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Eupen: „French Connection“ im Ikob Museum in Eupen

Eupen : „French Connection“ im Ikob Museum in Eupen

Ihr Akzent ist unverkennbar: Maïté Vissault. Nach 16 Berufsjahren an Museen und Akademien in Allemagne spricht sie perfektes Deutsch, Französisch seit der Wiege — da bleibt der so sympathisch klingende Tonfall nicht aus.

Im 20. Jahr seines Bestehens tritt Maïté Vissault in die Fußstapfen des legendären Ikob-Gründervaters Francis Feidler, der 1993 als Kunsterzieher in Bütgenbach freigestellt wurde, um ein Kunstzen-trum für Ostbelgien aufzubauen. In vielen Jahren des Vagabundierens an unterschiedlichen Orten, seit 2000 angesiedelt in einem eigenen Domizil in Eupen, Loten 3, hat das Ikob dank der visionären Tatkraft Feidlers einen internationalen Ruf erreicht: mit weithin beachteten Ausstellungen und einem umfassenden Schul- und Weiterbildungsangebot.

Eigene Sammlung aufgebaut

Und sogar mit einer eigenen Sammlung kann das Ikob seit 2004 aufwarten: Dazu gehören Werke von so namhaften Künstlern wie Jacques Charlier, Günther Förg, Johan Tahon und selbst solch einem Star wie Jonathan Meese.

Entsprechend umworben war Francis Feidlers Nachfolge — die Kandidatinnen und Kandidaten stammten aus aller Herren Länder, indessen: Maïté Vissault hatte die mit Abstand besten Karten. Allein mit dem deutsch-französischen „Stammbaum“ muss sie wie prädestiniert gegolten haben für dieses Amt in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgien.

„Das Netzwerk Richtung Deutschland war sicher mit ausschlaggebend“, meint sie. Und sicher auch die Zusammenarbeit mit dem belgischen Ausstellungsmacher und ehemaligen documenta-Leiter Jan Hoet während dessen Zeit als Direktor des Museums Marta in Herford.

Im Gespräch mit unserer Zeitung offenbart Maïté Vissault aber nicht nur ihren beruflichen Werdegang, ihre Pläne und Ziele, sondern nach und nach auch eine Lebensgeschichte, die im 50. Jahr der Élysée-Verträge zur deutsch-französischen Freundschaft wie die dazugehörige Bilderbuch-Biografie anmutet.

Geboren in Elbeuf in der Normandie, studierte sie nach dem Abitur in Rouen Kunstgeschichte und Politische Wissenschaft. „Natürlich in Paris“, sagt sie lächelnd. „Wie die meisten Franzosen.“ Später auch in Quebec (Kanada). Bereits das Thema ihrer Dissertation lässt aufhorchen: „Die Problematik der deutschen Identität am Beispiel der Rezeption von Joseph Beuys“ — ein französischer Verlag brachte die Doktorarbeit später als 550 Seiten starkes Buch heraus.

Identität — ihr großes Thema

Eine junge Frau aus der Normandie interessiert sich für einen vom Skandal- zum Kultkünstler mutierten Deutschen — erstaunlich eigentlich. „Es ging dabei um die Frage, welche Rolle der Künstler in der Gesellschaft spielt“, erklärt Maïté Vissault. „Und darum, wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine Wiederanerkennung und neue Identität gewann.

Beuys war in dieser Hinsicht eine zentrale Figur — vor allem auch aus der Sicht des Auslands. So nannten beispielsweise amerikanische Tourismus-Broschüren über Deutschland Dürer und Beuys in einem Atemzug als Markenzeichen deutscher Kultur. Das ist doch ein hochinteressanter Kontrast.“ Der Hang zu Deutschland und ihr Interesse an der „deutschen Seele“ sind damit aber noch nicht erklärt.

„Identität“ — das ist eine zentrale Kategorie in der Gedankenwelt von Maïté Vissault, die ganz bewusst ein Leben zwischen den Kulturen führt. Begonnen hatte es ganz schlicht mit einem Austauschprojekt zwischen ihrer Pariser Universität und der Humboldt-Universität in Berlin. Eigentlich wollte sie nur anderthalb Jahre in Berlin bleiben — daraus wurden schließlich 16 deutsche Jahre.

„Es war einfach so: Ich habe mich erst in Berlin so richtig als Französin gefühlt. In Frankreich dagegen war ich mir selbst fremd, dort habe ich meine eigene Identität gar nicht wahrnehmen können.“ Erst der Unterschied schärft die Sensibilität.

