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Aachen: Goethes „Die Leiden des jungen Werther: Premiere in den Kammerspielen

Aachen : Goethes „Die Leiden des jungen Werther: Premiere in den Kammerspielen

Geliebter oder gehasster Werther — an ihm haben sich ganze Schülergenerationen abgearbeitet. Das Theater Aachen eröffnete die Kammer-Spielzeit mit diesem speziellen Sturm-und-Drang-Protagonisten von Johann Wolfgang von Goethe und erntete jubelnden Applaus.

Regisseur Nick Hartnagel entwirft rund um den Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ skurriles, manchmal absurdes Schauspiel um Wirklichkeit, Selbstwahrnehmung und Eigeninszenierung, in dem Werther (Alexander Wanat) in dem ach so beschaulichen Walheim Lotte trifft.

Was im Roman selbstverliebt und egozentrisch wirkt, bekommt bei Hartnagels Inszenierung einen lächerlichen, bemitleidenswerten Zug, den die Zuschauer mit unterdrückten Lachern kommentieren. Denn nicht nur die „geringen Menschen des Ortes“ — dargestellt von sieben Mitgliedern des Bürgerchors Aachen — beobachten den Fremdling eher mit misstrauischer Neugierde denn mit Liebe und Offenheit, wie Werther seinem Freund Wilhelm romantisierend schreibt.

Auch Lotte (Luana Bellinghausen) hat so gar nichts für den überheblichen Städter übrig: Wenn Werther meint „Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre Teilnahme an mir und meinem Schicksal“, wirft Lotte ihm einen vernichtenden Blick zu. Ab und an schiebt sich ein kurzer Moment der Selbsterkenntnis bei Werther ein, der allerdings nie die Oberhand gewinnt.

Großes leistet auch der Chor

Werthers völlig verschobene Selbstwahrnehmung gipfelt bei Hartnagel in einen Suizid, der Werther nicht verzweifelt zeigt, sondern ihn auf groteske Art zwischen totaler Selbstaufgabe und Freude an der Selbstdarstellung hin und her schwanken lässt.

Wanat — einer der Neuzugänge am Theater — bestreitet den ersten Teil der Inszenierung textlich fast allein und zeigt eine enorm breite Palette seines schauspielerischen Könnens: intensive Mimik, großer körperlicher Einsatz, starke Innerlichkeit, heftige Expressivität.

Hartnagel fügt der klassischen Vorlage Goethes den Text „Lob des alten litauischen Regieassistenten im grauen Kittel“ von René Pollesch hinzu, den Bellinghausen in einem Monolog mit Wischmop in der Hand, feinem Dress am Leib und zu ihren Füßen den toten Werther vorträgt. Sie macht den komplizierten Text um Selbstverwirklichung und Authentizität zumindest ein wenig nahbar. Großes leistet der aus Laien bestehende Chor, der im ersten Teil der Inszenierung Werther assistiert — mit gekonnt ausdruckslosen Gesichtern.

Lob gebührt auch Bühnenbildnerin Yassu Yabara. Die kleine Bühne erhält durch aufgehängte Plexiglasscheiben eine große Variabilität: Mal schaffen sie eine zusätzliche Ebene, mal wirken sie als Spiegel, mal als Projektionsfläche für Videosequenzen, die den roten Faden von Selbstdarstellung und Fehlwahrnehmung verstärken. Gleiches gilt für die Musik von Malcom Kemp.

Die in der Vorankündigung noch präsentierte Idee einer Geschichte in der Geschichte hatte Hartnagel kurzfristig verworfen und damit dem Zuschauer wohl zusätzliche Verwirrung erspart. „Werther“ bleibt auch in Aachen noch schwere Kost, aber eine, die das Anschauen lohnt.