Aachen: Fettes Brot spricht über Haltung, Helene Fischer und die Zukunft

Aachen: Fettes Brot spricht über Haltung, Helene Fischer und die Zukunft

Sie sind seit Mitte der 1990er Jahre erfolgreich im Geschäft und haben mit Songs wie „Jein“, „Nordisch By Nature“ und „Emanuela“ den deutschen Hip-Hop geprägt. Jetzt haben Fettes Brot mit „Teenager vom Mars“ ihr achtes Studioalbum veröffentlicht.

Im Oktober und November touren die drei Hamburger durch Deutschland, Österreich, Luxemburg und die Schweiz. Am 12. November spielen sie in Düsseldorf. Unsere Redakteurin Christina Handschuhmacher sprach mit Fettes-Brot-Mitglied Boris Lauterbach, besser bekannt als König Boris, über Deutschland im September 2015, Helene Fischer und den Spagat zwischen bloßer Unterhaltung und Musik mit Haltung.

„Ein ganzes Land ist atemlos, gut gelaunt und ahnungslos“, heißt es in Ihrem neuen Lied „Alle hör‘n jetzt Schlager“. Was stört Sie eigentlich an Helene Fischer?

König Boris: Wir haben nichts gegen Helene Fischer persönlich. Wir kennen sie nicht, und sie ist sicherlich nett. Wir finden es einfach merkwürdig, dass in einer Zeit, in der viele verrückte Dinge passieren — Kriege, Umwälzungen, Länder gehen pleite —, plötzlich eine große Gruppe Menschen sich darauf einigt, dass Schlagermusik der neue heiße Scheiß ist. Eine Musik, in der es keinerlei Haltung gibt, keinerlei Bezug zur Realität, in der keinerlei Standpunkte vertreten werden und im schlimmsten Fall sogar ein rückwärtsgewandtes Gesellschaftsbild gezeichnet wird. Dann handelt es sich dabei nämlich nicht nur um einen schlechten Musikgeschmack, sondern dann sagt das auch etwas über unsere Gesellschaft aus. Wir hatten das Gefühl, das fällt keinem auf oder niemand sagt etwas dazu.

Aber diese Tendenz zur Vereinfachung, zur Suche nach einer heilen Welt ist doch ein altbekanntes Phänomen in Krisenzeiten?

König Boris: Ja, das kann ich auch nachvollziehen. Mir geht es auch manchmal so, dass ich mir ein Wochenende die Decke über‘n Kopf ziehen und vom Rest der Welt in Ruhe gelassen werden möchte. Das gestehe ich auch jedem zu. Aber das als Lebenskonzept und als Reaktion auf diese Welt grundsätzlich zu haben, ist falsch.

Muss Musik denn immer eine politische, soziale oder gesellschaftskritische Botschaft enthalten?

König Boris: Nein, nicht immer. Es kann auch einfach mal nur um Unterhaltung gehen. Wir finden Musik aber am spannendsten, wenn Unterhaltung und Haltung zusammenkommen. Und das versuchen wir. Nicht in jedem Song, mal geht es ums Biertrinken, das ist auch legitim, und wir haben auch nichts gegen Ausflüge ins Romantisch-Kitschige.

Es geht aber grundsätzlich darum, ob man einem Künstler anmerkt, ob er eine Haltung hat, wie er zur Welt und zu bestimmten Themen steht. Das müssen Musik und Kunst leisten. Nicht in jedem Einzelfall, aber grundsätzlich ist das wichtig.

Lieder, die die Namen von Frauen tragen, haben eine lange Tradition bei Fettes Brot. Nach „Bettina“ und „Emanuela“ besingen Sie jetzt „Emmely“, ein Lied über die Supermarktkassiererin Barbara Emme. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

König Boris: Barbara Emme, „Emmely“, wurde gekündigt, weil sie angeblich zwei Pfandbons im Wert von 1,30 Euro eingelöst haben soll. Der Fall ist damals auch groß durch die Presse gegangen. Sie ist in diesem Jahr gestorben, und da hat mein Kollege Dokter Renz das Thema mit ins Studio gebracht.

Weil wir grundsätzlich Fans von starken Frauen sind und da gerne Songs drüber schreiben, fanden wir das eine große Herausforderung, aus dieser Geschichte ein Lied zu machen. Wir waren uns zuerst nicht sicher, ob wir das Thema in einem Popsong adäquat behandeln können, aber wir freuen uns sehr, dass uns dieses kleine Kunstwerk gelungen ist.

Mit Blick auf Lieder wie „Emmely“ oder „Ganz schön low“: Ist „Teenager vom Mars“ ein Protestalbum?

König Boris: Wenn das Leute so sehen, finde ich das gut. Wir sind da nicht so rangegangen. Bei uns ist das Musikschreiben dann doch intuitiver, als es vielleicht manchmal den Anschein hat. So eine Platte zeigt uns als Personen.

