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Köln: Fatih Akin: „The Cut“ soll in türkischen Kinos laufen

Köln : Fatih Akin: „The Cut“ soll in türkischen Kinos laufen

Keine Frage, es sind schwierige Zeiten für Fatih Akin. Nach 20 Jahren als hochgelobter und ausgezeichneter Filmemacher hagelt es für den einstigen Kritikerliebling erstmals negative Besprechungen. Und das ausgerechnet für einen Film, an dem er sieben Jahre gearbeitet hat und für den der Begriff Herzensprojekt irgendwie untertrieben klingt.

„The Cut“ handelt vom Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Ein Thema, das den Hamburger mit türkischen Eltern bereits lange beschäftigt und das ihm nun nicht nur schlechte Kritiken, sondern auch mehr oder weniger versteckte Morddrohungen türkischer Ultranationalisten eingebracht hat.

Vor dem Kölner Hotelzimmer, in dem der 41-Jährige den Interviewmarathon zum neuen Film absolviert, stehen deswegen zwei Sicherheitsleute. Die scheinen nicht nur Unruhestifter abzuschrecken, sondern auch negative Schwingungen. Akin hat gute Laune und ist offensichtlich nicht bereit, sich die Stimmung durch schlechte Kritiken vermiesen zu lassen. Nur, wenn er den Vorwurf hört, „The Cut“ sei unpolitisch, kann er temperamentvoll reagieren.

In der schönsten Szene Ihres Films schaut Nazaret Manoogian 1921 in einem Wanderkino den Film „The Kid“ von Charly Chaplin. Die Szene zeigt die emotionale Kraft, mit der Kinofiktion ins wirkliche Leben hineinwirken kann. Wünschen Sie sich, dass das Publikum „The Cut“ so sieht, wie Nazaret „The Kid“ sieht.

Akin: Ich glaube, die Zeiten sind vorbei. Das Kino steckte damals in seinen Anfängen und konnte eine viel größere Kraft entfalten. Diese Form der cineastischen Unschuld haben wir verloren. Wie soll das auch gehen, wenn jede Woche 50 neue Filme ins Kino kommen? Nur bei Kindern sieht man diese ursprüngliche Faszination noch.

„The Kid“ macht mit Nazaret offensichtlich etwas. Er sieht die Zuneigung zwischen Chaplin und dem Kind und wird dadurch auf die eigene Trauer um seine Töchter zurückgeworfen. Kann Kino noch immer etwas verändern?

Akin: Ja, ich glaube schon. Auf jeden Fall hat es mich verändert. Als Teenager haben mich bestimmte Filme geprägt. „Mississippi Burning“ etwa, den ich mit 15 gesehen habe. Das Wenigste, was ich davon mitgenommen habe, ist die Botschaft: Rassismus ist Scheiße. Politthriller wie „Z“ oder „Missing“ von Constantin Costa-Gavras haben mich dann zum Mitglied bei Amnesty International gemacht. Leider können Filme aber nicht nur Positives bewirken.

Inwiefern?

Akin: Es ist kein Geheimnis, dass Hollywood ganz bewusst Kriegsfilme einsetzt, um in der Gesellschaft die Kriegsbereitschaft zu erhöhen. Denken Sie an „Top Gun“ mit Tom Cruise. Das ist ein reiner Werbefilm für das Militär. Das Pentagon hat ein Büro in Hollywood, um entsprechende Botschaften in Filmen unterzubringen. Da werden genehme Produktionen mit militärischem Equipment ausgestattet. Wer sich aber kritisch mit dem US-Militär auseinandersetzt, wie etwa Francis Ford Coppola in „Apocalypse Now“, muss philippinische Hubschrauber zu amerikanischen umgestalten.

Was soll „The Cut“ bei den Zuschauern auslösen?

Akin: Manche Kritiker werfen mir vor, mein Film sei apolitisch, weil er die Hintergründe des Völkermords an den Armeniern nicht herausarbeite. Dabei hat der Film diesen Anspruch nie gehabt, weil er ihn nicht hätte erfüllen können. Dazu bräuchte man eine zwölfteilige Dokumentation, die historisch weit ausholt. Ich habe einen Film von zweieinhalb Stunden gemacht, in dem ich die Thematik auf ein Einzelschicksal verdichte.

Dennoch ist der Film politisch?

