Aachen/Alsdorf: Für die Sängerin Sharon Kovacs „sind Songs wie Narben“

Aachen/Alsdorf : Für die Sängerin Sharon Kovacs „sind Songs wie Narben“

Als Sharon Kovacs vor drei Jahren ihr Einstandswerk „Shades Of Black“ präsentierte, wurde sie sicher auch wegen der bisweilen James-Bond-Musik-artigen Orchestrierungen der Platte in die Nähe von Amy Winehouse gerückt. Dabei besitzt sie eher das Vibrato einer Billie Holiday, mit dem sie ihren Hang zu majestätischen Refrains untermalt.

Einen Nummer-eins-Erfolg sicherte sich die Niederländerin mit ihrem Debüt in ihrem Heimatland. Wenn sie am kommenden Freitag in der Alsdorfer Stadthalle im Rahmen des Kulturfestivals der Städteregion Aachen auftritt, wird eine gereiftere und reflektierte 28-Jährige auf der Bühne stehen. Und sie wird ein paar Songs ihres neuen Albums „Cheap Smell“, das im Oktober erscheint, erstmals live vorstellen. Warum der Frau mit der großen Stimme das Offenbaren ihrer Verletzbarkeit wichtig geworden ist und was diese mit politischen Hasspredigern zu tun hat, erzählt Kovacs im Gespräch mit Michael Loesl.

Sharon Kovacs, leiden Sie unter Spinnenphobie?

Sharon Kovacs: Nein, ich flippe nicht aus, wenn ich Spinnen sehe. Freiwillig anfassen würde ich sie aber nicht. Die Art, wie sie Netze bauen, um darin gefangen zu halten, finde ich so faszinierend, dass ich eine Spinne als Metapher für meine neue Single „Black Spider“ nutze.

Darin gehte_SSRqs um Fallen, die man sich selbst stellt. Singen Sie dabei aus Erfahrung?

Kovacs: Ich bin davon überzeugt, dass jeder gerne eigene Verhaltensformen ändern wollen würde, die sie oder ihn daran hindern, weiterzukommen. Aber zumeist bewegen wir uns in Kreisläufen, die uns immer wieder an Punkte im Leben katapultieren, vor denen wir am liebsten weglaufen würden, wenn wir könnten. Dabei ist es viel gesünder, sie zu betrachten, um sie neutralisieren zu können.

Betrachtet man sich als Künstlerin zwangsläufig selbstkritisch?

Kovacs: Ich kann die Frage natürlich nicht allgemeingültig beantworten. Mein Bedürfnis, mich immer wieder selbst zu hinterfragen, ist groß. Das kann, zugegeben, anstrengend sein. Aber die Mühe lohnt sich, denn aus der Reibung zwischen Harmoniebedürfnis und kritischem Selbsthinterfragen entsteht Inspiration für Texte, für Songs. Ich bin ja in der glücklichen Lage, über alle Irrungen und Wirrungen Songs schreiben zu können.

Waren die drei Jahre zwischen Ihrem Debütalbum und der kommenden Platte „Cheap Smell“ für Sie von Selbsterkenntnissen geprägt?

Kovacs: Als alles vor ein paar Jahren anfing, sprang ich vollkommen unbekümmert ins kalte Wasser. Das half mir dabei herauszufinden, wer ich eigentlich bin, was mir zusagt und eher nicht liegt. In künstlerischer Hinsicht hat sich viel verändert. Die Zusammenarbeit mit meinem damaligen Produzenten wurde so vertraut, dass ich etwas Neues ausprobieren wollte und beschloss, vieles selbst in die Hand zu nehmen. Das war erst mal beängstigend, aber ich lernte eine Menge über mich selbst. Das war der Musik auf dem neuen Album zuträglich. Sie ist ein bisschen fröhlicher geworden, ohne poppig zu sein, finde ich.

Sie ist offener geworden.

Kovacs: Und ehrlicher. Vor dem ersten Album führte ich viele Gespräche über meine Vergangenheit und die Gedanken dieser Konversationen flossen in introspektive Texte, zu denen die Film-Noir-Musik der Platte wunderbar passte. Derzeit schöpfe ich eher aus meinem Ist-Zustand.

Sie offenbaren Ihre Verletzbarkeit deutlicher.

Kovacs: Ein großartiger Zustand. Ich habe mich immer zu Künstlern hingezogen gefühlt, die mir, wenn vielleicht auch nur sublim, ihre Menschlichkeit und Verletzbarkeit in ihren Werken zeigten. Es gehört eine Menge Mut dazu, und dieser Mut macht greifbarer, authentischer.