Es muss ein reizvolles Gefühl gewesen sein, dieses endlich deutlich gespürte „Selbst“ im anderen Land ausspielen zu können — und sei es mit Kleinigkeiten: „So habe ich zum Beispiel in Deutschland meinen Akzent ganz bewusst gepflegt.“ Das Kettenrauchen, die Art der Kleidung: „Für meine Bekannten war immer klar: Ich bin die Französin.

Der Alltag wird immer sehr schnell abwertend behandelt, dabei spielt sich doch darin das wirkliche Leben erst ab. Im Alltag gewinnt man seine Identität.“ Und sei es in der nach wie vor gefühlten Abscheu allem Salzigem beim typisch deutschen Frühstück gegenüber: „Bei mir gibt es morgens nur Süßes.“

„Identität ist nie festgelegt, sie ist immer in Bewegung“, sagt Maïté Vissault — und lacht. Als „Eingeborene“ der Normandie mag sie keinen Camembert, dafür aber Schwarzbrot. „Superlecker!“

Das Leben zwischen den Kulturen und die Leidenschaft für Kunst, sie sind bei der deutsch-französischen Wahlbelgierin — sie unterhält Wohnungen in Brüssel und Eupen — aus dem gleichen Motiv gespeist: der Frage nach der Identität. „Für die Kunst ist das eine Kardinalfrage“, sagt sie. „Das ist ein Grundthema der zeitgenössischen Kunst. Der Identität kann man sich nur annähern, sie ist nie umfassend zu beschreiben.“

Ein großes Thema naheliegenderweise für das Ikob: „Immerhin handelt es sich bei der Deutschsprachigen Gemeinschaft um eine Art von Zwischenidentität.“ Ostbelgien, so empfindest es die frischgebackene Museumsdirektorin an ihrer neuen Wirkungsstätte, „ist so etwas, wie Europa sein könnte. Die Aspekte der verschiedenen Kulturen werden nicht gelöscht, sondern integriert, um etwas Neues daraus zu gewinnen.“ Für das Kulturhauptstadtjahr 2018 peilt sie bereits jetzt eine Ausstellung zur Geschichte der Region an.

Zum künftigen Ausstellungsprogramm gehört es, möglichst oft deutsche Künstler nach Eupen zu holen, wobei die Präsentation belgischer Maler und Bildhauer weiterhin ein Schwerpunkt bleiben soll. Maïté Vissault stellt sich thematische Ausstellungen in Dialogform vor: Zwei Künstler widmen sich aus unterschiedlichen Per-spektiven der gleichen Problematik.

Das Ziel insgesamt: „Wir wollen auf internationaler Ebene eine bedeutende Rolle spielen. Wir wollen kein Museum für Eupen sein, aber wir wollen die Deutschsprachige Gemeinschaft sichtbar machen.“ Bereits jetzt kommt ein internationales Publikum, vor allem aus Flandern, den Niederlanden und Deutschland.

Die Museumsdirektorin hat schon Kontakte geknüpft zu ihren Kolleginnen und Kollegen in der Euregio, die ohnehin dabei sind, eine gezielte Vernetzung zu forcieren. Eine Zusammenarbeit mit dem Aachener Ludwig Forum steht mit an erster Stelle, zumal Maïté Vissault und Brigitte Franzen sich persönlich von Münster her kennen: Als die Französin 2004 den Posten der Kuratorin am Westfälischen Landesmuseum verließ, wurde die heutige Direktorin des Ludwig Forums ihre Nachfolgerin.

Bis Dezember läuft noch das Programm von Francis Feidler, der am 14. April zum 20-jährigen Bestehen des Ikob verabschiedet wird. Ihre erste Gruppenausstellung kuratiert die neue Direktorin zum 1. Dezember: ein Statement mit vielen Aspekten zum Thema „Der andere Raum“.

Am Ende verrät uns Maïté Vissault dann doch noch ihre starke Affinität zu Deutschland: Die ist tief in der Biografie begründet. Der Vater, ein Arzt, verpflichtete sich 1969 zum Militärdienst nach Berlin. Sie selbst wurde zwar noch in der Normandie geboren, doch die Mutter folgte dann umgehend mit ihrem Baby dem Vater für zwei Jahre nach Berlin. „Später wurde ich in der Familie immer ‚die Berlinerin‘ genannt. Irgendwie muss das doch geprägt haben.“