„Kummerkonzerte“: Festival der Traurigkeit in Maastricht und Aachen

„Kummerkonzerte“ : Festival der Traurigkeit in Maastricht und Aachen

In der Öffentlichkeit weinen? Vielleicht sogar gemeinsam mit anderen? Zugeben, dass es einem schlecht geht, zulassen, dass andere die eigene Traurigkeit sehen? Während es Menschen, die einen Trauerfall zu verwinden haben, oder Kindern zugestanden wird, auch negative Emotionen offen vor sich herzutragen, ist es für alle anderen eher unüblich.

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Halten ein Plädoyer für negative Gefühle: Christina Fischer und Margreet Sweerts. Foto: Kristina Toussaint

Christina Fischer und Margreet Sweerts halten das für den falschen Ansatz. „Man kann nur fröhlich sein, wenn man Traurigkeit als Teil des Ganzen akzeptiert“, sagt die Sängerin und Gesangslehrerin Fischer. Und die Regisseurin Sweerts ergänzt: „Die Menschen wachsen auf mit der Devise, dass man alles schaffen kann — und wenn man es nicht schafft, ist man ein Loser.“ Das Streben nach Glück sei sehr eindimensional. „Dabei ist das Leben ambivalent“, sagt die Niederländerin.

Seit über zehn Jahren arbeiten die beiden Frauen künstlerisch zusammen. In gemeinsamen Proben stellten sie fest, dass es vor allem traurige oder melancholische Lieder in Moll sind, die sie besonders berühren. „Da steckt einfach am meisten Gefühl drin“, sagt Fischer. So entstand die Idee, der Traurigkeit ein ganzes Festival zu widmen. Und das Publikum dazu einzuladen, gemeinsam zu erspüren, was Musik transportiert.

In den „Kummerkonzerten“, die ab Donnerstag, 20. September, an Spielorten in Aachen und Maastricht stattfinden werden, soll Raum und Zeit für Traurigkeit geschaffen werden. „Traditionelle Konzerte enden fröhlich und machen damit meist die Emotionen kaputt, die sie vorher kreiert haben“, sagt Fischer. Die von ihr ausgewählten Lieder auf Deutsch, Englisch, Niederländisch und Französisch reichen von Schlafliedern über Traditionals und Musicalsongs bis hin zu barocken Arien und sollen einladen, sich zu lösen, zuzuhören und die Schwermut zuzulassen.

Fischer agiert dabei nicht nur als Sängerin, die den Zuschauern frontal ein Programm bietet, sondern sie schlüpft auch in die Rolle eines Mediums, einer Priesterin und Schamanin. „Wir folgen einem Pfad, der nach unten führt, auf der Suche nach dem Boden der Traurigkeit“, beschreibt Sweerts das Programm. Verschrecken lassen sollte man sich von diesen zunächst düster klingenden Aussichten jedoch nicht.

„Am Boden der Traurigkeit bleiben wir eine Weile, dann geht der Ritt aber auch wieder etwas aufwärts“, verspricht die Regisseurin mit einem Schmunzeln. Der unübliche Ansatz, sich im öffentlichen Raum seinen negativen Gefühlen hinzugeben, löse zwar viel Erstaunen aus, sei aber bei offenen Proben bisher sehr gut angekommen.

Unterstützt wird Fischer bei den „Kummerkonzerten“ von Pianist Michael Rämisch und Performer Lucas Devroe, der mit dem Publikum interagiert. Mitmach-Konzerte, bei denen die Besucher zur Aktion genötigt werden, sollen die Veranstaltungen aber nicht sein. „Das Ganze ist ein Angebot“, sagt Fischer. „Jeder soll sich sicher und geborgen fühlen und wissen, dass er seinen emotionalen Bedürfnissen nachgehen kann.“

Die Veranstaltungsorte, darunter das Aachener Logoi-Institut und die Universiteit met de Buurt in Maastricht, tragen als Festivalpartner zum Rahmenprogramm bei. Neben Lesungen und einer philosophischen Auseinandersetzung mit der Traurigkeit fehlt auch nicht der ganz praktische Ansatz zum Thema: In einem Workshop kann man gemeinsam mit einer Künstlerin weiße Stofftaschentücher besticken.