Aachen: Geschichte einer Demenz: „Vater“ im Grenzlandtheater Aachen

Aachen: Geschichte einer Demenz: „Vater“ im Grenzlandtheater Aachen

„Ich habe das Gefühl, dass ich alle Blätter verliere. . .“ — André schaut leer, traurig, hoffnungslos in eine unbestimmte Ferne. Er will nur noch nach Hause. Klaus Lehmann spielt mit bewegender Intensität die Hauptrolle in Florian Zellers Stück „Der Vater“, das als Inszenierung von Rüdiger Pape im Grenzlandtheater Aachen Premiere hatte.

Es geht um Demenz. Im Zentrum der Geschichte, für die Zeller zu Recht den wichtigen Theaterpreis „Molière“ erhielt, steht André. Der Witwer und Vater von zwei Töchtern (eine ist bereits gestorben), spürt zunehmend irritierende Veränderungen — in seinem Umfeld, in seinem Kopf, in seiner bisher so sicheren Welt.

Mit großem Einfühlungsvermögen

Mit großem Einfühlungsvermögen hat Zeller in seinem Stück Beginn und Fortschreiten einer demenziellen Erkrankung zugrunde gelegt, dabei berührendes, aber durchaus auch unterhaltendes Theater geschaffen. Trickreich sind die Perspektivwechsel — mal sieht der Zuschauer das Geschehen mit den Augen des Betroffenen, dann wieder läuft Reales ab. Gleichfalls das Leben der anderen ist durch die Erkrankung des Vaters schwer belastet — Emilia Haag verkörpert „Anne“, die besorgte und bemühte, liebevolle Tochter.

Ein Blick genügt, und man weiß, wie sie leidet oder hofft. Sibil Polat ist als herzliche Betreuerin „Laura“ im Einsatz, die sich dem kranken vorurteilslos nähert. Annes Ehemann „Pierre“ (Birger Frehse) spricht genervt aus, was sich die anderen nicht trauen: „Heimbetreuung“. Frehse bleibt da trocken und unbeirrt. Alexander Stirnberg und Aurélie Thépaut zeigen sich als wandelbare Gestalten, bei denen man nie weiß, ob sie wirklich da sind. Manfred Schneider hat sie alle mit typgerechten Kostümen ausgestattet — bis hin zum Schlafanzug, den der Kranke später kaum noch (oder im falschen Augenblick) abstreift.

Mehr und mehr löst sich Andrés Dasein auf. Flavia Schwedlers grandioses Bühnenbild macht es optisch möglich. Die Möbel verschwinden zunächst teilweise dann komplett durch ausgeschnittene Silhouetten in der rot gestreiften Wand. Das ist praktikabel und eindrucksstark gelöst. Regisseur Rüdiger Pape gelingt in seiner Inszenierung ein dynamischer und spannender Prozess der Verdichtung.

Er ist sorgfältig, sucht keine Gags, sondern Menschlichkeit. Klaus Lehmann verkörpert die Phasen der Erkrankung realistisch und anrührend. Verfolgungswahn, Aggressivität bis zur Gewalt, blanke Angst, das Abirren in dunkle Einsamkeit — all das wird spürbar. Andrés Blick erlischt — da ist zum Schluss nur noch Verzweiflung. Eine beeindruckende Leistung. Viel Applaus. Das Publikum erhebt sich von den Plätzen.

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