Interview mit Theaterexperte: Georg Quander über die vielfältige Opernlandschaft in NRW

Interview mit Theaterexperte : Georg Quander über die vielfältige Opernlandschaft in NRW

Die dichte Theaterlandschaft Nordrhein-Westfalens mit allein 13 Opernhäusern nimmt Georg Quander zum Anlass für ein liebevoll gestaltetes Buch, mit dem er auf die besondere Bedeutung der Region hinweisen will.

Er hat nicht zuletzt als ehemaliger Kulturdezernent der Stadt Köln die Szene intensiv beobachtet und stellt die  Entwicklung der Opernlandschaft ausführlich dar. Da Quander seit einiger Zeit in Berlin wohnt, finden die Entwicklungen der letzten fünf Jahre allerdings keine Berücksichtigung. Nützlich ist ein Anhang mit übersichtlich angeordneten Infos zu jedem Haus. In Berlin traf sich unser Mitarbeiter Pedro Obiera mit dem Autor.

Sie nennen Ihr Buch „Opernland Nordrhein Westfalen“. Was macht NRW zum Opernland?

Georg Quander: Zunächst die Fülle der Theater. Es sind immerhin 13 selbstständig produzierende Bühnen, die 15 Häuser ständig bespielen. Das ist eine weltweit einzigartige Dichte. Ich selbst habe dieses Phänomen erst richtig wahrgenommen, als ich beim NRW-Städtetag mit der bedrohlichen finanziellen Situation vieler Bühnen konfrontiert wurde. Als Städtetag haben wir gefordert, dass sich das Land mit 20 Prozent an den Ausgaben beteiligen sollte. Wir konnten nicht alles erreichen, aber die schlimmsten Katastrophen, von denen massiv Hagen, Münster und Krefeld/Mönchengladbach bedroht waren, vermeiden.

Die Dichte ist aber doch ein großes Kapital für unser Land

Quander: Damals sind mir die Probleme bewusst geworden, zugleich aber auch die Einsicht, über welch ungeheuren Reichtum NRW verfügt. Erstaunlich finde ich, dass weder die Einwohner noch die Politiker diesen Schatz gebührend zur Kenntnis nehmen. Auch nicht die Tatsache, dass wir es hier mit einer 300-jährigen Theatergeschichte zu tun haben. Das Bewusstsein dafür innerhalb und außerhalb des Landes zu schärfen, das war der Beweggrund, dieses Buch zu schreiben.

Gleichzeitig beklagen Sie in Ihrem Buch aber auch einen Bedeutungsverlust. Inwiefern?

Quander: Das hängt mit dem Phänomen zusammen, dass aufgrund der geschichtlichen Entwicklung in NRW alle Opernhäuser rein kommunal geführt werden. Die ältesten Theater standen zwar ursprünglich unter fürstlicher Herrschaft, doch diese Fürsten sind nach den napoleonischen Kriegen verschwunden. Das Land wurde preußisch, und die Preußen haben sich bei der Unterstützung der Theater sehr zurückgehalten. Die ehemals fürstlichen Theater in Düsseldorf, Bonn und Münster wurden den Städten übergeben, Bonn wurde gleich geschlossen, da in einer Universitätsstadt kein Theater vorhanden sein durfte. Bei den Städten gibt es aber sehr unterschiedliche Interessen, wenn es um die Verteilung der Gelder geht. Die Situation änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts, als Familien der Großindustrie, vor allem im Ruhrgebiet, den Ehrgeiz hatten, Theater zu schaffen, die mit denen der Residenzstädte konkurrieren konnten. Daraus entstand das Phänomen, dass in NRW unvorstellbar viel privates Geld in die Theater geflossen ist.

Ist das kein Zeichen von Stärke?

Quander: Der Einsatz der Bürgerschaft ist bewundernswert. Bestes Beispiel ist das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier, das nach dem Krieg eins der bedeutendsten Theaterbauten errichtet hat. Durch die Strukturkrise kam es allerdings schon kurz nach der Eröffnung zu finanziellen Engpässen Aber entscheidend ist die Haltung der Bürger, die immer betonten: „Wir wollen das.“ Wobei die unterschiedlichen Publikumsstrukturen und Mentalitäten der Städte der hiesigen Theaterlandschaft ein besonders vielfältiges Profil verleihen. Der ehemalige Dortmunder Intendant Jens-Daniel Herzog sagte mir: „Ich kann nicht wagen, was in Essen gezeigt wird.“ Und Essens Prinzipal Hein Mulders: „Ich kann nicht machen, was die Gelsenkirchener riskieren.“

Angesichts der finanziell angespannten Situation nahezu aller Städte rächt sich jetzt aber, dass das Land keine Verantwortung für die Theater übernommen hat.

Quander: Ich bin guter Hoffnung, dass sich angesichts einer so kompetenten Kulturministerin wie Isabelle Pfeiffer-Poensgen die Situation bessern wird, die als frühere Kulturdezernentin, unter anderem  von Aachen, die Probleme hautnah erlebt und immer darauf hingewiesen hat, dass durch die Bedrohung der Theater nicht nur strukturelle, sondern auch essentielle Voraussetzungen für das Selbstverständnis und Wohlergehen der Städte und Regionen gefährdet werden. Es liegen mittlerweile Beschlüsse vor, dass sich das Land an der Infrastruktur der Theater und Orchester beteiligen wird. Zwar noch nicht mit 20 Prozent oder gar 33 Prozent wie in Hessen. Aber es stimmt zuversichtlich, wenn man überhaupt bereit ist, Verantwortung mitzutragen.

Welche Häuser sind besonders gefährdet?

Quander: Nach meiner Ansicht Wuppertal und Hagen, wobei mir  das ungeheuer aufgeschlossene Publikum in Hagen gefällt. Ein Theater, das jedes Jahr so viele Menschen besuchen wie die Stadt Einwohner hat. Trotz permanenter Probleme. Bei vielen Debatten wird immer vergessen, dass mehr Menschen ins Theater gehen als ins Fußballstadion. Nur nicht 50 000 an einem Abend.

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