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Aachen/Schorfheide: Fritzi Haberlandt: „In fröhlicher Bigamie“ mit Theater und Film

Aachen/Schorfheide : Fritzi Haberlandt: „In fröhlicher Bigamie“ mit Theater und Film

Gerade noch auf der Lola-Showbühne, jetzt schon wieder auf dem Land — oder unterwegs zwischen Dreh, Theater und Lesung: Schauspielerin Fritzi Haberlandt ist gut im Geschäft.

Nachdem die 41-Jährige in Berlin mit dem Deutschen Filmpreis als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde und vor ihrem Auftritt mit „Das kunstseidene Mädchen“ beim Kulturfestival der Städteregion in Herzogenrath sprach sie mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz über große Lieben, ungerechte Gagen, schiefe Töne und ihre Wechsel zwischen Promi-Welt und Kartoffelacker.

Mit Lola: Fritzi Haberlandt bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises Ende April mit ihrer Auszeichnung in der Kategorie „Beste Nebenrolle“ für „Nebel im August“.
Mit Lola: Fritzi Haberlandt bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises Ende April mit ihrer Auszeichnung in der Kategorie „Beste Nebenrolle“ für „Nebel im August“. Foto: dpa

Behördenanrufe sind für Sie der Horror, haben Sie mal erzählt. Und diese Telefonate mit Journalisten?

Fritzi Haberlandt: (lacht) Das mache ich natürlich seeeehr gern! Nein, ich finde das wirklich sehr schön. Ich bin ja hier zu Hause in meinem Dorf und kann von da aus mit der weiten Welt telefonieren.

Ihr Zuhause ist in einem 100-Einwohner-Dorf in der brandenburgischen Schorfheide. Wie heißt das?

Haberlandt: Das sage ich ja nicht.

Damit Sie da keine Fanscharen vor der Haustür haben.

Haberlandt: Genau, hier will ich noch ein bisschen privat bleiben.

Dann kommen Sie gerade vom Kartoffelacker?

Haberlandt: (lacht) Ne, heute noch nicht. Dieses Jahr baue ich nicht so viel an, weil ich ja den Sommer in Salzburg verbringe.

Über Ihr Engagement bei den Salzburger Festspielen werden wir gleich noch sprechen. Aber warum leben Sie so zurückgezogen?

Haberlandt: Die Ruhe und die Natur sind ein sehr guter Ausgleich zu der Aufregung, die ich in meinem Beruf erlebe. Ich bin viel unterwegs, stehe auf der Bühne und vor der Kamera, aber hier kann ich Kraft tanken.

Das Landleben auch als Ausgleich für die Glamour- und Promi-Welt, wie Sie sie gerade wieder bei der Lola-Verleihung erlebt haben? Der Auftritt dort schien Ihnen sympathisch unangenehm zu sein.

Haberlandt: Das war sehr aufregend, die Preisverleihung wurde ja auch ins Fernsehen übertragen. Privat — so ganz ohne Rolle — stehe ich nicht gerne auf der Bühne. Und auf dem roten Teppich fühle ich mich auch nicht zu Hause.

In Ihrer Preisrede haben Sie nicht nur Ihrem Papa gedankt — für Ihre Nase und Ihren Humor, sondern auch Ihrem „Henk“, das ist Ihr Lebensgefährte, der Filmregisseur Henk Handloegten. Sie haben gerade erst wieder zusammengearbeitet, für die Mega-TV-Serie „Babylon Berlin“. Was spielen Sie da?

Haberlandt: Eine kleine Rolle. Aber wir dürfen noch immer nicht verraten, wer da was spielt. Nur so viel: ein Krimi im Berlin der 20er Jahre — ein gaaanz tolles Projekt! Ich habe eine durchgehende Nebenrolle. Und ich bin am Ende nicht tot! (lacht)

Schön, dann haben wir ja die Chance, Sie in einer möglichen Fortsetzung zu sehen! Berlin zur Zeit der Weimarer Republik, das ist ja auch das Setting von Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“, mit dem Sie auf Tour sind.

Haberlandt: Genau!

Da habe ich zuerst gedacht: „Das kunstseidene Mädchen“ — schnarch! Die sichere Solo-Position in jedem Stadttheater-Spielplan. Warum macht die Haberlandt das bloß?

Haberlandt: Oh, Gott! Weil das für mich der beste Text der Welt ist! Weil ich ihn liebe! Weil er wahnsinnig gut zu mir passt! Dieses Tragikomische, diese sehr eigene Sprache Irmgard Keuns. Ich finde das so schade, dass der Text — wahrscheinlich auch, weil er oft noch Schulstoff ist — so einen schlechten Ruf hat. Mir macht es großen Spaß, ihn aufzuführen, und die Zuschauer werden von meiner Begeisterung angesteckt.

Moment! Zuerst dachte ich „schnarch!“, und dann habe ich den Roman noch mal gelesen. Diese Sprache, dieser Witz, diese Schärfe — toll!

