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Mönchengladbach: Gigantische Skulptur „END” wächst aus dem Abteibergmuseum heraus

Mönchengladbach : Gigantische Skulptur „END” wächst aus dem Abteibergmuseum heraus

Gregor Schneider ist bestens aufgelegt. „Wenn ich arbeite, geht es mir immer gut”, strahlt der sonst eher scheue Künstler mitten im Gewimmel auf der Großbaustelle am Museum Abteiberg in Mönchengladbach.

Schneider war 2001 auf der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen dekoriert worden, für „Totes Haus ur”, die Installation von Räumen, die aus seinem Elternhaus im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt stammen. Sie reisen seitdem in Einzelteilen oder als Ensemble um die Welt, als „mobile Immobilie”, wie Schneider formuliert.

Jetzt hat das Museum einen bedeutenden Teil dieser Arbeit erworben beziehungsweise als Dauerleihgabe erhalten. Und räumt Schneider in der von Hans Hollein gebauten, ebenfalls weltberühmten Architektur zwei so genannte Kleeblatträume als dauerhafte Heimat ein. „Das Haus ur kommt wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück” - Schneiders Pathos gibt sich verschmitzt.

Pathos anderer Dimension wohnt der fulminanten Außenskulptur inne, die mit rasanter Geschwindigkeit in den letzten Wochen in den Himmel wuchs und kurz vor der Fertigstellung steht. „END” nennt der Künstler den an gigantischen Trichter, der auf der Freifläche vor dem in den Abteiberg getriebenen Museumsbau sein quadratisches, 14 mal 14 Meter großes Ohr zur Haupteinkaufsstraße der Stadt hin ausrichtet. Schwarze Folie bedeckt den knapp 70 Meter langen Baukörper - textile Hightech, wie sie für temporäre Architektur etwa auf Formel-1-Strecken oder im Kulissenbau verwendet wird, in der Stadt einer darniederliegenden Textilindustrie.

Der massive Baukörper erstreckt sich der Straßenflucht entlang Richtung Museum, knickt dann scharf ab und verjüngt sich auf eine andere Wand des verwinkelten Gebäudes hin. Ein gigantischer schwarzer, nach dem Knick beinahe lichtloser Gang wird so zur Eröffnung der Ausstellung am 8. November die Besucher über eine Rampe zum Einstieg förmlich ansaugen und zwangsläufig zu einem Loch vor der Museumswand leiten, in dem eine Treppe in ein Loch, vor eine ein mal ein Meter enge Tür führt, die an der Decke eines der ebenfalls schwarz ausgekleideten und lichtlosen Kleeblatträume endet. Über eine senkrechte Leiter geht es hinab in die morbide Welt des Hauses, das seine fast unheimliche Präsenz erst nach längerem Tappen im Dunkel entschlüsseln wird.

„Die Dimension der Arbeit macht mir Angst”, bekennt Schneider angesichts des riesigen Aufwandes, der auf der Baustelle getrieben wird. „Ich gehe ein großes Risiko ein, aber das spornt mich auch an.” Zeitweise über 20 Menschen arbeiten zuletzt in einer Sieben-Tage-Woche an dem Stahlgerüst, das auf einem Betonfundament steht und mit Spanplatten, zuletzt mit Folie verkleidet wird.

„Ich gehe in das Schwarze”, sagt Schneider. Und er verbindet damit seine Vorstellung von einem Museum, das durchaus temporär und schwarz sein kann. „Ins Nichts laufen und dabei sich selbst finden”, lautet ein künstlerisches Credo. Und deshalb will er gemeinsam mit der Museumschefin Susanne Titz, ehemals Leiterin des Neuen Aachener Kunstvereins, die beiden Museumsräume, die mit einer Wand vom „weißen” Museum abgetrennt sind, am liebsten dauerhaft in diesem Zustand erhalten. Hinein kommt man einstweilen nur über die Skulptur „END”, hinaus nur durch den Behindertenaufzug des Museums, der an seiner Rückseite endet.

Diese von Schneider andernorts ausgiebig erprobte Räume-Inszenierung umfasst die bereits seit Jahren zur Museums-Sammlung gehörende „Abstellkammer”, das mit Mitteln der Landes-Kulturstiftung und der Stadtsparkasse Mönchengladbach neu erworbene „Kaffeezimmer” und das von der Sammlung Rheingold als Dauerleihgabe gestiftete „Atelier”. Die Außenskulptur „END” ist mit Geldern der örtlichen Unternehmerschaft, Teilen des etwas mehr als 50000 Euro umfassenden Ausstellungsetats und Mitteln des Künstlers entstanden. Kommunale Etatmittel sind nicht eingebracht.

„END” wird für ein Jahr die Innenstadt verändern. Schon jetzt ist ein Platz entstanden, der zuvor nur als Parkhausausfahrt erlebbar war. Auch da verfolgt Schneider durchaus auch subversive Hintergedanken: „END” steht auf der Fläche, die von Hollein für den Erweiterungsbau des Museums vorgesehen war und hat die Funktion des sich in die Stadt öffnenden Museums, den Hollein intendierte. Dieser „zweite Bauabschnitt” scheiterte bislang am Unwillen der Politik und am - nicht vorhandenen - Geld.

Gregor Schneider: Ein Künstler, der für Kontroversen sorgt

Gregor Schneider wurde am 5. April 1969 in Rheydt geboren. Er studierte an den Kunstakademien in Düsseldorf, Münster und Hamburg. Seine erste Einzelausstellung hatte er bereits mit 16 Jahren in Mönchengladbach.

Er ist ein Künstler, der immer wieder für Kontroversen gesorgt hat. Einen schwarzen, an der Kaaba in Mekka orientierten Kubus, den er für die Biennale 2005 auf dem Markusplatz in Venedig bauen wollte, durfte er nicht realisieren: Terrorgefahr, so die offizielle Begründung. Auch auf dem Vorplatz des Hamburger Bahnhofs in Berlin durfte die Skulptur nicht gebaut wurde. Letztlich entstand sie an der Hamburger Kunsthalle für die Ausstellung „Das schwarze Quadrat Hommage an Malewitsch”.

Aufsehen erregte er jüngst auch mit einem „Sterberaum”. In dem als Tabubruch gescholtenen Projekt soll ein Sterbender mit seinem Einverständnis sein Sterben selbst gestalten. Dass sich zahlreiche „Interessenten” bei ihm meldeten, zeige, dass es „Bedarf nach würdigen Räumen zum Sterben” gebe, so der Künstler.

Schneiders Projekt „END” wird am Samstag, 8. November, am Museum Abteiberg in Mönchengladbach, Abteistraße 27, eröffnet. Weitere Infos unter 02161/ 252637.