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Aachen: Gleich zum Auftakt ein mutiges Programm gewählt

Aachen : Gleich zum Auftakt ein mutiges Programm gewählt

Zwei große Symphonien Leonard Bernsteins und Gustav Mahlers miteinander zu koppeln, lässt programmatische Fantasie und Weitsicht erkennen, auch wenn die zeitlichen und geistigen Dimensionen solcher Brocken im Zweierpack den Rahmen eines konventionellen Sinfoniekonzerts sprengen.

Doch davon lässt sich Aachens Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch genauso wenig abschrecken wie von der Tatsache, dass Bernstein mit exakt dieser Kombination mit Sicherheit nicht einverstanden gewesen wäre.

Bernstein und Mahler, zwei komponierende Star-Dirigenten jüdischer Herkunft: Mahler, der mit seinem Glauben haderte, Bernstein, der einen großen Teil seiner Schaffenskraft in den Dienst des Judentums stellte, und dem wir letztlich verdanken, dass das Werk Mahlers seit den 70er Jahren in Europa den Stellenwert gefunden hat, dem es gebührt.

Bernsteins 2. Symphonie und Mahlers Symphonie Nr. 10 sind thematisch eng verbunden und teilen viel von menschlichen Sinnkrisen und Existenzängsten mit. Dass Bosch freilich das Werk des Amerikaners ausgerechnet mit der von Bernstein strikt abgelehnten Rekonstruktion der 10. Symphonie Mahlers aus der Feder von Deryck Cooke kombinierte, kann man ihm kaum zum Vorwurf machen. Die Cooke-Fassung gehört heute zum allgemeinen Repertoire, auch wenn man sich bewusst sein muss, dass nur ein geringer Teil des 75-minütigen Werks als originaler Mahler ausgewiesen werden kann.

Schlank und rank

Die abgeklärt resignative Endzeitstimmung taucht Cooke in ein durchsichtiges Klangbild mit wenigen extremen Höhepunkten, wobei vor allem das Schluss-Adagio bisweilen dünn und unfertig wirkt. Das restaurierte Werk zieht schlank, rank und recht ereignisarm am Hörer vorüber, orchestral vorzüglich ausgeformt mit etlichen vortrefflichen solistischen Leistungen.

Trotz seiner engen Affinität zu Mahler hat sich Bernstein auch in seinen drei Symphonien kompositorisch nie an Mahler orientiert. Seine 1949 entstandene 2. Symphonie, „The Age of Anxiety” (Das Zeitalter der Angst, nach W. H. Audens gleichnamiger Dichtung), steht Copland und auch Hindemith wesentlich näher, von dem sich die amerikanische Musik nach dem Krieg stärker beeinflussen ließ als die europäische. Ein ungewohnt introvertierter, ernster Bernstein begegnet uns hier, in dem einige wenige jazzige Funken wie exotische Fremdkörper aus dem Rahmen fallen.

Die differenzierte Variationenfolge lässt Bernsteins reiche Fantasie und eine handwerkliche Meisterschaft erkennen. Das Orchester setzt die stilistische Vielfalt mit gebotener Flexibilität um und entwickelt eine beachtliche klangliche Leuchtkraft. Den bewusst auf virtuose Selbstdarstellung verzichtenden Klavierpart gestaltet Markus Becker souverän und mit vorbildlicher Zurückhaltung. Viel Beifall für ein außergewöhnliches und mutiges Programm.