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Mönchengladbach: „Freischütz”: Die Wolfsschlucht endet in der Bronx

Mönchengladbach : „Freischütz”: Die Wolfsschlucht endet in der Bronx

Diese Wolfsschlucht muss man gesehen haben. Im gespenstischen Halbdunkel nehmen, von Geisterhand bewegt, bühnenhohe graue Wohntürme die Stelle ein, an der zuvor noch Agathens blümchengelbes Jungfernkämmerlein stand.

Jetzt geht es hinab in die Bronx: Am Boden windet sich menschlicher Zivilisationsauswurf, in den hohläugigen Fassaden haben Alpträume es sich häuslich eingerichtet, Samiel haust im Großwohnraum. Donner, Blitz und zischende Flammen aus dem brennenden Ölfass begleiten das Kugelgießen, zu dem Kaspar, der über beste Kontakte zum Bösen verfügt, den dümmlichen Max eingeladen hat. Und gar schaurig-schön wabern Carl Maria von Webers Freischütz-Motive aus dem Graben.

Anthony Pilavachi legt im Theater Mönchengladbach zu Webers romantischer „Nationaloper” ein durchaus gespaltenes Verhältnis an den Tag. Denn das nah am Kitsch gebaute Drama um die Liebe von Max und Agathe, deren Legitimation von einem öffentlichen Meisterschuss des ansonsten treffsicheren, nun aber von Versagensängsten geplagten Jägerburschen abhängig ist, will der Regisseur partout auf Heute trimmen.

So finden sich eingangs rheinische Schützenbrüder zum fröhlichen Exerzieren vor der Gartenlaube ein, die Damen haben gegen das Schmuddelwetter Regenschirme dabei. Und als auf Agathens Unberührtheit die Rede kommt, ist Gekicher allgemein.

So wirkt folgerichtig, dass in ihrem Kämmerlein Geweihe und Puppen die Wände tapezieren; zum herzigen Ohrwurm „Leise, leise” wandert das Auge jedoch über all die ausgerissenen Puppenglieder, die auf die Enden der Jagdtrophäen drapiert sind. Der Besuch der Brautjungfern gleicht eher einer Teenie-Fete.

Man merkt: Regisseur und Ausstatterin Tatjana Ivschina hatten kreativen Spaß an der durchaus despektierlichen Arbeit. Auf der Bühne agieren klar gezeichnete Charaktere, sogar ein allgegenwärtig posierender Samiel (Reiner Roon in der Pfauenrolle) darf inbrünstig einige Sätze in die Opernhandlung hineindeklamieren.