Leben Sie noch in der Kleinstadt nahe der niederländisch-deutschen Grenze bei Venlo, in der Sie aufwuchsen?

Kovacs: Ich lebe in der Nähe von Eindhoven, und ich brauche meine überschaubare Umgebung, um meinen eigenen Herzschlag hören zu können. Mein neues Album nahm ich auch in einem Londoner Studio auf. Für eine Weile finde ich die Taktung einer großen Stadt wie London oder Amsterdam anregend. Aber nach zwei Wochen fühle ich mich darin oft wie die Passagierin eines Zuges, der bei vollem Tempo einfach immer weiterrast. Zum Schreiben von Songs eignen sich kleinere Städte für mich besser, weil ich darin nicht von Milliarden Geräuschen umgeben bin. Und wie es bei Musikschaffenden halt oft so schön widersprüchlich ist, findet mein Geist es spannend, aus der Überschaubarkeit einer Kleinstadt ausbrechen zu wollen, um sie mit Tönen zu füllen.

Ist Musik nicht immer auch Seelensuche, Therapie, Verbindungssuche?

Kovacs: Bei mir auf jeden Fall. Musik füttert meine Seele, meinen Geist, mein Herz, mein Hirn. Und sie ist imstande, Emotionen aus den hintersten Ecken sichtbar werden zu lassen. Für mich sind Songs wie Narben, wie Tätowierungen, auf die man unterschiedliche Emotionen projiziert. Man gibt ihnen Plätze zum Existieren.

Wer wären Sie ohne Musik?

Kovacs: Ich würde trotzdem in irgendeiner Form kreativ sein, vielleicht malen oder fotografieren. Für einen Büro-Job bin ich schlicht nicht geschaffen. Das war schon in meinen Kinderjahren offensichtlich. Damals war ich bereits damit beschäftigt, Neues zu erschaffen, daran festzuhalten, um es wieder zu verwerfen und anders zu gestalten.

Wie wichtig ist Ihnen Individualismus?

Kovacs: Sehr wichtig, denn woraus sollte ich schöpfen, wenn nicht aus mir, dem Individuum Sharon Kovacs? Wir können irgendwem irgendwo auf der Erde schreiben und feststellen, dass alle die gleichen Zeichen, den Smiley nutzen. Leute sprechen gleich und setzen die gleichen Zeichen. Das finde ich ziemlich langweilig, und manchmal fühle ich mich wie eine kleine Insel, die gerne vom Festland wegschwimmt, um sich ihm im nächsten Moment wieder nähern zu wollen.

Und mit Ihrer Musik und in Ihren Konzerten laden Sie Zuhörer auf Ihre Insel ein?

Kovacs: Ja, ich möchte darin alles offenbaren, das Gute und die dunklen Seiten menschlichen Seins. Die sogar ganz besonders deutlich, weil ich finde, dass sie viel zu selten aufgezeigt werden, obwohl sie allgegenwärtig sind. Nicht nur im Persönlichen, sondern auch im Politischen.

Vielleicht verbindet die Furcht vor allem vermeintlich Fremden Menschen stärker als ihre Pässe.

Kovacs: Ganz sicher sogar. Und ich frage mich manchmal, ob Typen wie Trump oder unser niederländischer Rechtsaußen Geert Wilders immer noch Furcht und Angst verbreiten würden, wenn sie ihre eigenen Ängste vor sich selbst endlich mal aufarbeiten würden. Schauen Sie sich deren Biografien an, und Sie werden feststellen, dass es darin Knackpunkte gab, die sie auf andere zeigen lassen, statt als gebrochene Persönlichkeit auf sich selbst zu zeigen.

Vielleicht sollten wir Ihnen Spiegel schenken, damit sie ihre eigene Erbärmlichkeit betrachten können.

Kovacs: Sie würden sie für ihren überzogenen Narzissmus nutzen. Ich habe eine bessere Idee. Sie sollten mehr Musik hören, in der Menschen ihre Widersprüche offenbaren. Dann erkennen die Machtsüchtigen vielleicht, dass ihr Streben nach Macht und ihr Streuen von Hass nichts anderes ist als die Kehrseite ihres Kleinfühlens und ihrer Verletzbarkeit, die sie sich nicht eingestehen wollen.

Ab Oktober könnten sie „Cheap Smell“ von Kovacs hören.

Kovacs: Kein schlechter Anfang.