Köln: „Glaubenskämpfer“: Eine anstrengende, überfrachtete Religionssuche

Köln: „Glaubenskämpfer“: Eine anstrengende, überfrachtete Religionssuche

Über Gott reden — wie soll das gehen? Es geht! Aber es ist ein mitunter mühseliges Ackern auf einem sehr weiten Feld. Diesen Eindruck vermittelt das Recherche-Projekt „Glaubenskämpfer“ des Kölner Schauspiels. Anders als der reißerische Titel erwarten lässt, kommen weitgehend gelassene Glaubensexperten des Alltags zu Wort.

Eine katholische Nonne, ein jüdischer Psychotherapeut, ein ehemaliger Salafist und drei türkischstämmige Muslime aus der Nachbarschaft des Theater-Ausweichquartiers in Mülheim. Die drei sind Bewohner der Keup-straße, die bereits 2014 in Nuran David Calis' viel gelobtem Dokustück „Die Lücke“ über den NSU-Nagelbombenanschlag und seine Folgen Auskunft gaben.

Laien und Profi-Darsteller

Wie damals stellt Calis den Theater-Laien auch jetzt wieder Profi-Darsteller gegenüber. Auf leerer Fläche vor weißen Wänden, die wie die Seiten eines aufgeschlagenen Buches im weiten schwarzen Raum leuchten, moderieren die vier Ensemblemitglieder das reduzierte Nicht-Spiel über Gott und die aus den Fugen geratende Welt. Nicht ohne auch sich selbst, etwa ihre innere „Leere“ und die fehlende „Sehnsucht nach Gott“ zu befragen.

So entfalten sich mehr Monologe als Dialoge. Das gedankliche Sammelsurium mäandert von Kopftuch und Vorhaut, über Toleranz und Nächstenliebe zur Kölner Silvesternacht und Kinderleichen am Strand. Inmitten der improvisiert und unfertig wirkenden Sprechszenen, in denen sich die Religionen als „Geschwister“ vor allem harmonisch präsentieren, wirkt nur der Streit mit Geschrei und dramatischem Abgang der Muslime aufgesetzt inszeniert.

„Glaubenskämpfer“ bietet kein Theatererlebnis. Die bombastische Flammenwalze aus einem IS-Werbevideo ist die einzige beängstigende „Action“-Sequenz. Aber das Fragen, Erzählen und Zuhören im Sitzen und Stehen offenbart manch berührende biografische Details. Wenn beispielsweise von der Video-Wand „Pegida“-Hetztöne erklingen und eine junge Frau meint, „Wir sind im Krieg“, dann kontert der graubärtige Israeli mit einem stockenden Bericht von der Holocaust-Vergangenheit seiner Familie: „Sie wissen vielleicht, wie man das Wort Krieg buchstabiert, aber mehr wissen sie nicht.“

Überfrachtet ist der gut zweistündige Abend, sehr bemüht, unausgegoren und anstrengend. Aber auf jeden Fall ambitionierter, als in Glaubensfragen mal wieder „Nathan der Weise“ auf die Bühne zu zitieren. Der Rest ist sehr nachdenkliches Schweigen.

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