1. Kultur

Aachen: „Ghetto Tarot Projekt“: Kunstaktion mit haitianischen Künstlern

Aachen : „Ghetto Tarot Projekt“: Kunstaktion mit haitianischen Künstlern

Mit diesem Foto ist Alice Smeets berühmt geworden, 2008 ging es um die Welt: Ein elfjähriges Mädchen in einem blütenweißen Kleid läuft durch tiefe Pfützen, während im Hintergrund zwei Schweine vor klapprigen Wellblechhütten im Dreck nach Fressbarem suchen.

Mit 20 Jahren war die Eupenerin die jüngste Teilnehmerin überhaupt, die damit den Wettbewerb „Unicef-Foto des Jahres“ gewann. Das Foto entstand in Haiti — zwei Jahre vor dem verheerenden Erdbeben.

Seither ist Haiti für Alice Smeets fast so etwas wie ihre zweite Heimat geworden, jedes Jahr reiste sie mehrfach hin und hat sogar zwei Jahre lang dort gelebt. Und sie half mit eigenen Projekten, zum Beispiel einer Fotoausstellung, deren Erlöse den Erdbebenopfern zugute kamen. Ein Dokumentarfilm entstand und ein Magazin mit der Darstellung positiver, hoffnungsvoller Entwicklungen in dem Land. „Die Menschen dort sollen endlich ihr Selbstbewusstsein und ihren Stolz zurückgewinnen“, sagt sie.

Nun bringt die 27-Jährige ein neues Projekt auf den Weg, das genau diesem Ziel dienen soll. Die Idee ist so ungewöhnlich wie zauberhaft: Sie stellt mit Haitianern die mystischen Bilder des Tarots fotografisch in realen Szenen nach. Ein komplettes Kartenspiel soll daraus entstehen, das sie noch in diesem Jahr in der Aachener Galerie Artco ausstellen, dann im Internet veröffentlichen und schließlich drucken lassen will. Sie realisiert das Projekt über „crowdfunding“, zu Deutsch „Schwarmfinanzierung“ im Internet, die Helfer kommen aus aller Welt.

Unterstützung findet sie dabei vor allem durch die haitianische Künstlergruppe „Atiz Rezistans“ — was so viel heißt wie „resistente Künstler“. Resistent gegenüber all den vielen Widrigkeiten im Alltag dieses gebeutelten Landes. Ihre Heimat bezeichnen die Künstler als „Ghetto“, das sie keineswegs negativ verstanden wissen wollen, im Gegenteil: „Mit ihrer Kunst wollen sie Visionen des Guten und Schönen realisieren.“ In einer Slumgegend, in der sich auch nach Ansicht von Alice Smeets ein großes Potenzial an Kreativität verbirgt. „Ghetto verstehen die Künstler als einen Begriff dafür, sich selbst zu befreien“, erklärt sie. „Aus Müll machen die Rezistans Kunst.“ Deren Collagen und Skulpturen entstehen aus Autoreifen, Gummileitungen von Motoren, weggeworfenen Fernsehgeräten, Radkappen oder Holzresten.

Ähnlich der Ansatz des „Ghetto Tarot Projektes“: In den Tarot-Karten sieht die Eupener Fotografin szenische Symbole von überzeitlicher Bedeutung. Die Künstler Haitis „spielen“ sie nach und stehen Modell — mit dem ganz einfachen Material aus ihrer Umgebung. „Negatives wird umgekehrt in Positives.“ Die Idee, die dahintersteckt: wegzukommen von den Klischeebildern der Armut und des Elends, um stattdessen die Slums und ihre Menschen mit einer Prise Humor darzustellen, „zum ersten Mal farbige Menschen auf traditionellen, alten europäischen Karten zu zeigen, um damit Stereotype aufzubrechen“.

Die Künstler der „Atis Rezistans“ halfen, wo sie konnten, um das passende Material zu bekommen, etwa die Laterne des Tarot-Einsiedlers, gebastelt aus einer alten Metalldose, oder die schwarze Katze der Tarot-Königin der Stäbe und die Tiere auf dem Mond, geschaffen aus gebrauchten Autoreifen. Und so formuliert Alic Smeets den Sinn des gemeinsamen „Ghetto Tarot Projektes“: „Unsere Absicht ist nicht die Verherrlichung des Lebens im Ghetto, sondern um die haitianischen Ghettos und die Armut im Allgemeinen in einem anderen Licht zu zeigen. Ich habe immer wieder beobachtet, dass diejenigen, die die Welt als ‚die Armen‘ bezeichnet, voller Kraft sind, voller Leben, Freude und Kreativität. Ich glaube, wir dürfen sie nicht als Opfer einer verlassenen und hoffnungslosen Situation betrachten. Im Gegenteil. Unser Ziel ist es, die Kreativität und Kraft der Menschen im Ghetto offensiv darzustellen.“

Die Symbolik des Tarots wirkt bisweilen wie die passende Antwort auf ihre ganz spezielle Situation. Beispiel: der Eremit. Im grauen Gewand geht er durch den Schnee. Mit dichtem Bart und einem Stab gerüstet, blickt er auf den vor ihm liegenden Weg. Seine Lampe erhellt ihm seinen Weg, damit er weiß, wie er seine Schritte setzen muss und nicht strauchelt. Die dahintersteckende Botschaft: Gehe Deinen Weg! Folge Deinem persönlichen Licht! Diesen Weg wirst Du alleine gehen! Für den Bewohner des haitianischen Elendsviertel könnte das eine Art Hoffnungserwartung sein, trotz aller Widrigkeiten den persönlichen Lebenssinn zu finden. Oder die Karte „Vier der Schwerter“ — die Bedeutung: Inspiration und Geduld. Gewinne Raum und Abstand!

Besonders viele Crowdfunding-Partner hat Alice Smeets in Brasilien gefunden, wo sich offenbar sehr viele Menschen mit dem Projekt identifizieren können. Die Kampagne läuft auf der Internetplattform Indiegogo, wo Menschen „die globale Community mobilisieren und ihre Ideen verwirklichen können“, wie es heißt. Der Druck der Tarot-Kartenspiele mit haitianisch abgewandelten Motiven ist längst gesichert. Alice Smeets‘ Projekt ist angesichts des Erfolgs weiter gewachsen, Ziel ist es jetzt, eine Website zu kreieren mit Bildern und Videos über die beteiligten Künstler und Bewohner des Ghettos, über ihr alltägliches Leben und eben ihre ganz ureigene Kreativität. 32 Euro bezahlt jeder Crowdfunding-Helfer, dafür bekommt er ein Haiti-Tarot mit 78 Karten.