Aachen: Gelungenes Experiment: „Orchester hautnah“ startet im Eurogress

Aachen : Gelungenes Experiment: „Orchester hautnah“ startet im Eurogress

Ein rundum gelungenes Experiment wagte das Aachener Sinfonieorchester mit dem Auftakt zur neuen Konzertreihe „Orchester hautnah“. Ein Titel, der nicht zu viel verspricht. So nah dürfte das Publikum den Musikern eines großen Symphonie-Orchesters sonst so gut wie nie kommen.

Dafür musste die Bestuhlung des Eurogress‘ gründlich umgestellt werden. Die Stühle wurden im Kreis platziert, und die Musiker agierten inmitten des Publikums. Somit saß jeder in Tuchfühlung mit einem Streicher oder Bläser. Und wer das „Glück“ hatte, neben der Pauke oder einer Trompete zu sitzen, konnte besonders deutlich ahnen, wie intensiv ein Orchestermusiker die Klänge wahrnimmt.

Auf dem Programm des ersten Konzerts im prall gefüllten Euro-gress stand mit Antonín Dvoáks berühmter Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ ein groß besetztes Werk mit einem gewaltigen dynamischen Radius auf dem Programm. Die Höreindrücke wichen natürlich deutlich von denen eines normalen Konzerts ab. Da die Musiker extrem weit voneinander entfernt saßen, waren kleinere Unstimmigkeiten im Zusammenspiel und der Intonation unausweichlich.

Dagegen war auch der hoch engagierte kommissarisch waltende Generalmusikdirektor Justus Thorau machtlos. Wie auch gegen die Tatsache, dass man unter Umständen eine Begleitstimme lauter wahrnehmen musste als die Melodiestimme. Das aber störte nicht weiter. Dafür gab es viel Neues und Ungewohntes zu hören und auch zu sehen. Den Musikern konnte man in jedem Takt „hautnah“ auf die Finger sehen.

Der Versuch stieß auf uneingeschränkte Zustimmung. Und nicht nur für die erfreulich vielen jungen Besucher, auch für erfahrene Konzertbesucher entwickelte der Abend eine Vitalität und Spannung, die man im Konzertalltag mit seinen starren Formaten nicht selten vermissen muss. Das Konzept kann und sollte die gewohnten Aufführungsformen nicht ersetzen. Es zeigt aber, wie wichtig neue Formate sind, um das Interesse wachzuhalten und möglichst auch neue Publikumsschichten ins Konzert locken zu können.

Auch der Versuch von Thorau, mit einer Einführung das Verständnis für das ausgewählte Musikstück zu erleichtern, kann hilfreich sein. Diskutieren lässt sich dabei freilich über die Länge und die Inhalte des Vortrags. Ob die Einflüsse indianischer und negroider Musik auf Dvoáks Sinfonie eine so ausführliche und eher spekulative Betrachtung verdienen, darüber lässt sich trefflich streiten.

Neue Perspektiven

Gleichwohl: Das Experiment ist rundum gelungen. Wer weitere ungewöhnliche Eindrücke von einem Konzertabend gewinnen möchte, dem seien Arbeiten des Institutes of Communication Systems (IKS) der RWTH empfohlen, das Konzerte des Aachener Orchesters aus unterschiedlichen akustischen und optischen Perspektiven mitgeschnitten hat. Und am 12. Mai um 19 Uhr kann man das Sinfonieorchester zum zweiten Mal „hautnah“ live erleben mit Werken von Grieg und Schubert.

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