Akin: Natürlich. Ein Spielfilm braucht keine plakative, plumpe Botschaft, um politisch zu sein. Ganz im Gegenteil, so etwas zerstört unter Umständen die Poesie und das Narrative des Kinos. Zentral ist die emotionale Reaktion der Zuschauer. Darum geht es mir, weniger um konkrete politische Botschaften, obgleich auch die in dem Film stecken, wenn man zwischen den Zeilen liest. Wenn dieser Film ein Nachdenken und eine Diskussion über den Völkermord anregt, dann ist er politisch.

Sie sprechen die Filmkritiken an, die teilweise ziemlich harsch waren. Was macht das bei einem solchen Herzensprojekt mit Ihnen?

Akin: Das ist nun mal Teil des Deals. Ich muss damit umgehen, was etwas ungewohnt ist, weil ich bislang von der Filmkritik eher gehätschelt wurde. Einige von meinen Bekannten haben gesagt, das läge am „Türkenbonus“. Damit ist jetzt offensichtlich Schluss. Vielleicht kann man den positiven Schluss daraus ziehen, dass ich jetzt vollkommen integriert bin. (lacht)

Sie haben „The Cut“ bewusst für ein breites Publikum angelegt, um möglichst vielen Menschen das Thema nahezubringen. Haben Sie künstlerische Abstriche gemacht, um gefälliger erzählen zu können?

Akin: Ich wollte es auf jeden Fall schaffen, dass der Film in die türkischen Kinos kommt. Das ist von fundamentaler Bedeutung. Dazu habe ich habe eine Form gewählt, die den Zuschauer filmrhetorisch nicht allzu sehr herausfordert, das stimmt. Ich würde es aber nicht als Abstrich oder künstlerischen Kompromiss bezeichnen. Es ist einfach eine Entscheidung, die ich getroffen habe. Übrigens nicht, um mehr Geld zu verdienen — da würde ich ganz andere Sachen machen — sondern, um auf dem schmalen Grat zu wandern, den die Geschichte dieses Völkermords vorgibt. Einerseits sollen die Armenier sagen können: Ja, das zeigt unser Leid, damit können wir uns identifizieren. Anderseits soll der türkische Zuschauer nicht nach fünfzehn Minuten wutentbrannt aus dem Kino laufen. Dann würde der Türke den Armenier nur noch mehr hassen und der Status quo der Nicht-Debatte würde verstärkt. Genau diesen Status quo möchte ich aber aufbrechen.

Viele Kritiker waren vom Filmischen enttäuscht. Vermutlich auch, weil es ein Akin-Film ist. Da waren die Erwartungen vermutlich andere.

Akin: Ich fordere den türkischen Zuschauer mit diesem Film emotional so sehr heraus, dass ich ihn nicht auch noch kinematographisch herausfordern darf. Ich kann ihm nicht noch aus der Hand gedrehte Szenen ohne Musik und achtminütige Vergewaltigungsszenen zumuten. Das mag Applaus vom Feuilleton geben, aber es dient nicht der Sache.

Also doch Kompromisse. Hätten Sie den Film anders gemacht, wenn Sie auf die politischen Belange nicht hätten achten müssen?

Akin: Dann hätte ich den Film gar nicht gemacht.

Gibt es inzwischen einen türkischen Verleih?

Akin: Ja. Es sieht im Augenblick ganz gut aus, dass der Film im Dezember regulär in türkische Kinos kommt.

Nach einem Interview im türkisch-armenischen Magazin „Agos“ haben Sie via Twitter Morddrohungen erhalten. Sie sind damit nach außen relativ locker umgegangen. Dennoch sitzen gerade zwei Personenschützer vor der Hoteltür.

Akin: Ich habe an dem Film sieben Jahre gearbeitet und konnte mich mit meiner Familie lange auf die Reaktion vorbereiten. Derzeit bin ich bei geplanten Veranstaltungen oder öffentlichen Auftritten auf Personenschutz angewiesen. Das ist der Preis, den ich zahlen muss.

Wenn man die Bilder der in die Wüste getriebenen Armenier in „The Cut“ sieht, fühlt man sich an die flüchtenden Jesiden und Christen im Nordirak erinnert. Hat Sie die Parallele erschreckt?

