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Aachen/Heerlen: Glaspalast soll eine Art Centre Pompidou sein

Aachen/Heerlen : Glaspalast soll eine Art Centre Pompidou sein

Er gehört zu den 1000 bedeutendsten Bauten der Welt, wie die Union Internationale dArchitecture festgestellt hat: der Glaspalast im Heerlener Zentrum.

Eröffnet 1935 als Kaufhaus Schunck, für 30 Millionen Euro ab 2000 restauriert, 2003 eröffnet als Kulturzentrum und soeben ausgezeichnet mit dem Niederländischen Baupreis.

Doch das Haus gewann in den knapp zwei Jahren mit seinen nebeneinanderher arbeitenden Einrichtungen - Architekturzentrum, Musikschule, Filmhaus, Stadsgalerij, Bibliothek, Ballettsaal und Cafés - nicht jene Strahlkraft, die es eigentlich verdient und wie die Stadtväter es sich vorgestellt hatten.

Damit sich diese Situation entscheidend ändert und sich das von Frits Peutz entworfene Glaspaleis zu einer Art Centre Pompidou der Euregio mausert, hat die Stadt Heerlen einen Mann mit entsprechender Erfahrung zum „Gastintendanten” berufen: Wolfgang Becker, den ehemaligen Leiter des Aachener Ludwig Forums.

In den nächsten beiden Jahren wird Becker zunächst für jeweils anderthalb Monate den Glaspalast mit großen Ausstellungsprojekten „bespielen”, die sämtliche Einrichtungen des Hauses integrieren. Die Themen: „Broken Glass” (15. September bis 30. Oktober 2005) und - passend zur WM in Deutschland - „Fußball” (1. Juni bis 15. Juli 2006).

Berühmte Künstler

„Man kannte in Heerlen noch bestens das Projekt Continental Shift”, erzählt Becker im Gespräch mit unserer Zeitung, wie er zu der Ehre eines „Gastintendanten” gelangt ist. Im übrigen ist der Name Wolfgang Becker in der Euregio immer noch ein Begriff.

Mit „Broken Glass” nimmt er ein naheliegendes Thema auf - gilt der Glaspalast doch als ein Markstein für moderne Glasbaukunst in der Architekturgeschichte. „Und viele berühmte Künstler haben sich von dem faszinierenden Material Glas inspirieren lassen.”

Angefangen bei Marcel Duchamp über Wolf Vostell, Mario Merz, Luciano Fabro, Tony Cragg bis zu Gerhard Richter, Rebecca Horn und wie sie alle heißen - sämtliche Kunstwerke werden in Beckers Ausstellung aus Glas bestehen. Mit zahlreichen Künstlern und Galeristen hat er bereits Kontakt aufgenommen.

Der Clou des Ganzen: „Broken Glass” - der Besucher soll die gläserne Hülle durch Korridore zerbrechenen Glases durchwandern - bezieht vom Filmhaus bis zum Tanzsaal alle Institutionen des Hauses ein. Rick Takvorian, der Veranstaltungsleiter des Ludwig Forums, wird ein Programm organisieren, das Glas in der Musik, in der Literatur, in Tanz und Theater zeigt - auch in der näheren Umgebung des Glaspalastes.

Im Filmhaus bekommt das Publikum einschlägige Streifen zu sehen, in denen Glas eine große Rolle spielt: „Lautlos im Weltraum” zum Beispiel , „Is was Doc” und „Der goldene Colt”. Die Bücherei veranstaltet Lesungen, etwa mit Hermann Hesses „Glasperlenspiel” und „Glasdreck” vom hiesigen Autor Dietmar Sous.

In der Musikschule wird auf Glasinstrumenten gespielt. Wolfgang Becker sprudelt vor Ideen - auch, was das Problem angeht, Kunstwerke in einem Haus ohne Wände aufzuhängen - er lacht: „Das bin ich ja gewohnt...”

Selbstverständlich behandelt „Broken Glass” im Architekturzentrum „Vitruvianum” auch die zeitgenössische Glasbauarchitektur, hier werden die RWTH und namentlich der Aachener Architekturhistoriker Manfred Speidel mitwirken und Ausstellungsobjekte liefern.

Die regionale Glasindustrie gibt darüber hinaus einen Überblick über die Entwicklung neuer Glasmaterialien und die aktuelle Glasproduktion.

Das Budget von insgesamt 250.000 Euro teilen sich Stadt, Provinz und Sponsoren.

Dass Fußball, zumindest der Möglichkeit nach, eine Kunst sein kann, wird wohl niemand bestreiten. Dass Fußball und Kunst aber auch noch Gemeinsamkeiten innewohnen, demonstriert Becker 2006 im Glaspaleis. Fußball in Tanz, Theater, Film, Literatur, Malerei, Skulptur und in Spielautomaten - Becker ist sicher, dass sich ihm ein breites Spielfeld bietet, das auch viele WM-Zaungäste nach Heerlen führen und sich damit ein internationales Publikum in diesem ungewöhnlichen Bauwerk einfinden wird.