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Aachen: Gerd Heinz: Von Aachen in die weite Theaterwelt

Aachen : Gerd Heinz: Von Aachen in die weite Theaterwelt

Als Tasso oder Cyrano stand er vor mehr als fünf Jahrzehnten auf den Brettern des Aachener Stadttheaters, bevor es ihn in die weite Theaterwelt zog — als Schauspieler, Regisseur, Intendant und auch Professor. Nun probt Gerd Heinz für sein Debüt bei den Salzburger Festspielen — unter anderem. Eine künstlerische Rückkehr in seine alte Heimat könnte er sich aber auch vorstellen.

Darüber sprach der 75-jährige Aachener mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz. Sie erreichte ihn telefonisch in seinem Rückzugsort Schönenberg, einem kleinen Dorf im Schwarzwald, gelegen zwischen Freiburg und Basel.

Wie lebt es sich so als „Theaterlegende“, Herr Heinz?

Gerd Heinz: Na, ja (lacht). Das ist ein netter Ausdruck von der „FAZ“-Autorin Eleonore Büning, den lege ich mir um wie einen Fanschal und freue mich darüber. Aber ich fühle mich nicht als Theaterlegende.

Fanschal? Sie sind Fußballfan!

Heinz: Natürlich! Ich habe ein paar Jahre bei der Jugend von Alemannia Aachen gespielt, als Torwart und Linksaußen. Und ich bin Fan vom BVB, weil der die musikalischste Fankurve hat.

Gerade hört Gerd Heinz aber nicht Fangesänge, sondern Wagners „Walküre“. Er schmiedet an seinem „Ring“ für Minden. Der erste Teil der Tetralogie, „Das Rheingold“, wurde im vorigen Jahr von Kritik und Publikum bejubelt. Ein großes Wagner-Wunder in einem der kleinsten Stadttheater Deutschlands. Manche sprechen gar schon vom „ostwestfälischen Bayreuth“. Heinz steckt seinen Kopf zurzeit aber nicht nur in die „Walküre“-Partitur, sondern er probt zudem mit einer exquisiten Besetzung seine Inszenierung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ für die Salzburger Festspiele.

Nebenher arbeitet er noch an Vorträgen oder Lese-Programmen — etwa mit seinem Freund Charles Brauer. Und er schreibt. „Jetzt, wo ich so in die Schlusskurve komme, gehte_SSRqs wieder los mit der Schreiberei.“ Fiktionale Texte. Keine Autobiografie. „Die wird auch nicht kommen!“, sagt er mit Nachdruck. Zu erzählen hätte der Aachener wohl einiges aus seiner fast 55-jährigen Theaterkarriere. „Aber so wichtig soll man sich auch nicht nehmen.“ Buch führt er nicht, doch es waren wohl 150 bis 200 Inszenierungen und an die 80 Rollen für Bühne, Film und Fernsehen. So spielte er mit in Caroline Links oscarprämiertem Kinofilm „Nirgendwo in Afrika“ (2001) oder zeigte als TV-Gorbatschow seinen markanten Glatzkopf.

Jetzt naht erst mal Ihr Regie-Debüt bei den Salzburger Festspielen — mit 75. Wie kam es dazu?

Heinz: Sven-Eric Bechtolf, der derzeitige Festspielchef, gehörte zu meinen jungen Schauspielern in Zürich. Als ich dort in den 80er Jahren Intendant war, habe ich ihn als Anfänger — neben Christoph Waltz — direkt von der Schule engagiert. Seitdem verbindet mich mit ihm ein väterliches Freundschaftsverhältnis. Er hat mir die Inszenierung von Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ für Salzburg angeboten — und ich konnte nicht Nein sagen, weil er selbst auch die Hauptrolle spielt.

Nach Jahren steht Sven-Eric Bechtolf wieder auf der Bühne. Was lässt sich denn der „mächtigste Mann der Theaterwelt“ von Ihnen sagen?

Heinz: Och, ziemlich viel! Aber er kann mir auch alles sagen. Ich halte nichts von Befehlstheater mit Trillerpfeife oder Peitsche, sondern setzte auf eine hohe Eigenverantwortung der Schauspieler.

Thomas Bernhards „Wunderwerk“ siedelt Heinz „zwischen Beckett und Sophokles“ an, ein „musikalisches Sprachspiel“, „tiefenpsychologisch grandios und gleichzeitig komisch“. Die Arbeit sei „weitgehend getan“. Schon seit März werde mit Unterbrechungen geprobt, denn Bechtolf muss in seiner letzten Salzburger Saison als Chef auch die Wiederaufnahmen seiner Inszenierungen der drei Mozart-Da-Ponte-Opern leiten. Diese hat Heinz selbst ja schon mehrfach inszeniert, erwähnt er am Rande. Er ist — wie der Autor Bernhard — ein „Mozartschwärmer“. Wenn er noch einen Theaterwunsch hätte: „Titus“ oder „Idomeneo“ würden ihn schon sehr reizen.

