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Aachen: Genüssliches Piesacken mit Harry Rowohlt

Aachen : Genüssliches Piesacken mit Harry Rowohlt

Harry Rowohlt in Aachen - das bedeutete viele Erlebnisse von Lesereisen in Orte wie Bad Bevensen oder Geißlingen an der Steige, genüssliches Piesacken der Regional-Presse Deutschlands und natürlich ungestraftes Rauchen und Trinken in der Schule.

Der Übersetzer, Kolumnist und Gelegenheitsschauspieler („Lindenstraße”) amüsierte die Aachener über drei Stunden in der Aula des St.-Leonhard-Gymnasiums mit Geschichten und Gedichten, Dialekten, Hymnen und alten Witzen.

„Die Kieler Nachrichten haben geschrieben, ich sei der Paganini der Abschweifungen - das ist eiskaltes Kalkül, denn die Aufmerksamkeit von Erwachsenen hält kaum länger als die von Kindern. Nur dass Kinder sich ihre Langeweile eher anmerken lassen”, erklärte Rowohlt seine regelmäßigen Unterbrechungen dem ganz und gar nicht unaufmerksamen Publikum. Wenn eiskaltes Kalkül solches Amüsement hervor bringt, ist es aber nur recht.

Lernen wurde an diesem Abend ebenfalls groß geschrieben: „Man will ja nicht nur erbauen, man will ja auch belehren”, lautet Rowohlts Kommentar. Bedeutung und Aussprache von Skrotum, Topos, Lipsi und Enjambement ist nach Rowohlts Unterricht kein Problem mehr, obwohl vielleicht auch er zugeben muss, dass er dieses Ziel seiner Lesungen erst durch die Bad Bevensener Presse entwickelt hat. „Die haben mir vorgeworfen, dass ich so schwierige Wörter benutze, ohne sie zu erklären - seitdem erkläre ich immer alles.”

Verschriftlichtes Gedankengut kam an diesem Abend aber auch zu Ehren: Einige Kolumnen aus Rowohlts eigener Feder („Poohs Corner”), Gedichte und Geschichten, denen der preisgekrönte Übersetzer im Deutschen eine unschlagbar eigene Note gegeben hatte. Der ganze Abend stand unter dem Motto „Das Tier in der Literatur”.

Tatsächlich kamen nur wenige Tiere an diesem Abend vor, denn Rowohlt ist „doch kein Fundi”. Zum Glück. Denn wer wollte schon Rowohlts Hamburgische Übersetzung von „Erna, der Baum nadelt” verpassen, nur weil dort keine Tiere vorkommen oder womöglich die falsche Jahreszeit ist?

Seine Ausflüge in die verschiedenen Dialekte Deutschlands und Amerikas gehörten ohnehin zu den Highlights des Abends. Ob dazu auch die Gesangseinlagen gehören, darüber kann man wohl trefflich streiten. Aber zu diesem Zeitpunkt war es in der Schulaula schon fast so gemütlich und familiär wie an einem Kneipentresen. So verzeihen Rowohlt auch empfindliche Ohren.