welchem Punkt Ihrer Karriere sind Sie jetzt angelangt?

Nash: Vielleicht bin ich drei Viertel auf meinem Weg gegangen. Ich bin 76 Jahre alt. Mir ist bewusst, dass ich mich in der letzten Phase meines Lebens befinde. Mein jüngstes Studioalbum „This Path Tonight“ beschäftigt sich mit meiner eigenen Sterblichkeit und meinen Gefühlen. Aber ich lebe noch, bin gesund und mache noch immer leidenschaftlich gern Musik. Ich hätte nichts gegen weitere 30 Jahre einzuwenden.

Wovon träumen Sie?

Nash: Mein bisheriges Leben war ein einziger wunderschöner Traum. Unfassbar! Und er geht weiter. Ich schreibe ständig neue Songs. Ie_SSRqm ready to rock! Ich mache so lange weiter, bis ich ins Grab steige. Meine neueste Platte ist ein Greatest-Hits-Album, weil es von mir so etwas bislang noch nicht gab. „Over The Years ...“ enthält neben meinen 15 bekanntesten Stücken auch bislang unveröffentlichte 15 Demos.

Welche Schätze haben Sie in Ihrem Archiv gefunden?

Nash: Eine Menge interessanten Stoff! Darüber hinaus haben Crosby und ich Songs gemacht mit Leuten wie Carol King, James Taylor, Bonnie Raitt, Jackson Browne. Ich habe festgestellt, dass wir im Lauf der Zeit an 20 Singles von befreundeten Künstlern mitgewirkt haben. Diese stelle ich gerade für eine weitere Compilation zusammen.

Was hat Sie eigentlich zu dem Klassiker „Teach Your Children“ inspiriert?

Nash: Ich bin auch Fotograf und zwar schon viel länger als Musiker. Ich sammle seit Jahren Fotos. Das erste Bild, das ich mir jemals kaufte, sah ich an einer Universität in Kalifornien. Es stammte von der berühmten amerikanischen Fotografin Diane Arbus. Es zeigt einen kleinen Jungen im Central Park in New York, der eine Spielzeughandgranate in der Hand hält. Anhand dieses Bildes wurde mir Folgendes klar: Wenn wir unseren Kindern nicht zeigen, was Humanität bedeutet, ist die Mitmenschlichkeit in Gefahr. Wir müssen besser auf die Erziehung unserer Kinder achten. Gleichzeitig können wir von unseren Kindern viel lernen. Das war der Grund, weshalb ich „Teach Your Children“ geschrieben habe.