Akin: Ich war schon erschrocken. Allerdings zeigt es, dass dieser Teil der Welt seine Geschichte noch nicht genug reflektiert hat. Das ist besonders traurig, wenn man an Europa denkt, wo vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg begann und die meisten Völker inzwischen in Frieden miteinander leben. Der Unterschied ist die Aufarbeitung, die in Europa stattgefunden hat, im Nahen Osten jedoch nicht.

Woran liegt es?

Akin: Was wir heute dort erleben, ist auch das Erbe des Ersten Weltkriegs und der Politik westlicher Mächte bei der Aufteilung des Osmanischen Reiches. Das erkennt man nicht zuletzt an den willkürlich gezogenen Grenzen. Diese Grenzen erkennt der Islamische Staat (IS) nicht an. Deshalb trägt der Westen auch eine Verantwortung dafür. Nicht die alleinige, aber eine Mitverantwortung.

Religion spielt nicht nur im heutigen Konflikt eine Rolle, sondern auch zwischen christlichen Armeniern und muslimischen Türken in „The Cut“. Nazaret verliert irgendwann seinen Glauben an Gott. Kann man den Film als Absage an Religion verstehen?

Akin: Nazaret macht eine spirituelle Reise durch. Er ist zu Beginn sehr gottesfürchtig und wird durch sein Schicksal so weit gebracht, dass er mit Steinen nach Gott schmeißt. Er negiert Gott also nicht, sondern ist wütend auf ihn. „The Cut“ ist wie alle meine Filme ein persönlicher Film und symbolisiert auch meine spirituelle Reise. Ich komme aus einem sehr religiösen Elternhaus und bin mit Dogmen aufgewachsen. Ich bin jetzt immer noch spirituell, habe aber für mich erkannt, dass das reine Befolgen von Dogmen nicht konstruktiv ist.

Steht die Sprachlosigkeit, die der armenische Held durch den titelgebenden Schnitt erleidet, für die Türkei, die das Thema fast ein Jahrhundert totgeschwiegen hat?

Akin: Exakt. Manche Kritiker interpretieren sie als Sprachlosigkeit der Armenier, für die der Völkermord einen tiefen Einschnitt darstellt. Mir ging es aber in erster Linie um die Sprachlosigkeit in der Türkei — von Künstlern, von Intellektuellen und von der Politik. Aber auch die Sprachlosigkeit der türkischen Gesellschaft, die über den Völkermord reden wollte, es aber nicht durfte.

Wollte die Gesellschaft wirklich reden?

Akin: Ich glaube schon, dass es Teile gab, die das wollten. Dagegen stand eine vom Staat gelenkte Falschdarstellung der Geschichte. Dort wurde immer vom angeblichen Völkermord gesprochen. Die armenischen Opfer wurden als Begleiterscheinung eines von den Armeniern begonnenen Bürgerkriegs dargestellt.

Wie ist die Haltung der AKP unter Präsident Recep Erdogan?

Akin: Erdogan ist ein cleverer Politiker. Er war einerseits der erste türkische Politiker, der den Armeniern sein Beileid ausgesprochen hat, andererseits spielt er auch häufig die nationalistische Karte.

Dennoch sagen Sie, dass sich die Türkei im Hinblick auf den Völkermord verändert hat.

Akin: Man erkennt es vor allem am Umgang mit dem Wort Völkermord. Früher reichte schon die bloße Erwähnung, um auf der Basis von Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches angeklagt zu werden, der die Beleidigung der türkischen Nation unter Strafe stellt. Heute werden immer weniger Künstler wegen 301 angeklagt. Auch bei der Presse sieht man die Veränderung. Immer mehr Zeitungen bezeichnen den Genozid an den Armeniern auch als solchen.

Dennoch sitzen in der Türkei so viele Journalisten im Gefängnis wie nie zuvor.

Akin: Man kann einiges an der AKP kritisieren, keine Frage. Das habe ich auch getan — etwa bei den Gezipark-Protesten im vergangenen Jahr. Was aber den Umgang mit ethnischen Minderheiten angeht, hat sich unter Erdogan einiges getan. Der Begriff Kurdistan etwa wurde in der Türkei bis vor wenigen Jahren prinzipiell nicht in den Mund genommen. Bis Erdogan von Kurdistan sprach. Auch, wenn er nicht das kurdische Gebiet in der Türkei, sondern das im Irak meinte, hat er doch das Tabuwort genutzt. Das heißt nicht, dass jetzt alles sofort schön und toll wird, aber es ist ein Anfang.