Thomas Bernhard war ja nicht nur ein „Mozartschwärmer“, sondern ebenfalls ein leidenschaftlicher Beschimpfer des Kulturbetriebs. Erkennen Sie sich da auch wieder?

Heinz: Auf jeden Fall! Da ist Bernhard nach wie vor aktuell. Kultur hat keine Lobby — ob in den Stadträten oder Regierungen. Kultur ist eine Prise Schnittlauch auf dem Omelett geworden — oder es ist ein riesiges Unternehmen mit enormer Vermarktungstendenz. Pop-Klassik! Da müssen wir sehr aufpassen, dass wir das wunderbare deutsche Stadttheater als Beispiel für eine mündige Bürgerkultur behalten.

Die „Vermarktungstendenz“ wird Gerd Heinz auch im Festspiel-Hype-Städtchen Salzburg begegnen. Aber auf die dortigen Kulturbetriebsgepflogenheiten hin will er Bernhards Stück nicht aktualisieren. Der Originaltext von 1972 sei frisch und treffend genug. Gerd Heinz gilt als „konservativer“ Theatermacher. Er sieht sich in einer Reihe mit Peter Stein, Jürgen Flimm oder Sven-Eric Bechtolf. Eigentlich ja als Avantgarde — „weil es doch immer weniger Menschen gibt, die das Stück oder die Partitur ernst nehmen“.

Sie sind also nicht Theaterlegende, sondern Theateravantgardist?

Heinz: (lacht) Weder noch! Ich bin ein homme de théâtre, das würde ich akzeptieren. Ein nach wie vor noch relativ lebendiger Mann des Theaters. Die Knochen tun’s zwar nicht mehr so, aber Hirn und Seele funktionieren noch!

Das will er jetzt bei den Proben zu Wagners „Walküre“ in Minden beweisen. Jutta Winckler, die „wunderbar verrückte“ Vorsitzende des Mindener Wagner-Verbandes, Dirigent Frank Beermann — noch so ein „Theater-Sohn“ von Gerd Heinz — und viele Sponsoren haben das gefeierte Wagner-Wagnis ermöglicht. Das A-Orchester spielt auf der Bühne, weil der Graben nicht groß genug ist. Auch für den Regisseur „eine grandiose Herausforderung“. „Ich kann nicht träumen in Rauch, Feuer, Autos oder Pferden, sondern habe nur einen kleinen Raum. Ich inszeniere im winzigen Wohnzimmer das größte Stück der Weltgeschichte. Das zwingt mich, die psychologische Struktur der Figuren ernst zu nehmen.“ Das hört sich wieder nach einem handwerklich gut gearbeiteten Theaterabend an, ohne egomane Regieexperimente oder Bebilderungswahnsinn.

Ihre „Walküre“ wird sicherlich nicht in der Ölförderanlage oder im Designer-Apartment spielen...

Heinz: Nein, dieser Bratkartoffel-Wagner ist Quatsch! Das sind doch nur verzweifelte Versuche, irgendein Stück von Gegenwart zu erhaschen. Die Musik ist größer. Die putzt das weg! Ich bin gerne ein Apostel back to the roots. Theater ist Kunst der Behauptung.

Back to the roots. Vielleicht auch zurück zu den Wurzeln nach Aachen? Da ist Heinz geboren, da hat er am Kaiser-Karls-Gymnasium Abitur gemacht und auch schon seine erste Schauspielgruppe gegründet. „Die Stufe“ nannte sich die. „Das Theaterspielen hat mich beinahe das Abitur gekostet“, meint er rückblickend. Aber danach ging's für ihn treppauf.

1962 hatten Sie Ihr erstes Engagement am Aachener Stadttheater — als Schauspieler und Regisseur. Geblieben sind Sie drei Jahre. Welche Erinnerungen bleiben?

Heinz: Ich erinnere mich noch an ein Vorsprechen in Bonn, da saß Aachens damaliger Intendant Paul Mundorf, der kannte mich bereits von meiner Schultheatertruppe und hat gesagt: „Komm zu mir. Kannst spielen, was du willst, kannst inszenieren, was du willst!“ Da habe ich dann von „Caligula“ bis „Don Carlos“ alles inszeniert und von Iwan Karamasow über Torquato Tasso bis Cyrano de Bergerac alles gespielt. Dazu habe ich noch eine Lesebühne gegründet. Wann ich in der Zeit geschlafen habe, weiß ich gar nicht mehr. Jedenfalls wurde ich damals gelegentlich gefragt, wann ich denn auch noch an der Kasse säße. Es war eine unglaublich intensive Zeit mit wunderbaren Kollegen!

Schön wäre es für Heinz schon, „mal wieder da zu stehen, wo die Knochen noch jung waren“. Theaterspielen ist ihm mittlerweile zu anstrengend. Aber eine Inszenierung oder ein Lese-Projekt in Aachen? „Es kommt immer auf die Herausforderung an.“