Aachen: Feridun Zaimoglu auf Lesetour in der Region

Aachen: Feridun Zaimoglu auf Lesetour in der Region

Sein neuer Roman sei „mehr eine Buchstütze als ein Buch“, sagt Feridun Zaimoglu. Ja, „Siebentürmeviertel“ ist ein Brocken, fast ein Kilo schwer und 800 Seiten dick, derzeit stellt ihn der deutsch-türkische Autor auf Lesetour vor — gerade in Aachen, demnächst in Heinsberg.

Aber es muss ja auch viel Persönliches in Zaimoglus Istanbul-Roman hineinpassen. In dem tatsächlich existierenden Viertel wuchs sein Vater auf, der Schriftsteller-Sohn lädt es nun mit viel Fantasie und Magie auf und lässt einen sechsjährigen Deutschen dorthin fliehen. Eine Migrationsgeschichte, ein historischer Roman, den man aber auch als Kommentar zur aktuellen Flüchtlingskrise lesen kann.

Metropole am Bosporus: Feridun Zaimoglu recherchierte für sein Epos in Istanbul. Dort entstand auch seine Doku. Foto: ZDF/ Werner von Bergen

Das hat der 50-Jährige, der sich selbst als „Salonlinken“ bezeichnet, nicht geplant. Aber er meldet sich gerne mit politischen Einschätzungen zu Wort — auch im Gespräch mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz, zwischen drei Mentholzigaretten und begleitet vom Klimpern seiner schweren Silberringe.

Sie haben in Aachen nicht kuschlig auf dem Podium, sondern im Linienbus gelesen. Können Sie nach Ihrem schweren Busunfall 2006 wieder unbeschwert Bus fahren?

Feridun Zaimoglu: Das ist voll verrückt! Im psychologischen Jargon heißt das, was ich erlitten habe, „Verschiebung“. Ich bin traumatisiert und habe Flugangst bekommen, aber ich habe keine Angst, mich in einen Bus zu setzen.

Sie fliegen nicht mit dem Flugzeug, schreiben keine E-Mails, haben auch kein Smartphone . . .

Zaimoglu: . . . ein Tastentelefon, der Beweis (holt ein Handy aus der Jackentasche) . . .

. . . ohne Internetzugang. Sie haben keinen Führerschein . . .

Zaimoglu: Ganz blöd! Ich habe 48 Fahrstunden genommen, aber ich gehöre zu den Volldeppen. Der Fahrlehrer hat mir das Versprechen abnehmen müssen, dass ich zwar den Führerschein bekomme, aber — bis auf eine Angeberfahrt mit meinem Vater — nicht fahre. Daran habe ich mich gehalten.

Und Sie haben keinen Computer. . .

Zaimoglu: Also, Sie haben ja völlig recht! Der Mann lebt in Kiel, er fährt nicht Auto, hat keinen Computer. Ist das ein Modernisierungsverweigerer? Ist das so ein koketter nostalgischer Zug? Darum geht es mir aber gar nicht. Mir geht es um effektives, konzentriertes Schreiben. Ich habe es am Computer versucht, aber das ist zu leicht.

Die Vorstellung, etwas zu schreiben, was ich dann löschen oder verschieben kann, hat mich verrückt gemacht. Bevor ich mich an die elektrische Schreibmaschine setze, recherchiere ich — für „Siebentürmeviertel“ anderthalb Jahre. Ich muss mich meiner jeweiligen Fantasiefigur anverwandeln und an die Schauplätze gehen. Das Googlen verbiete ich mir. Es ist ein körperliches, altmodisches Arbeiten.

Mit Ihrem neuen Istanbul-Roman führen Sie Ihre Leser auch in eine archaische Welt. Da könnte man schon annehmen, Sie seien ein rückwärtsgewandter Mensch.

Zaimoglu: Ich mag Volkes Gesänge und Gerüchte — ich komme ja auch aus der Unterschicht. Und ich mag nicht die schrillen Modernisten, die alles zerstören, um dann neue hässliche Monumente im Sinne der Einschüchterungsarchitektur hinzuklotzen.

Also auch sprachliche „Klötze“?

Zaimoglu: Mit diesem Bürokratendeutsch, in dem sehr viele Bücher der deutschsprachigen Gegenwartsprosa verfasst sind, habe ich nicht viel am Hut. Ich sehe es nicht ein, dass man das Fabulieren, das Geschichtenerzählen aufgibt, eintauscht gegen ein seltsam mechanistisches Stottern. Ich bin begeistert von den herrlichen Möglichkeiten der deutschen Sprache.

Für mich sind die Worte nicht Vehikel, nicht Mittel zum Zweck, sondern ich liebe den Sprachrausch und die Sprachpracht, aber auch die leisen Klänge und das Poetische. In „Siebentürmeviertel“ wollte ich alles durch die Augen des sechsjährigen deutschen Jungen Wolf sehen. Und Kinder haben eine magische Anschauung. Also, wie erfasse ich diese archaische Welt? Das war mir nur mit magischen und poetischen deutschen Worten möglich. „Siebentürmeviertel“ ist mein poetischstes und persönlichstes Buch.

Ihr Roman spielt nicht in der heutigen Türkei, sondern im Istanbul 1939 und 1949. Was reizt Sie an dieser vergangenen Zeit?

