Aachen/Johannesburg: Fotograf Roger Ballen: „Die Schattenseite gehört zum Menschen“

Aachen/Johannesburg : Fotograf Roger Ballen: „Die Schattenseite gehört zum Menschen“

Er zählt inzwischen zu den höchstgehandelten Fotografen der Welt: Bilder des Südafrikaners Roger Ballen sind einzigartig und für den Betrachter eine Herausforderung — düster, komisch, bisweilen abstoßend. Ab Juni sind Ballens Fotos in Maastricht und Aachen zu sehen. Dabei steht das Projekt „Unleashed“ mit dem niederländischen Zeichner Hans Lemmen im Mittelpunkt.

Über die ungewöhnliche Zusammenarbeit über Tausende Kilometer hinweg spricht Ballen im Interview mit Marco Rose.

Ein Werk des Künstlers. Foto: Artco Galerie

Für viele Künstler gibt es nichts Schlimmeres, als sich selbst zu erklären. Langweilt es Sie, wenn Sie immer wieder nach der Bedeutung Ihrer Fotos gefragt werden?

Roger Ballen: Nein, das gehört zu meinem Job. Immer wieder zu erklären, was ich mache, was ich gemacht habe. Ich versuche, das professionell zu handhaben.

Aber Sie sind ein Mann des Bildes. Ist es für Sie nicht schwierig, die Intention eines sehr komplexen Fotos in Worte zu fassen?

Ballen: Die besten Bilder sind die, die keine großen Erklärungen brauchen. Ich würde auch sagen, meine besten Bilder sind die, die ich selbst nicht verstehe. Wenn man ein Foto nur mit Wörtern wie „mystisch“, „erratisch“ oder „verstörend“ beschreiben kann, dann handelt es sich womöglich um eine nicht besonders gute Fotografie — objektiv betrachtet. Meine Bilder sind aber mehr als nur Fotos — sie sind visuelle Statements mit oft widersprüchlichen Aussagen.

Sie finden vielleicht etwas Schönes und gleichzeitig Hässliches in diesen Bildern, etwas Lustiges und zugleich Verstörendes. Diese Gegensätzlichkeiten zeichnen viele meiner Fotos aus. Es gibt deshalb keinen einfachen Weg, sie zu interpretieren. Leider — nein, zum Glück — kann ich mich selbst gar nicht erklären. Für mich ist das tatsächlich ein Glück.

Weshalb?

Ballen: Weil es zu simpel wäre. Dies ist oft das Problem zeitgenössischer Fotografie. Sie ist einfach zu erklären, bisweilen zu einfach: Klassische Dokumentar- oder Porträtfotografie überrascht dann nicht mehr, hat kaum noch Wirkung auf den Betrachter. Man sieht nur ein weiteres Bild, das zum Beispiel das Flüchtlingsproblem thematisiert. Wir sehen einfach zu viele solcher Bilder, deshalb berühren sie uns nicht mehr.

Sie haben Ihre Fotografie häufig als „dokumentarische Fiktion“ beschrieben. Was soll man sich darunter vorstellen?

Ballen: Ich fotografiere meist an realen Orten, zum Beispiel in Johannesburg, nicht im Studio. Ich fotografiere die Menschen dort, wo sie leben, wo ihre Tiere leben. Andererseits sehe ich mich als „Transformer“, als Künstler. Ich arbeite mit dem, was ich vorfinde, und schaffe daraus etwas Neues, eine andere Form von Realität, die so nur in meinem Kopf existiert.

Manche Kunsthistoriker versuchen, Ihre Fotos mit Hilfe von psychologischen Theorien zu erklären.

Ballen: Meine Fotos sind psychologische Statements. Sie wirken auf das Unterbewusstsein. Vielleicht helfen Theorien dabei.

Die Zeichnungen von Hans Lemmen haben eine ähnlich beunruhigende Wirkung, auch wenn er mit ganz anderen Mitteln arbeitet. Wie haben Sie zueinander gefunden?