Wir sind Typen, die einer guten Party nicht aus dem Weg gehen, aber auch mit offenen Augen durch die Welt gehen und gucken, was so passiert und sich Gedanken machen. All das spiegelt sich dann auch auf unserem Album wider.

In „Ganz schön low“ singen Sie über den Typ Mensch, der sagt, „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber...“. Sind diese Menschen in Deutschland wieder auf dem Vormarsch?

König Boris: Man kann in letzter Zeit den Eindruck gewinnen, dass sich die Leute wieder mehr trauen, ihren ungezügelten Hass gegen alles Fremde ins Internet zu plärren oder auf die Straße zu tragen. Das ist natürlich nicht schön. Deshalb ist es geboten, sich dem entgegenzustellen und zu sagen: „Leute, nicht mit uns. Wir sind die Mehrheit, Ihr seid die dumme Minderheit.“

Und glücklicherweise gibt es ja auch viele Leute, die sich deutlich äußern, den Flüchtlingen helfen und zeigen, dass wir hier ein offenes und tolerantes Land sind. Und Menschen, die vor der Hölle fliehen mussten, hier willkommen sind. Das finde ich, ist gut anzusehen. Unsere Aufgabe ist es, so etwas in unseren Songs zu thematisieren, das haben wir gemacht.

Sie haben kürzlich mit 23 anderen deutschen Bands einen Aufruf gegen rechtsextreme Angriffe unterzeichnet. Wie wichtig ist Ihnen so ein Engagement?

König Boris: Wir wurden gefragt, ob wir unsere Prominenz dafür einsetzen würden und haben nicht eine Sekunde gezögert. Man muss auch ganz ehrlich sagen, dass das nicht viel ist, was wir da leisten müssen. Wir setzen unseren Namen da drunter, und das war es dann für uns. Aber ich glaube als Zeichen nach außen ist das wichtig, wenn eine Gruppe von namenhaften Bands, die viele Fans haben, sich zusammentut und sagt: „Hey Leute, wir setzen hier ein ganz klares Zeichen gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit.“

Planen Sie noch andere Sachen in der Richtung?

König Boris: Wir machen privat auch einiges, was wir nicht so an die große Glocke hängen. Da muss aber auch jeder für sich selbst entscheiden, wie weit er sich einbringen kann und wo er seine Möglichkeiten sieht zu helfen.

„Teenager vom Mars“ ist jetzt schon das zweite Album innerhalb von knapp zwei Jahren nach Ihrer dreijährigen Schaffenspause. Hat die Auszeit Ihre Musik verändert?

König Boris: Als jemand, der immer mittendrin steckt, ist das schwer zu beurteilen. Die Pause hat uns gezeigt, wie viel Spaß wir an der Musik haben und dass wir, wenn wir es nicht tun, das sehr vermissen, uns vermissen und unsere kreative Zusammenarbeit vermissen. Deswegen sind nach der Pause auch relativ schnell nacheinander zwei Alben entstanden, weil wir Lust am Musikmachen haben und viel Kreativität verspüren.

Im Titelsong Ihres neuen Albums nehmen Sie die Perspektive von Außerirdischen an, um die Welt zu betrachten. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

König Boris: Wir saßen eines Tages am Küchentisch in unserem Studio und hatten zwar schöne Musik, wussten aber nicht genau, was wir daraus machen sollten. Dann haben wir gesagt, es wäre mal wieder Zeit für eine Standortbestimmung, um zu beschreiben, wie Fettes Brot im Jahr 2015 die Welt sieht. Über „Teenager vom Mars“ mussten wir alle lachen, weil wir uns unseres biologischen Alters natürlich vollkommen bewusst sind.

Aber die Idee, dass wir auf dem Mars noch Teenager sind, fanden wir schön. Uns gefiel der Per-spektivwechsel, etwas Abstand von der Erde zu nehmen und zu gucken: Was kommt uns merkwürdig vor? Merkwürdig finden wir zum Beispiel Fernsehformate wie „Germanys Next Topmodel“, Drohnenkriege und Youtube-Kommentare.

Sie sind jetzt alle über 40 und schon seit mehr als 20 Jahren im Geschäft. Wie lange, denken Sie, geht das noch gut, Alben „Teenager vom Mars“ zu nennen und so weiterzumachen wie bisher?

König Boris: Darüber machen wir uns ehrlich gesagt wenige Gedanken. Diese Frage: „Was meinst Du, wie lange könnt Ihr das noch machen?“ wird mir seit Tag eins gestellt. Anfangs haben alle gesagt, lern‘ doch lieber noch was Vernünftiges. Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Karriere. Wir haben es tunlichst vermieden, zu lange in die Zukunft zu planen, und deshalb geht unser Band-Horizont immer etwa ein Jahr: Platte, Tour, Festivals, und dann gucken wir mal weiter.