Zaimoglu: Bei der demonstrativen Geistesblässe unserer Zeit und Zeitgenossen empfiehlt es sich, nicht so schnell zu vergessen. In der im Roman verhandelten Zeit sind 1000 bis 1500 deutsche Exilanten in der Türkei gewesen, größtenteils aus großbürgerlichen Verhältnissen.

Ich wollte aber ein Arme-Leute-Viertel in Istanbul, ich wollte Deutsche, die aus einfachen Verhältnissen kommen, so dass die Anpassungsleistung nicht so schwierig ist. Es war auch eine goldene Zeit, in der Türken, Kurden, Armenier, Griechen, Balkan-Flüchtlinge, Moslems und Juden neben- und miteinander gelebt haben.

Eine Rezensentin meinte es gut mit mir und hat das Buch als ein Handbuch zum besseren Verständnis der heutigen Flüchtlingsströme bezeichnet. Nun konnte ich das aber vor viereinhalb Jahren, als ich die Recherche in Istanbul begann, kaum wissen.

Sie konnten die aktuellen Bezüge nicht planen. Aber die Fragen nach Fremdheit, Heimat, Identität, die Ihr Buch verhandelt, sind ja im Grunde immer aktuell.

Zaimoglu: Natürlich geht es um die Heimatwerdung des fremden Buben. Aber im Anfang standen nicht große Überlegungen, sondern wispernde Zypressen, also Klänge, Bilder, Gerüche, Farben, die Magie des Ortes. Und mir ging es darum, den Lebenskampf des „Ariers“ Wolf zu zeigen. Es sind Kämpfe! Wir verkuscheln die Einwanderung ja immer. Wir belegen sie mit Fremdwörtern aus dem Soziologieseminar. Das ist Quatsch!

Willkommenskultur?

Zaimoglu: Da platzen mir ja Adern in den Augen! So ein blödes Wort! Was kann man stattdessen sagen? Dass die Deutschen gastfreundlich sind und ein großes Herz haben. So viel nur in Richtung dieser ganzen Menschen, die mich einen deutsch-nationalen Multikulturalisten nannten, bloß weil ich darauf hinwies, was alles in meinem prächtigen Land möglich ist. Ne, nix Willkommenskultur! Prächtiger ist das — und härter. Es kommen harte Tage auf uns zu.

Die Gastfreundschaft in Deutschland haben Sie kürzlich in einem Beitrag in der „FAZ“ gepriesen. Und welche Härten sehen Sie kommen?

Zaimoglu: Ein Erstarken der konservativen und der stramm rechten Parteien, eingeleitet durch die völlig konfuse Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel. Man hat gesagt: Grenzen auf, wir schaffen das! Aber so nicht!

Sondern wie?

Zaimoglu: Indem man nicht lügt. Indem man sowohl diesen hohlen Enthusiasmus sein lässt als auch diese Fremdenskepsis. Indem man organisiert. Auf der kommunalen Ebene funktioniert ja die sogenannte Integration. Es gibt viel Geld und viele Möglichkeiten. Aber ich habe das Gefühl, dass man die Menschen mit einer Überrumpelungstaktik dazu bringt, heftige Überschwemmungsängste zu haben. Zu Recht!

In Ihrem „Zeit online“-Blog „Feridun faxt“ denken Sie über die Männer nach, die „in Scharen nach Deutschland kommen“, und schreiben gegen „aufgepumpte Ehrenproleten“ an. Haben Sie auch „Überschwemmungsängste“?

Zaimoglu: Ich habe auf Männer hingewiesen, die aus Kulturen kommen, in denen es als das natürliche Recht eines Mannes gilt, Frauen Befehle zu erteilen oder sie in dunkle Tücher zu stecken. Es sind Männer, die sich diesem verdammten Ehrbegriff verpflichtet fühlen. Was passiert mit jenen, die hierherkommen und selbstsichere, souveräne Frauen sehen?

Was passiert mit ihnen, wenn sie erleben, wie frei es zugeht zwischen Mann und Frau? Kippt die Stimmung, wenn Ehrenrächer die Frauen ihrer Sippe strafen? Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Daher sage ich: Freiheit ist das Gegenteil von Ehre und Eid.

Die „Ehrenproleten“ erinnern an Ihr „Siebentürmeviertel“. Dort herrschen Blutrache und Selbstjustiz, Glaube und Aberglaube.

Zaimoglu: Ganz genau. Und ich zeige, dass Männer an den Ahnengesetzen in dieser archaischen Welt auch irre werden. Das Milieu und diese Gesetze sind krank.

Für Sie kein Fantasieort der Sehnsucht, wie ein Rezensent vermutet?

Zaimoglu: Da war ich auch verblüfft! (lacht) Wenn ich also über einen Mörder schreibe, dann habe ich Sympathien für einen Mörder? So weit ist es also mit der Literaturkritik gekommen.

Apropos Kritik: Ihr Roman steht auf der langen Liste für den Deutschen Buchpreis, auf die kurze hat er es nicht geschafft. Enttäuscht?

Zaimoglu: Ach, wir sind alle Menschen, man macht sich natürlich Hoffnungen. Ich habe ja dreieinhalb Jahre meiner Lebenszeit hineingesteckt. Also, schon ein paar Tage Zerknirschung, aber dann habe ich gesagt: Jetzt los, Lesungen — und vergessen!

Und dann wieder so ein Schinken?

Zaimoglu: Ich werde mich nicht gleich an die Fortsetzung machen. Mir schwebt da etwas vor, aber das ist noch ungar. Eins kann ich Ihnen aber verraten: Es wird ganz sicher nicht so dick!