Monschau: Fotograf Richard Kalvar: Der Mann mit dem Blick fürs Absurde

Monschau: Fotograf Richard Kalvar: Der Mann mit dem Blick fürs Absurde

Die beste Beschreibung seiner Werke hat Richard Kalvar einmal selbst abgegeben: „Das ist es, was ich gerne mache: Spielen mit der ganz normalen Wirklichkeit, wobei sich meine ‚Akteure‘ ihrer Rolle nicht bewusst sind, sich also nicht in Pose werfen in dem ‚Drama‘, in dem ich sie einsetze.“

Das „Drama“, das ein Fotograf wie Richard Kalvar produziert, ist nicht mehr und nicht weniger als der ganz normale Alltag, Alltagsgeschichten, die das Leben ausmachen. Sein Blick auf das „Normale“ zeigt uns auf erfreuliche Weise, dass das Leben eben doch ganz anders ist, voller Absurditäten: das Flugzeug, das in einem bestimmten Moment aussieht wie ein Hai, der Hund, der sich wie ein Mensch an eine Hauswand lehnt, eine Tür, ein Regenschirm und ein Blick, der sagt: „Soll ich den jetzt mitnehmen?“

Auge in Auge findet hier ein unausgesprochenes Einverständnis zwischen Künstler und Betrachter statt — ohne Worte, ohne Aktion, ohne Tamtam. Das ist witzig, traurig, berührend. Kalvars Bilder sind und erzählen Legenden.

Glaubwürdig und absurd

„Earthlings“, Erdlinge, nennt der Amerikaner Kalvar seine Fotoreihe in Schwarz-Weiß, die ab morgen im Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) in Monschau zu sehen ist. 94 Arbeiten zeigt das Haus in Kooperation mit der international renommierten Foto- und Fotografenagentur Magnum Photos, bei der Kalvar seit 1977 Vollmitglied ist.

Der 73-jährige Kalvar stammt aus Brooklyn, New York. Heute lebt und arbeitet er in Paris. Nach Literaturstudium und Fotoassistenz ging Kalvar 1966 mit einer Pentax-Kamera auf Europareise und legte so den Grundstein seiner Karriere. Roter Faden seiner Kunst ist Authentizität: „Solange man das Geschehen nicht manipuliert durch bewusste Posen oder digitale Veränderung, kann man Szenen erschaffen, die beides zugleich sind, glaubwürdig ebenso wie absurd.“

Das herausragende Können Kalvars honorierte die Agentur Magnum Photos, indem sie den Künstler 1975 als Gast und 1977 als Vollmitglied aufnahm. Später bestimmte er sogar als Vize- und Präsident die Magnum-Geschicke mit. 2007 würdigte eine erste Retrospektive unter dem Titel „Terriens“ („Earthlings“) das Gesamtwerk.

Richard Kalvar schuf sein umfangreiches fotografisches Oeuvre vorwiegend in den USA, Europa und Japan. Seine Fotografien sind gekennzeichnet durch eine eigene Ästhetik und eine große thematische Homogenität. Die Bilder spielen mit der Diskrepanz zwischen der Banalität einer wirklichen Situation und dem seltsamen Gefühl der Unwirklichkeit, die das beim Betrachter auslöst.

Die so erzeugte Spannung zwischen verschiedenen Interpretationsebenen, wird gemildert — oder auch überspitzt — durch einen Schuss Ironie. Trotz seines Alltagsblicks sagt Kalvar: „Ich bin nicht wild auf die Bezeichnung ‚street photography’ (Straßenfotografie) um das zu beschreiben, was ich mache, weil meine Tätigkeit nicht notwendigerweise auf Straßen stattfindet. Die Bilder können auch auf einem Bauernhof entstehen, im Zoo, in einem Büro und so weiter.“

Die allgemeine Kategorie „nicht gestellte Bilder von Menschen” träfe eher zu, meint er. Es könnten aber auch Bilder von Tieren oder unbelebten Objekten sein, „wenn in ihnen die menschliche Seele spürbar wird“.

Kalvar will „auf etwas reagieren“, anstatt es abzubilden, denn das „gewollte Darstellen fand ich immer ein wenig langweilig“. So fokussieren seine Bilder Befindlichkeiten, die Menschen gewöhnlich für sich behalten, und machen ihr Verhalten mit hintersinnigem Humor sichtbar. Seine Motive demonstrieren mit ihrer scheinbaren Zufälligkeit, wie genau der Schüler des Modefotografen Jérôme Ducrot hinschaut und immer den richtigen Augenblick abpasst. Es ist der Moment, in dem der Mensch sich unbeobachtet fühlt und die gesellschaftlich als „normal“ definierte Fassade bröckelt.

Richard Kalvar spezialisierte sich seit seinen Anfängen immer mehr auf das alltägliche, großstädtische Leben. 1993 publizierte er ein Stadt-Porträt von Conflans-Sainte-Honorine. Gegenstand eines gegenwärtigen Projektes ist die Stadt Rom.