Haberlandt: Und es klingt überhaupt nicht verstaubt!

Aber was geht Sie als 41-Jährige das „kunstseidene Mädchen“ an, diese 18-jährige Sekretärin Doris, die von Köln nach Berlin ausbricht, um ein „Glanz“ zu werden?

Haberlandt: Ich glaube, das hat nichts mit dem Alter zu tun. Mich reizt besonders diese Sprache. Natürlich auch dieser Mensch, diese Doris, ihr Hoffen, Sehnen, Träumen, Scheitern. Und mir gefällt ihre vorgegaukelte Naivität, damit kann ich wahnsinnig toll spielen.

Aber warum dieser 85 Jahre alte Text hier und heute?

Haberlandt: Mein Abend steht für sich, aber man kann ihn weiterdenken. Irmgard Keuns Bücher wurden von den Nazis verbrannt. Und natürlich zeigen sich in politischen Entwicklungen Anfang der 30er Jahre Parallelen zu heute. Da frage ich mich: Was radikalisiert sich heute wieder? Zum anderen finde ich es interessant, darüber nachzudenken, wie eine junge Frau — ob Anfang der 30er Jahre oder heute — erfolgreich und unabhängig sein kann, im Licht stehen kann, und nicht nur im Schatten eines Mannes.

Wie ist es für Sie, ein „Glanz“ zu sein?

Haberlandt: Als Schauspielerin kann ich meine eigenen Entscheidungen treffen, aber ich bin auch abhängig von anderen, die mich besetzen. Regisseure sind meistens Männer, und es werden meistens männliche Geschichten erzählt. Daher war es so schön, dass bei der Lola-Verleihung diesmal so viele Frauen mit starken Filmen gewonnen haben. Das Kino ist immer noch total männerlastig, und das muss sich ändern!

Das ist im Theater nicht anders.

Haberlandt: Ich habe im Theater noch nie mit einer Regisseurin gearbeitet! Das ist jetzt in Salzburg das erste Mal, und ich habe ja wirklich schon einiges gemacht. Das ist doch verrückt!

Wie kann sich das ändern?

Haberlandt: Strukturen müssen sich ändern. Die Frauen, die was zu sagen haben, müssen mehr zusammenhalten und einander stärker fördern. Ich bin auch absolut für Quoten. Da muss man aktiv eingreifen. Auch dass Schauspielerinnen aus Prinzip weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen — davon bin ich auch betroffen und kanne_SSRqs einfach nicht fassen!

Eine Quoten-Initiative gibt es ja von Filmregisseurinnen. Bei den Salzburger Festspielen sieht man es ebenfalls: Da ist eine neue Schauspielchefin, die fast nur Regisseurinnen engagiert. Auch die Filmregisseurin Athina Rachel Tsangari gibt dort ihr Bühnendebüt mit Frank Wedekinds „Lulu“ — und da spielen Sie mit, allerdings nicht die Titelrolle wie vor mehr als zehn Jahren in Michael Thalheimers berühmter „Lulu“, sondern Gräfin Geschwitz. Was dürfen wir erwarten?

Haberlandt: So genau weiß ich das auch noch nicht. Vor einem Jahr habe ich mich mit der Regisseurin zum Gespräch getroffen. Aber wir fangen erst Ende Juni an zu proben. Jedenfalls sieht sie Lulu nicht als männermordenden Vamp und ihre Beziehung zur Geschwitz als die große, einzig wahre Liebesgeschichte in diesem Reigen.

Dann lassen wir uns überraschen! Ihre Kollegin Sandra Hüller hat mal gesagt: Das Theater ist meine große Liebe, der Film ein Flirt. Wie ist das bei Ihnen?

Haberlandt: So war es auf jeden Fall am Anfang. Ich wollte immer nur Theater machen, aber dann kam der Film dazu, das fand ich total aufregend. Und jetzt (Pause, lacht) lebe ich in fröhlicher Bigamie!

Von Lulu und Lola noch mal kurz zu Doris: Sie arbeiten schon seit mehr als zehn Jahren an dem „kunstseidenen Mädchen“, haben auch ein Hörbuch aufgenommen. Doch die Zuschauer in Herzogenrath erwartet bestimmt viel mehr als eine Lesung, oder?

Haberlandt: Ja, es ist fast ein Theaterabend. Der Jazz-Pianist Jens Thomas erzählt mit mir die Geschichte, ich lese und spiele. Er hat auch ein paar Songs geschrieben, ich singe also auch.

Das können Sie auch?

Haberlandt: (lacht) Ich denke, ich kann es nicht, aber die Leute mögen es, wenn ich mit Jens zusammen singe.

Warum denken Sie denn, Sie können nicht singen?

Haberlandt: Weil ich die Töne nicht treffe. (lacht) Ich privat kann sicherlich nicht als Sängerin auftreten. Aber da singt ja Doris. Da kommt es nicht auf schöne Töne an, sondern auf Ausdruck!