1. Kultur

Neu im Kino: „Close“: Freundschaftsdrama um zwei Jungs

Neu im Kino: „Close“ : Freundschaftsdrama um zwei Jungs

Close“ ist ein erschütterndes Drama über das Zerbrechen einer engen Kinderfreundschaft in der Konfrontation mit der Gesellschaft an der Schwelle zur Pubertät. Im Rennen um den Auslands-Oscar.

Im Kino selten so geweint. Kaum je einen Film gesehen, der derart wahrhaftig zu sein scheint wie der zweite Spielfilm des Belgiers Lukas Dhont. „Close“, der 2022 den Jury-Preis in Cannes gewonnen und jetzt um den Auslands-Oscar konkurriert, handelt von einer Jungenfreundschaft und davon, wie diese allmählich Risse bekommt und in die Brüche geht.

Leo und Remi heißen die beiden 13-Jährigen. Sie wohnen mit ihren Familien unweit voneinander in einer ländlichen Umgebung. Die beiden Jungs sind miteinander aufgewachsen. Sie verstehen sich mehr oder weniger ohne Worte. Als man sie das erste Mal sieht, ist es Sommer und Ferienzeit. Sie spielen im Wald mit einer in der Fantasie entstehenden Armee von Feinden, vor der sie atemlos über blühende Blumenfelder fliehen. Die Kamera fliegt mit ihnen schwerelos mit.

Innige Vertrautheit begleitet die beiden, als sie nach den großen Ferien gemeinsam zur Schule radeln. Sie wechseln in die Oberstufe und sind derselben Klasse zugeteilt. In der Aufregung der ersten Pause werden Leo und Remi von einer Klassenkameradin neugierig gefragt, ob sie „zusammen“ seien. Während Leo schlagfertig antwortet, sie seien bloß Freunde und „so was wie Brüder“, schweigt Remi.

<aside class="park-embed-html"> <iframe width="640" height="360" src="https://www.youtube.com/embed/kqZKwat4MqQ?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen title="CLOSE - Trailer German | Deutsch"></iframe> </aside>
Dieses Element enthält Daten von YouTube. Sie können die Einbettung solcher Inhalte auf unserer Datenschutzseite blockieren

Doch das einmal Ausgesprochene bleibt im Raum hängen. Etwas nistet sich ein bei den Klassenkameraden, die kurz vor oder am Anfang der Pubertät stehen und sich ihrem Alter entsprechend ziemlich unreflektiert und direkt verhalten. Aber auch bei Leo und Remi, von denen der eine in seiner Verunsicherung instinktiv die Flucht in die Lüge und damit auch in die (Selbst-)Verleugnung antritt, derweil der andere sich zurückzieht und immer mehr verstummt, bis er in seiner Hilflosigkeit und Verzweiflung für seinen besten Freund nur noch Tränen und Hiebe übrig hat.

Lukas Dhont hat sich bereits in seinem Erstlingsfilm, dem Drama „Girl“, mit der Thematik queeren Heranwachsens auseinandergesetzt. In „Close“ beleuchtet er nun die Entwicklungsstufe davor: den Moment, in dem Kindern in der Konfrontation mit der Gesellschaft bewusst wird, dass das, was in der familiären Umgebung als normal gilt, von der Gesellschaft nicht vorbehaltlos akzeptiert wird.

Dhont inszeniert das mit behutsamer und beobachtender Kamera. Kleine Gesten, ein winziges Wegrücken voneinander: Immer wieder kommt die Kamera von Frank van den Eeden den Körpern der beiden Protagonisten nahe. So nah dran an den Protagonisten Dhont im ersten Teil erzählt, so punktuell wird er im zweiten, wo er kurze Schlaglichter auf die Zeit wirft, die Wunden heilt. Der Prozess der langsamen Heilung wird nicht halb so sorgfältig geschildert. Dem großartigen Film tut das keinen Abbruch. (Aachen: Apollo) ★★★★★

„Close“ (Belgien, Niederlande, Frankreich 2022) Regie: Lukas Dhont, mit Eden Dambrine, Gustav de Waele, Émilie Duquenne, 105 Min., FSK: ab 12.

(kna)