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Aachen: Geschichten von Liebe, Schmerz und Detektiven

Aachen : Geschichten von Liebe, Schmerz und Detektiven

In Frankreich wird sie gefeiert wie ein Superstar, zur Eröffnung ihrer Ausstellung im Centre Pompidou kam wie selbstverständlich Cathérine Deneuve: Sophie Calle.

Auch in Deutschland ist das Werk der 51-Jährigen in zahlreichen Veröffentlichungen wohldokumentiert.

Das Aachener Ludwig Forum zeigt von Freitag an (Eröffnung: 19 Uhr) bis zum 24. April eine große Werkschau und reiht sich damit nach dem Centre Pompidou, dem Museum Dublin und dem Martin Gropius Bau Berlin in eine beachtliche Liga ein.

„Das Centre Pompidou suchte einen Partner und rief bei uns an”, erzählt Forums-Chef Harald Kunde, wie die Schau ihren Weg nach Aachen gefunden hat. Allerdings wäre sie ohne Unterstützung der Kunststiftung NRW und der Peter und Irene Ludwig Stiftung nicht zustande gekommen.

Die Fotografie spielt in Sophie Calles Arbeiten paradoxerweise ein ebenso zentrale wie nebensächliche Rolle.

Die Autodidaktin, Tochter eines wohlhabenden Kunstsammlers, beginnt 1979 nach einer ausgedehnten neunjährigen Weltreise, Geschichten zu finden und zu erzählen - auf ganz besondere, geradezu detektivische Art und Weise.

Ausgestattet mit blonder Perücke, Notizblock und Kamera verfolgt sie 1980 einen wildfremden Mann von Paris bis Venedig, befragt Kontaktpersonen und hält jede Kleinigkeit schriftlich und fotografisch fest.

1983 durchschnüffelt sie als Zimmermädchen in einem venezianischen Hotel heimlich die Koffer der Gäste, liest Post, Tagebücher und fotografiert frischgewaschene Unterhosen.

Ihr Ziel: die Lebensgeschichte von Menschen, wie sie sich in ganz alltäglichen Kleinigkeiten offenbart, in Text und Bild zu rekonstruieren. 1983 macht sie in Paris Furore mit einem in der Zeitung „Libération” veröffentlichten Porträt eines Mannes, dessen Adressbuch sie gefunden hat.

Von Sartre und Camus geprägt, versucht Sophie Calle, existentiellen Fragen nach der Struktur und dem Sinn des Lebens mit akribischer Sammelwut nach privaten Daten, Spuren und Erinnerungen auf den Grund zu gehen.

Und begibt sich dabei selbst in die Rolle der „Ausgespähten”, indem sie ihre Mutter einen Privatdetektiv auf sie ansetzen lässt - der sie ahnungslos beobachtet und ein vermeintlich bedeutungsvolles Panorama ganz banaler privater Alltäglichkeit festhält.

Die Dramaturgie der in sieben Werkgruppen unterteilten Schau bestimmte die Künstlerin selbst, einige davon hat sie eigens für diese Ausstellungstournee angefertigt.

Den Beginn macht die 92-teilige Reihe „Vor dem Schmerz” - dicht an dicht gehängte Fotos jeweils einen Tages. Frisch verliebt, war sie 1984 nach einer Japen-Reise mit ihrem Lover in Neu Delhi verabredet, doch der kam nicht, stattdessen eine fadenscheinige Ausrede per Telegramm.

Was Autoren von Liebesromanen mit sprachlichen Mitteln erzählt hätten, „berichtet” Sophie Calle mit Fotos als bildlichen Tagebuchnotizen: An jeden einzelnen von 92 Tagen vor dem abgesagten Rendezvous erinnert je ein Bild.

Allesamt bestenfalls Schnappschüsse und keinesfalls Resultate klassischer Fotografie, in Sophie Calles erzählerischer Welt melancholische, zugleich knochentrocken systematisch geordnete und abgestempelte Dokumente subjektiver Erinnerungen - eine irritierende andere Art von Literatur. Wohlgeordnet auf neu eingezogenen Wänden in der Halle des Forums.

Der nächste Raum beherbergt den „Ort des Schmerzes”: das rekonstruierte Zimmer 261 im Hotel Imperial in Neu Delhi, wo das Telegramm eintraf. - Und wie tröstet man sich bei Liebeskummer am besten? Sophie Calle fragte Freunde und Bekannte nach ihrem größten Schmerzerlebnis.

Foto- und Texttafeln präsentieren in einer 72-teiligen Reihe das Ergebnis dieser Art von Therapie, „Nach dem Schmerz”: Erlebnisse von Verlust, Tod und Trennung. Einer befand die Ermordung Kennedys als Schlimmstes - nachzulesen in einer ins Deutsche übersetzten Textmappe.

Überhaupt wartet die Calle-Ausstellung mit einer großen Menge an Textmaterial auf. Was Fakt und was Fiktion ist, lässt Sophie Calle weithin offen.

Bett-Schlaf-Aktion

Eine Arbeit von 1979 beschreibt Calles Interesse für subjektive Empfindungen und eine gewisse Lust am Voyeurismus: 45 Unbekannten bietet sie an, je acht Stunden in ihrem Bett zu schlafen; um die 20 sagen zu. Calle fotografiert und befragt sie.

Die „4. Schläferin” gibt auf die entsprechende Frage zur Antwort: „Ja, ich wasche mich täglich.” Eine Tafelwand mit Abbildungen der Freiwilligen führt zum nächsten Raum hin: Der Kalifornier Josh Greene hat von der Bett-Aktion gehört und schreibt ihr einen Brief: Freundin weg, „mir geht es schlecht” - Sophies Bett, das wär für ihn jetzt genau das Richtige. Die Künstlerin verpackt tatsächlich ihr Bett und schickt es nach San Fancisco. Jetzt steht es in Aachen.

Sympathisch Sophie Calles Neigung zur selbstironischen Betrachtung ihres gelegentlichen Scheitern: Von einer Bank hat sie sich die Bilder von Geld abhebenden Menschen am Geldautomaten schicken lassen, doch ihr fiel beim besten Willen nicht ein, welche Geschichte sie dazu erzählen könnte.

Am Ende hat sie auf einige Fotos geschossen. In der Installation „Unvollendet” sind sie aufgehängt - die Einschusslöcher leuchten, nachdem der Wand mit viel Aufwand ein elektrifiziertes Innenleben einverleibt wurde... Nebenan dokumentiert in einem kleinen Kino ein Film dieses grandiose künstlerische Scheitern.