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Köln: Glitzernde Clowns im Rollstuhl

Köln : Glitzernde Clowns im Rollstuhl

Marlis Jaenike ist vom Karnevalsfieber gepackt. Ihr „Kamelle”-Ruf hallt in den langen Gängen der Kölner Dormagen-Guffanti-Stiftung wider. Für die mehrfach behinderte Rollstuhlfahrerin wird wahr, wovon viele Jecken im Rheinland vergeblich träumen: Sie darf in diesem Jahr beim Kölner Rosenmontagszug mitmachen.

Verkleidet mit einem glitzernden Clownskostüm fährt sie in den Raum, wo das „Wurfmaterial” gepackt wird: Schokoriegel, Gummibärchen, Schokoladetafeln und Bonbons, eben die „Kamelle”.

„Wir wollten das schon lange”, erzählt Heimleiterin Margarethe Wrozsek. Bisher seien alle Anfragen aber vergeblich gewesen. Als sie dann im Dezember wieder einmal anklopfte, habe der neue Zugleiter Christoph Kuckelkorn sofort für diese Session zugesagt.

Mit ihm und dem neuen Vorstand ist vor einigen Jahren ein frischer Wind in das Festkomitee Kölner Karneval eingezogen, das seit 1823 den Rosenmontagszug organisiert. „Wir haben auch eine soziale Verantwortung”, hatte Kuckelkorn bei der Vorstellung des diesjährigen Umzugs die Vergabe des „freien” Platzes an die Behinderten-Gruppe begründet. „Wir wollen sie nicht vom Karneval ausschließen, sondern gemeinsam feiern.”

Elf Bewohnerinnen und Bewohner des städtischen Behindertenzentrums Dormagen-Guffanti-Stiftung werden in ihren Rollstühlen mitfahren, zwei weitere können in „Rikscha”-Fahrrädern am Umzug teilnehmen. Je zwei Begleiter wechseln sich beim Schieben ab - immerhin dauert es gut vier Stunden, bis die rund sieben Kilometer lange Strecke quer durch die Kölner Innenstadt bewältigt ist. Auch zwei Ärzte sind für alle Fälle dabei, sie haben vorher auch ihre Zustimmung für die Teilnehmer gegeben.

Bei einigen Bewohnern der Behinderteneinrichtung verweigerten sie allerdings ihre Einwilligung - zu anstrengend sei der Umzug, befanden sie. Das gab Tränen. Man hätte vielleicht auch auf einem Wagen mitfahren können, „aber die Zuschauer sollen sehen, dass hier behinderte Menschen Karneval feiern”, stellt Heimleiterin Wroszek klar.

Immerhin ist die Stiftung - sie bietet 46 Menschen einen Wohnplatz - karnevalserfahren. Da gibt es nicht nur jedes Jahr eine eigene Haussitzung, regelmäßig werden auch die Sitzungen in anderen Heimen besucht. Seit fünf Jahren nimmt man auch am karnevalsdienstäglichen „Veedelszoch” des Kölner Stadtteils Longerich teil. Das fällt in diesem Jahr aus.

Der Rosenmontagszug am 4. Februar aber ist eine Herausforderung. So wird hier eine einheitliche Kostümierung verlangt, damit die Gruppe als solche erkennbar ist. Die Verkleidung stellt das Festkomitee - die Teilnehmer haben sich die Clowns ausgesucht. „In Longerich waren wir ein bunter Haufen”, sagt Gruppenleiter Wolfgang Enaux. „In der Kürze der Zeit hätten wir uns selber keine neuen Kostüme schneidern können. Das wäre auch zu teuer gewesen.”

Denn teuer genug ist das Erlebnis auch so. Zwar spendierten die offiziellen Karnevalisten 1000 Euro fürs Wurfmaterial, für den Rest müssen aber noch 3500 Euro aufgebracht werden. Sachspenden fließen da spärlich, denn meist will der Spender dort seine Werbung aufgedruckt haben. Das aber ist beim Rosenmontagszug verboten. Wurfmaterial aber muss sein. „Das ist doch das Schönste”, findet Rollstuhlfahrerin Monika Semler. Schöner, als dem Karnevalszug vom Straßenrand aus zuzusehen. Und erst recht schöner, als Karneval im Fernsehen; da lässt sie sonst keine Übertragung aus.