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Aachen: Gegen „Elektra” ist der Jet ein Flüsterer

Aachen : Gegen „Elektra” ist der Jet ein Flüsterer

Zwischen Lärm und traumhaften Klängen liegen mitunter nur Nuancen - diese Erfahrung hat sicher schon jeder Konzertbesucher gemacht. Umso schlimmer für die Damen und Herren Verursacher, denen das Kreischen der Violinen unmittelbar in die Ohren kracht - im Extremfall mit bis zu 109 Dezibel.

Das entspricht ziemlich exakt dem Lärm einer startenden Propellermaschine in sieben Meter Abstand. Spätestens am 15. Februar muss Schluss damit sein: Im Durchschnitt darf ein Orchestermusiker nicht mehr als 85 Dezibel ertragen und ein Spitzenwert von 135 Dezibel überhaupt nicht mehr erreicht werden.

2003 erlassen

Bereits im Februar 2003 hat die Europäische Union (EU) eine entsprechende „Lärm- und Vibrationsschutzrichtlinie” erlassen, die nicht nur für Baustellen und Fabriken gilt, sondern auch für den Musik- und Unterhaltungssektor.

Für diesen sensiblen Bereich, in dem eine gewisse Lautstärke ja zum Genuss dazugehört, wurde eine Übergangsfrist eingeräumt. Morgen endet sie. Ab dann gilt die deutsche Umsetzung der EU-Richtlinie durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales: die „Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch Lärm und Vibration” - amtlich abgekürzt: LärmVibrationsArbSchV.

Musik von Richard Wagner kann tödlich sein: 1994 fällt im Kopenhagener Zoo ein Okapi tot um, als nebenan das Orchester Open Air mit „Tannhäuser” loslegt. Aber was tun zum Beispiel gegen 110 Dezibel der Trompeten und Tubas beim „Ring des Nibelungen” - genauso laut ist es in einem Kraftwerk. Oder gegen die bis zu presslufthammerharten 118 Dezibel am Ohr eines Flötenspielers?

Wir fragten am Theater Aachen nach: Wie haltet ihr es mit der EU-Lärmschutzrichtlinie? Und trafen zunächst auf den dafür zuständigen Mann: Willi Strohschein, kaufmännischer Direktor und stellvertretender Verwaltungsdirektor des Theaters.

In der Verordnung sind Lärm-Durchschnittswerte und Lärm-Spitzenwerte angegeben. Lärmschutzmaßnahmen müssen vom Arbeitgeber ergriffen werden, wenn der Durchschnittswert, 85 Dezibel, oder der Spitzenwert, 135 Dezibel, überschritten wird. Für Willi Strohschein keine Frage: Am Theater Aachen ist man zumindest, was den Orchestergraben angeht, seit einigen Jahren auf der sicheren Seite. „Aus Verantwortung für die Musiker haben wir entsprechende bauliche Maßnahmen im Orchestergraben vorgenommen.”

Nachdem Experten des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Stuttgart entsprechende akustische Messungen durchgeführt hatten. Konsequenz: An der hinteren Wand und den Seitenwänden wurden Breitbandkompaktabsorber und Verbundplattenresonatoren eingebaut, die Schall buchstäblich schlucken und vor allem das Dröhnen in dem kleinen Raum eliminieren.

Den Auslöser für diese Maßnahmen verrät uns Karl-Josef Ohligs, Kontrabassist im Sinfonieorchester Aachen und Mitglied des Personalrats. „Das war Ende 1999. Wir spielten ,Elektra von Richard Strauss. Das kam uns damals im Graben übermäßig laut vor.” Die Musiker ließen die Lautstärke messen - Ergebnis: sagenhafte 137 Dezibel.

Zum Vergleich: Die Trillerpfeife bringt es gerade mal auf 120 Dezibel, der Düsenjet auf 130 - bei sieben Meter Abstand! Ab 135 können irreversible Hörschäden eintreten. „Der Durchschnittswert lag bei 95 Dezibel, das war doppelt so laut wie die jetzt erlaubten 85 Dezibel.”

Jeweils zehn Dezibelpunkte mehr bedeuten die Verdoppelung der Lautstärke. „Elek-tra” wurde nach Bekanntwerden der Zahlen nicht mehr gespielt. Paul Esterhazy, so Ohligs, setzte später nur Opern auf den Spielplan, die nicht so laut gespielt werden mussten.

Die Breitbandkompaktabsorber und Verbundplattenresonatoren bewirken, erklärt der Kontrabassist, eine höhere Klangtransparenz. „Man muss nicht mehr so laut spielen, um sich selbst gut zu hören. Im Orchestergraben sind wir auf einem guten Weg.”

„Unbefriedigend” dagegen weiterhin die Verhältnisse im kleinen Proberaum in der Elisabethhalle: Dort hat man es grundsätzlich aufgegeben, in großer Besetzung zu proben. Ohligs: „Uns würden die Ohren wegfliegen, wenn wir dort so spielten wie im Eurogress.”

Die Holzbläser würden aufgrund der Enge dem Pauker fast auf dem Schoß sitzen. Nur Werke in kleinerer Besetzung können in der Elisabethhalle geprobt werden. „Im Eurogress können wir uns durch einen größeren Abstand voneinander schützen.” Zwei Tage vor dem Sinfoniekonzert beginnen die Proben.

Zwei weitere „Hilfsmittel” im Kampf gegen den Orchesterlärm hält Ohligs manchmal für notwendig, aber nicht ideal: individuell vom Hörgeräteakustiker angepasste „Ohrstöpsel”, sogenannte Otoplasten, und Plexiglasscheiben zwischen den Musikern. „Ich trage keine Otoplasten”, sagt der Kontrabassist. Der Grund: „Ich muss mitunter so leise spielen, dass ich es selbst kaum höre. Mit Otoplasten wird die Eigenkontrolle sehr erschwert.” Deshalb greifen nur „einige” seiner Kollegen darauf zurück.

Und Plexiglasscheiben? „Die absorbieren den Schall ja nicht. Der Kollege davor wird zwar etwas geschützt, doch der Schall wird nach hinten reflektiert.”

„Das Optimum wäre das Haus für Musik an der Monheimsalle mit idealen akustischen Verhältnissen. Dann hätten wir einen Konzertsaal und einen Proberaum.” Aber das steht mehr denn je in den Sternen...

„Ein Dauerschallpegel von 85 Dezibel ist für die Orchesterwelt eigentlich absurd.” Das ist die Einschätzung von Gottfried Behler vom RWTH-Institut für Technische Akustik. „Der Wert ist kaum einzuhalten.” Ebensowenig Spitzengrenzwerte in Fortissimo-Passagen. Behler, lachend: „Aber die kann man ja nicht einfach weglassen, dann würde ja keiner mehr hingehen.”

Die Dosis entscheidet

Überdies könnten auch vergleichsweise geringe Werte über lange Zeit eine schädigende Wirkung haben. „Entscheidend ist die Dosis.” Ab 150 Dezibel ist sowieso Schluss: „Im Fernsehen sieht man immer wieder, wie in Ohrnähe ein Schuss abgegeben wird, und nichts passiert. Völliger Unsinn. Da wäre man garantiert taub.”

Doch solche Werte erreicht das Orchester zum Glück auch bei Wagner oder Strauss nicht. Trotzdem - Kontrabassist Ohligs: „Die EU-Richtlinie ist sehr vernünftig und dringend notwendig.” Wenn die optimale Umsetzung auch bislang kaum zu erreichen ist...