Ballen: Ich habe vor Jahren einmal in Sittard ausgestellt, wo Hans lebt. Dort haben wir uns kennengelernt. Er hat ebenfalls ein großes Interesse an Psychologie und Natur. Ich bewundere die einzigartige Ästhetik seiner Bilder. Wir haben festgestellt, dass wir beide viele gemeinsame Interessen haben, etwa auch an Archäologie. Wir haben lange überlegt, wie wir künstlerisch zusammenarbeiten könnten. Dann haben wir beschlossen, unsere Arbeiten auszutauschen.

Er hat mir Zeichnungen nach Südafrika geschickt, ich ihm Fotos nach Limburg. So ist ein künstlerischer Prozess entstanden, der irgendwann ein Eigenleben entwickelt hat. Wir haben nicht lange darüber diskutiert, es hat sich entwickelt. Aber es hat drei Jahre gedauert, es ist nicht einfach so passiert. Diese Arbeitsweise hat zwar einige Nachteile, aber auch unbestreitbare Vorteile: Jeder hat seine eigene künstlerische Vision, von der er nicht abgelenkt wird.

Ihre Bilder wirken durch die Zusammenarbeit womöglich noch ein wenig düsterer und intensiver. Empfinden Sie das auch so?

Ballen: Ich weiß nicht. Ich fotografiere jetzt seit 50 Jahren. Ich glaube nicht, dass Hans meine Welt düsterer gemacht hat. Ich verwende die Begriffe dunkel und hell auch nicht. In der Natur gibt es das nicht. Leben ist Leben. Wenn Menschen mit den Schattenseiten des Lebens nicht umgehen können, dann nennen sie diese „düster“.

Ihnen wird ein Faible für das von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung entwickelte Konzept der Schattenseite der menschlichen Psyche nachgesagt. Spielt das für Ihre Fotos eine Rolle?

Ballen: Ich bin kein Freudianer. Aber sein Konzept der Archetypen finde ich sehr spannend. Was passiert in unserem Gehirn? Was für einen Einfluss hat das auf unsere Biografie? Was passiert im Bewusstsein, was im Unterbewusstsein? Je mehr wir über das Funktionieren unseres Gehirns herausfinden, umso komplexer und faszinierender erscheint der Mensch. Und die Schattenseite gehört zu uns.

Tiere spielen in Ihren Fotos oft eine wichtige Rolle. Ist das auch in Ihrem Leben so?

Ballen: Tiere inspirieren mich seit frühester Kindheit. Ich sehe mich selbst in den Tieren, und die Tiere sehen vielleicht etwas in mir. Keine Ahnung. Jedes Tier — selbst eine Fliege — besitzt einzigartige Intelligenz. Wir Menschen denken aber, nur wir allein seien intelligent. Das stimmt nicht. Tiere repräsentieren jedenfalls die Natur. Die Tiere in meinen Bildern leben allerdings nicht unter sehr natürlichen Bedingungen. Sie stehen damit sinnbildlich für Tiere in unserer heutigen Welt. Das ist auch eine politische Aussage. Andererseits können Tiere auch die Schattenseite unserer menschlichen Psyche repräsentieren. Das Tier hat im Bild also eine ganz vielschichtige Bedeutung.

Ihre neue Foto-Reihe widmet sich nun den Ratten.

Ballen: Ja, ich beschäftige mich seit drei Jahren mit Ratten. Die Ratte ist — gemessen an der winzigen Größe ihres Gehirns — das intelligenteste Wesen dieses Planeten. Sie sind wahre Überlebenskünstler. Menschen hassen Ratten. Und das ist wiederum sehr spannend: Ratten repräsentieren nämlich die Schattenseite der westlichen Kultur. Menschen haben Angst vor Ratten, weil sie allgegenwärtig und so erfolgreich sind. Psychologisch ist das faszinierend!

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