1. Kultur

Arlon: Flammender Appell an die Geschworenen

Arlon : Flammender Appell an die Geschworenen

Mit einem juristischen Paukenschlag hat der Hauptverteidiger des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux am Dienstag sein Plädoyer beendet.

Rechtsanwalt Xavier Magnée forderte weder ein gerechtes Urteil noch einen Freispruch für den Hauptangeklagten im Mädchenmordprozess. Der Verteidiger verlangte eine Verlängerung des Prozesses mit neuer Beweisaufnahme. „Die Sache ist noch nicht reif”, erklärte Magnée den zwölf Laienrichtern des Schwurgerichts von Arlon.

Das dreimonatige Verfahren habe zu viele Punkte offen gelassen, meinte Magnée. An die zwölf Geschworenen gerichtet sagte der Anwalt: „Haben Sie eine Antwort auf die Fragen, die ich hier stelle? Die das ganze Land stellt? Nein.” Magnée glaubt an ein weit verzweigtes Netz von Kinderschändern mit „Lieferanten” und Kunden, das hinter den sechs angeklagten Entführungen Mitte der 90er Jahre steckt. Die Leichen von vier Mädchen wurden auf Dutroux-Grundstücken ausgegraben. Die beiden überlebenden Opfer verließen den Gerichtssaal während Magnées Plädoyer mit Tränen in den Augen.

„Er hat ein Geheimnis, das ihn seine Rente kosten würde”

„Wenn Sie auf alle Fragen mit Ja antworten, befördern Sie die Dutroux-Affäre für alle Zeiten in die Mülltonne”, warnte Magnée die Geschworenen. Anwälte der Nebenklage bezweifelten, ob die Jury eine Verlängerung der Verhandlung durchsetzen könne. Hingegen sagte Justizsprecher Nico Snelders, bis zum Ende der Debatten könnten weiterer Zeugen gehört werden. Magnée verspricht sich Aufschlüsse von einer neuen Aussage des Polizisten René Michaux, der die eingesperrten Kinder im Dutroux-Keller nicht fand oder nicht finden wollte: „Er hat ein Geheimnis, das ihn seine Rente kosten würde.”

Magnée ist ein seriöser, grauhaariger Herr. Stets hat der 68- Jährige die Suche nach der Wahrheit als sein Hauptmotiv für die Verteidigung Dutroux genannt. Als Dutroux im Sommer 1996 festgenommen wurde, die ausgemergelten Leichen von vier entführten Mädchen entdeckt und zwei Opfer aus dem Keller ihres Peinigers befreit wurden, seien Hunderttausende Belgier für eine rasche Aufklärung der Affäre auf die Straßen gegangen: „Glauben Sie, der Weiße Marsch hat stattgefunden, weil man in Marcinelle einen Einzeltäter festgenommen hat?”, fragte Magnée die zwölf Geschworenen in seinem Plädoyer.

Glaubt man den Worten des Staranwalts, ist das Gericht nach dreimonatiger Verhandlung weit von der Wahrheit entfernt. Dazu habe eine Verschleppungstaktik der belgischen Justizbehörden beigetragen. Erst fünf Jahre nach der Festnahme des Hauptangeklagten habe man damit begonnen, die 6000 Haare - „das ist ein ganzer Friseursalon” - aus dem Mädchenversteck im Dutroux-Keller zu untersuchen. Zahlreiche Zeugenaussagen und Spuren seien nicht weiter verfolgt worden.

„Ich bitte Sie, die Augen zu öffnen für das Störende, für das Unklare”, sagte der Dutroux-Verteidiger den Geschworenen. Sie sollen in knapp drei Wochen über Schuld und Unschuld der insgesamt vier Angeklagten entscheiden.