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Aachen: Geständnis im Prozess um tödlichen Nachbarschaftsstreit

Aachen : Geständnis im Prozess um tödlichen Nachbarschaftsstreit

Diese drei Minuten Tonaufnahme waren beklemmend: Eine Salve von neun Schüssen, Ruhe, dann Röcheln, das Stöhnen eines Sterbenden. Aus der Entfernung die Stimme eines anderen Mannes, der telefonisch die Polizei alarmiert: „Der hat mich überfallen, ich hab den Mann erschossen.”

Wieder ein Röcheln, ein Stöhnen aus der Nähe. Es war der Live-Mitschnitt per Handy, das dem Mordopfer gehörte. Gericht und Zuschauer hörten, wie der 33-Jährige starb.

Viele ertrugen das nicht und liefen aus dem Saal. Es war das blutige Finale eines Nachbarschaftsstreits um simple Lärmbelästigung. Der 56-jährige mutmaßliche Mörder legte am Mittwoch vor dem Aachener Landgericht ein Geständnis ab, sehr nüchtern, emotional scheinbar unbewegt.

Der Angeklagte führte bis zu jener Nacht im April ein unauffälliges Leben: Geschieden, drei erwachsene Kinder, Schichtarbeit in einem Metallbetrieb. Was ihn abhob: Er liebte Waffen und schoss beim Reservistenverband der Bundeswehr. Das 33-jährige Opfer lebte in der Wohnung über ihm. Dazwischen, wie in alten Häusern üblich, eine hellhörige Holzdecke.

Den Schichtarbeiter störte der Geräuschpegel. Penibel protokollierte er die Störungen durch lautes Auftreten, „Klopfen” und „Abstellen von Gegenständen”. Irgendwann grüßte man sich nicht mehr, angeblich gab es Drohungen und schließlich hatte jeder Angst vor dem anderen.

„Der guckte immer wieder zur Mülltonne. Ich hatte Angst, dass da jemand ist, der mich zusammenschlägt”, schilderte der Mordverdächtige eine Begegnung auf dem Haus-Hof.

Auch der 33-Jährige fühlte sich bedroht. Immer wenn es zur Begegnung mit dem unteren Mieter kam, zeichnete er das Gespräch mit seinem Handy auf. In dem Altbau herrschte blanker Nachbarschafts-Krieg.

Das spätere Opfer, ein freiwilliger Feuerwehrmann, war es leid: Er hatte sich eine neue Wohnung gesucht und wollte ausziehen.

Rund einen Monat vor dem mutmaßlichen Mord hatte er am frühen Morgen den Notruf der Polizei gewählt. Der Nachbar habe ihm wieder mal den Strom abgedreht, an dem Sicherungskasten auf dem Hof, war auf dem im Gerichtssaal vorgespielten Telefon-Mitschnitt zu hören.

„Er ist Sportschütze und hat Waffen im Haus”, sagte das spätere Opfer. „Ich fühle mich von dem Herrn (...) bedroht.” Der Polizist machte dem Mann in dem rund 20-minütigen Gespräch klar, dass das kein Fall für die Polizei sei.

Einen Monat später folgte die Eskalation. Der 33-Jährige hatte sich bei einem Fest im Feuerwehrhaus einen genehmigt. Als er heimkam, war laut Anklage die Sicherung wieder raus.

Der Angeklagte behauptete, der Nachbar habe gegen seine Wohnungstür getreten und geschlagen. „Ich hatte Angst. Ich saß ja in der Falle. Da habe ich die Waffe und die Munition geholt”, schilderte der 56-Jährige. Nach erneutem Klopfen habe er vorsichtig heraus geguckt.

Da habe sein Kontrahent mit einem Hammer auf ihn losgehen wollen. In dem Moment sei das Hoflicht ausgegangen. „Ich habe ihn nicht mehr gesehen.” Er habe Angst gehabt.

Drei Salven mit je drei Schüssen gab er in die Dunkelheit ab. Die Schüsse trafen das Opfer merkwürdigerweise, wie das Gericht bemerkte, in den Rücken.

Was der Angeklagte bei der Bluttat nicht wusste: Sein Opfer hatte wie immer sein Handy auf Aufnahme gedrückt. Und darauf war das Murmeln eines angetrunkenen Mannes zu hören, als stünde er fragend vor dem Sicherungskasten: „Welches muss ich denn jetzt rein tun?” Dann fielen die Schüsse.