Köln : Glanz und Elend des „Effzeh“ im Theater

Köln : Glanz und Elend des „Effzeh“ im Theater

Komiker Rainald Grebe hat dem großen Fußballclub seiner Geburtsstadt Köln eine unterhaltsame Bühnenshow gewidmet. Zur Premiere von Rainald Grebes „Fußballoratorium“ „Effzeh! Effzeh“ im Depot 2 des Schauspiel Köln scheinen einige Zuschauer direkt aus dem Rhein-Energie-Stadion gekommen zu sein.

Lange vor dem FC, klagt die Schauspielerin Tilla Kratochwil, ungefähr zu Shakespeares Zeiten, hätte im Theater noch die ungebremste Leidenschaft regiert. Zwischenrufe, Tränen, Bier und Sex in den Logen. Doch diese quasireligiöse Ekstase sei inzwischen längst ins Fußballstadion abgewandert. Und mit ihr das Gros des Publikums. Man kann den unverhohlenen Neid verstehen, Feuilletonisten hätten ja heimlich auch gerne so viele Leser wie Sportjournalisten.

Immerhin: Zur Premiere von Rainald Grebes „Fußballoratorium“ „Effzeh! Effzeh“ im Depot 2 des Schauspiel Köln scheinen einige Zuschauer direkt aus dem Rhein-Energie-Stadion gekommen zu sein, wo der Kölner Verein mal wieder mit einem Unentschieden gegen den vergleichsweise winzigen 1. FC Heidenheim enttäuscht hat. Jedenfalls tragen manche Fanschals und Trikots, was man im Theater ja auch nicht alle Tage sieht.

Dramatik aus dem Stadion geholt

Aber wie soll ein Abend über den „Effzeh“ gegen die Dramatik eines Fußballspiels bestehen? Muss die Enttäuschung nicht zwangsläufig noch größer sein? Aber Rainald Grebe macht zwei entscheidende Dinge richtig: Zum einen bringt er keinen Ball ins Spiel, sondern versetzt das Geschehen aus dem Stadion in ein Aufnahmestudio (Bühne: Jürgen Lier), mit Regieraum, Holzvertäfelungen und jeder Menge Notenständern. Zum anderen hält sich der Kabarettist – bis auf einen kurzen Einspielfilm – diesmal aus der eigenen Inszenierung fern. Vor ein paar Jahren hatte sich Grebe im Schauspiel bereits des anderen großen Kölner Mythos angenommen, des Karnevals, und sich dabei auch selbst ans Klavier gesetzt, um ein Lästerlied auf seine Heimatstadt Frechen anzustimmen. Prompt überfiel den Zuschauer der Gedanke, dass ein Grebe-Konzert wahrscheinlich viel kurzweiliger ist, als ein Grebe-Theaterabend.

Erst Karneval, dann der FC: Der Musiker und Kabarettist Rainald Grebe mag kölsche Themen. Foto: Stephanie Pilick/dpa/Stephanie Pilick

Sein „Effzeh“-Abend scheut diese Vergleiche und das tut er ganz zu recht. Der abgewanderten Leidenschaft begegnet er mit konsequenter Verkünstlichung. Die wiederum ist erstaunlich unterhaltsam: Johannes Benecke eröffnet mit einem irren Platzwart-Monolog über tiefwurzelndes, auf 25 Millimeter gekürztes Bermudagras und die nötige Grundlockerheit des Bodens.

Eine Art geistliches Sinnspiel

Was folgt, ist tatsächlich eine Art von geistlichem Singspiel: Stadionhymnen und Gegnerverhöhnungsgesänge werden als Choräle einstudiert, beliebte Stadion-Gesten – vom Auswechselaufruf bis zum Stinkefinger – zum stummen Ballett choreographiert. Die kommende Saison wird im Dom gesegnet, Stefko Hanushevsky ruft als gescheiterter Heilsbringer Peter Stöger seinen Schöpfer an.

Ein Spielbericht (die 5:3-Niederlage gegen den SC Paderborn) erfolgt als Rezitativ für fünf Personen, bei dem Werbebotschaften und Bockwurstbestellungen das gleiche Gewicht zufällt, wie den Torchancen, ein Geschäftsbericht über die blendende wirtschaftliche Lage des Absteigers („Wir sind sportunabhängig“) mündet in eine Modenschau mit immer barocker umgeschneiderten Sponsoren-Trikots, von Rewe zurück bis zu „Duschdas“. Dazwischen kleine Reenactments aus der (Skandal-)Geschichte des Vereins im historischen Ambiente.

Das ist immer amüsant, manchmal brüllkomisch, oft erhellend. Allerdings ist es auch irgendwann zu viel des Guten. Grebe ist scheinbar wild entschlossen, alles, aber auch alles, was ihm zum Thema „Fußball als kultische Handlung“ (der 1.FC ist da nur ein besonders farbiges Beispiel) einfällt auf die Bühne zu bringen. Dabei hätten zweimal 45 Minuten mit Pause völlig ausgereicht.

Trotzdem: Der Abend ist ein glatter Sieg. Auch dank des enthusiastischen Chors und der austrainierten Statisterie. Als Schmankerl zur Premiere ließ Grebe zur Halbzeit sogar Franz Lambert – immerhin den Komponisten der offiziellen FIFA-Hymne – an seiner Wersi-Orgel herausfahren. Da hatte der „Effzeh“ schon gewonnen, oder wie es die Harfinistin zitiert, nachdem sie ihre Liebe zu Lukas Podolski bekannt hat: „Einfach rein das Ding und ab nach Hause.“

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