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Aachen: „Freudestrahlend” ist der Fehler-Renner

Aachen : „Freudestrahlend” ist der Fehler-Renner

Die Blähkraft dicker Bohnensuppe ist für Klaus Mackowiak von entscheidender Bedeutung. Ebenso das lyrische Können von Heinz Erhardt.

Oder seine eigenen Erfahrungen als Kicker bei „Juventus Senile” in der Bunten Liga. Besonders in formaler Hinsicht. Denn dem Aachener Journalisten und Sprachberater liegt das grammatisch korrekte Schreiben am Herzen.

Und damit seine Beispielsätze nicht so sehr nach Oberstudienrat klingen, polstert er sie eben mit Fleisch und Blut. Genauer gesagt: mit dicken Bohnen, komischen Reimen oder gelben Karten. Getreu der aristotelischen Maxime: belehren und unterhalten.

Über sein neues Buch, „Die 101 häufigsten Fehler im Deutschen und wie man sie vermeidet”, unterhielt sich der 51-Jährige mit unserer Mitarbeiterin Jenny Schmetz.

Ich hoffe, Sie haben kein Probediktat für mich dabei, um zu testen, ob ich Ihr Buch auch gut gelesen habe...

Mackowiak: Hätte ich natürlich schon. (lacht) Für meine Buchpräsentation habe ich kleine Preisfragen vorbereitet.

Die Besucher sollten also vorbereitet kommen... Also, ich habe Ihr Buch gelesen. Aber ich fürchte, ich mache auch weiterhin Fehler. Mir schwirrt nach der Lektüre schon etwas der Kopf, muss ich gestehen.

Mackowiak: Es geht da natürlich nicht um elementare Fragen des Schreibens, sondern schon um Probleme, die versierte Schreiber haben. Ich habe beim Grammatischen Telefon der RWTH Aachen und jetzt bei der Duden-Sprachberatung die Erfahrung gemacht, dass Menschen anrufen, die schon eine ziemlich hohe Sprachkompetenz haben.

Und genau diese Klientel wird mit meinem Buch bedient. Es ist also nicht für Schüler gedacht, die noch im Schrifterwerb sind, sondern für versierte Schreiber - also zum Beispiel Journalisten, Texter in Werbeagenturen oder Sekretärinnen. Bei diesen etwas ausgesuchteren Problemen kann einem schon einmal der Kopf schwirren.

Aber im Gegensatz zu den Geschichten aus 1001 Nacht sind Ihre 101 Fehler ja auch weniger als Bettlektüre denn als Nachschlagewerk gedacht.

Mackowiak: Ja, es ist nicht so gedacht, dass man das Buch von vorne bis hinten lesen soll. Aber es gibt ja Menschen, die haben die unmöglichsten Vorlieben...

Etliche Verstörungen erleben Sie bei den Anrufern, die Sie als Sprachberater mit Fragen löchern.

Mackowiak: Ja, Verstörungen sind durch den ganzen Prozess der Rechtschreibung und den Hickhack um die Neuerungen festzustellen. Bei der Duden-Sprachberatung haben wir einen ständigen Zuwachs - etwa 40 bis 50 Anrufer berate ich derzeit pro Vormittag. Obwohl es ja 1,86 Euro pro Minute kostet. Aber es beruhigt mich, dass die telefonische Sprachberatung teurer ist als die Sexlines. Das finde ich richtig so!

Wieso?

Mackowiak: Man bekommt einfach mehr geboten für sein Geld.

Und all diese Erfahrungen bei der Sprachberatung sind also in Ihre „Hitparade der beliebtesten Fehler” eingeflossen.

Mackowiak: Ja, ich habe mich an Anfragestatistiken orientiert. Die 101 Fehler sind Einzelfälle und richten sich danach, was am häufigsten gefragt wurde. Der erste Fehler ist also der Renner schlechthin: die Frage nach der Getrennt- oder Zusammenschreibung von Fügungen aus Substantiv und Partizip - zum Beispiel „freudestrahlend” oder „Aufsehen erregend”.

Haben Sie einen Lieblingsfehler?

Mackowiak: Als gebürtiger Ruhrgebietler ist das für mich das Fugen-s. Obwohl dieser Slang eine sehr reduzierte Grammatik hat, gehen die Menschen im Ruhrgebiet mit den Möglichkeiten des Fugen-s geradezu barock um. Zum Beispiel bei „Öfsken” (kleiner Ofen) oder „Bratskartoffeln”. Da gibt es auch kaum durchgängige Regeln.

In Ihrem Buch heißt es manches Mal: „Regeln können hier kaum angegeben werden” oder „Hier konsultiere man in Zweifelsfällen lieber ein Wörterbuch”. Bringen einen diese Zweifelsfälle nicht zur Verzweiflung?

Mackowiak: Nein, das gibt auch eine gewisse Freiheit. Wir sind ja alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft. Da sollte man nicht verzweifeln, sondern sich freuen und sagen: Es ist auch unser Werk!

Schließlich machen ja nicht die Grammatiker die Sprache, sondern die Mitglieder der Sprachgemeinschaft. Und die Grammatiker müssen sich Geschichten ausdenken, die so ungefähr die gleichen Ergebnisse haben.

Nebenbei ist Ihr Buch auch ein Plädoyer für verständliches Schreiben. Sehr gut gefällt mir zum Beispiel der Leitsatz: „Der Punkt ist dein Freund.” Verführen umständliche Schachtelsätze auch zu Fehlern?

Mackowiak: Ja, natürlich. Wenn man überhaupt schon in der Struktur seines Textes klar ist, dann macht man oft viele Fehler einfach automatisch nicht. Wenn man kompliziert denkt, dann verhaspelt man sich ziemlich leicht.