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Aachen: Filmriss nach dem Cocktail: „Liquid Ecstasy” löscht die Erinnerung aus

Aachen : Filmriss nach dem Cocktail: „Liquid Ecstasy” löscht die Erinnerung aus

In ihrer Stamm-Disco sprach der Türsteher die junge Frau an: „Ich habe nicht gedacht, dass Du so eine Schlampe bist.” Er nahm sein Handy und zeigte ihr ein Foto: Sie sah einen Mann und eine Frau im Nebenraum der Disco beim Geschlechtsverkehr. Und die Frau, das war sie!

Sie konnte sich an nichts erinnern. Filmriss. Sie war am anderen Morgen in ihrem Bett aufgewacht, und wusste nicht einmal, wie sie heimgekommen war. Pausenlos musste sie sich übergeben.

„Sie war völlig verzweifelt”, sagt Monika Bulin vom Aachener Frauennotruf. Für Bulin war klar: Am Telefon war ein Opfer von „K.O.-Tropfen” oder „Liquid Ecstasy”, flüssigem Ecstasy, wie die Partydroge auch genannt wird.

Mehr als 30 Frauen haben sich allein im vergangenen Jahr beim Aachener Frauennotruf gemeldet, die alle den gleichen Verdacht hatten: Jemand muss ihnen die flüssige Droge unbemerkt ins Glas gekippt haben.

Der Aachener Notruf gilt beim Bundesverband der Frauennotrufe als kompetent bei dem Thema. Mit Aufklärung ist er in die Offensive gegangen. Aber auch bei anderen Notrufen gebe es immer wider Hilferufe von Opfern. Typische Symptome der Droge: Das Gefühl, in Watte gepackt zu sein, Filmriss. Aufwachen ohne Erinnerung, an einem anderen Ort. Extreme Übelkeit, Erbrechen.

Die meisten der Frauen, die sich in Aachen meldeten, hatten Glück, weil Freunde sie nach Hause brachten. Andere seien sexuell missbraucht oder vergewaltigt worden. Die Erinnerung ist weg, aber die Spuren an Körper und Kleidung sprechen eine eindeutige Sprache. „Liquid Ecstasy” hat mit Ecstasy nur den Namen und den Konsumentenkreis gemein. Hinter der Substanz verbirgt sich der Wirkstoff Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB).

Das Wirkungsspektrum hängt nach Angaben der Drogenhilfe Köln ganz von der Dosierung ab und reicht von alkoholähnlichen Rauscherfahrungen über intensivere Wahrnehmung bis zu komatösen Zuständen, die mit Verwirrtheit und Gedächtnisstörungen einhergehen können.

Die freiwillige Einnahme ist seit rund sechs Jahren bekannt. Seit etwa drei Jahren werde sie auch in Zusammenhang mit Raub und Vergewaltigung gebracht. GHB sei nur acht bis zwölf Stunden im Körper nachweisbar. Das mache die Droge für Täter interessant.

Die Direktorin der Düsseldorfer Rechtsmedizin, Prof. Stefanie Ritz-Timme, kennt das Problem. Zu ihr kommen „häufiger” Frauen, die Klarheit haben wollen. „Die Frauen berichten, sie seien plötzlich bewusstlos gewesen und irgendwo anders aufgewacht.” Sie vertrauten sich erst einmal der Freundin an. Bis sie sich zur Untersuchung durchringen, verrinnt wertvolle Zeit. „In der überwiegenden Zahl der Fälle wird nichts nachgewiesen”, stellt Ritz-Timme fest. Das könne mit dem kritischen Zeitfenster zusammenhängen.

Ihr ist klar, was die Frauen durchmachen. „Das ist eine Situation, die psychisch sehr belastend ist.” Sie versteht auch, warum die wenigsten Anzeige bei der Polizei erstatten: „Für die Frauen ist das hochnotpeinlich.”

In der Statistik des Bundeskriminalamtes sind Sexualdelikte unter Einfluss von GHB nicht aufgelistet. Dort geht man davon aus, „dass die Fälle bisher nicht so häufig sind - nicht so häufig vorkommen oder bekannt werden, möglicherweise mehr im Dunkelfeld liegen”, sagte ein Sprecher.

Bei der Aachener Polizei liegen gerade einmal zwei Anzeigen auf dem Tisch. Polizeisprecher Paul Kemen fordert betroffene Frauen eindringlich auf: „Meldet euch bei der Polizei, damit die Täter - auch mit Blick auf diejenigen, die möglicherweise noch Opfer werden - verfolgt werden können.”

Bei sexuellen Handlungen gebe es immer Spuren. Der jungen Klientin von Monika Bulin geht es schlecht. Seit einem halben Jahr arbeitet sie nicht mehr. Sie ist in psychologischer Behandlung. „Das hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen”, sagt Bulin. Die junge Frau ist ängstlich. Sie hat Zweifel an ihrer eigenen Wahrnehmung. Sie vertraut sich nicht mehr.