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Aachen: Faszination von Blüten und Krabbelgetier

Aachen : Faszination von Blüten und Krabbelgetier

Es wimmelt und brummt nur so im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum vor Insekten, Raupen, Schmetterlingen, Sandeidechsen, Maikäfern und anderem putzigen Krabbelgetier: Mit Balthasar von der Ast, einem der Superstars der Stillleben-Szene während des Goldenen Zeitalters in den nördlichen Niederlanden, gibt ein ganz erstaunlicher, früher Terrarier der Kunst hier sein Stelldichein.

Eigentlich ist der Meister ein herausragender Spezialist für Blumenstillleben — rund 230 Werke sind von ihm bekannt, aber auf welche Weise er all seine bunten Gebinde und Bouquets „verlebendigt“ (Kuratorin Sylvie Böhmer), das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in seinem angestammten Sujet.

 Er präsentiert die Schau zeitgleich zur Tefaf in Maastricht: Museumsdirektor Peter van den Brink.
Er präsentiert die Schau zeitgleich zur Tefaf in Maastricht: Museumsdirektor Peter van den Brink. Foto: Harald Krömer

„Schöner als die Wirklichkeit — Die Stillleben des Balthasar van der Ast (1593/94-1657)“ ist Peter van den Brinks traditionelle Frühjahrsausstellung in diesem Jahr zur Kunst- und Antiquitätenmesse Tefaf in Maastricht. Alte Meister sind dort wie immer schwer gefragt, und als Vorhut des allgemeinen internationalen Publikums in Maastricht schneien heute schon mal 40 Händler der Messe zur Preview in Aachen herein.

Allein vier der insgesamt 36 Gemälde des gebürtigen Middelburger Meisters stammen als Leihgabe von der Tefaf. Bis zu vier Millionen Euro bringt so ein Stück auf dem Kunstmarkt heute ein — Summen die sich so gut wie kein Museum mehr leisten kann, deshalb befindet sich das Gros des van-der-Ast‘schen Werks seit langem in Privatbesitz. Hier war es dem detektivischen Spürsinn und dem professionellen Handwerkszeug der beiden Kuratorinnen Sylvia Böhmer und Sarvenaz Ayooghi vorbehalten, Einzelstücke für die Ausstellung aufzufinden und herbeizubringen.

Bei seinem Schwager lernte der junge van der Ast sein Handwerk — der galt als so etwas wie der Pate des holländischen Blumen- und Früchtestilllebens. Sein Adept zog es später zunächst nach Bergen op Zoom, dann nach Utrecht und schließlich nach Delft. Hier, so könnte ein Romantiker spekulieren, hat ihn womöglich die große Liebe zu besonders bezaubernden Blüten- und Krabbelarrangements inspiriert.

Das Glas der Vasen im Spiel gespiegelten Lichts, das zarte Dekors chinesischen Porzellans, die weichen Blütenblätter der Rosen, die festeren der Tulpen — all das meint man unmittelbar greifen zu können, derart verblüffend plastisch erscheint die Malerei auf dem durchweg benutzten Eichenholz als Malgrund. Allesamt so empfindliche Werke wie die zwölf Arbeiten auf Papier — umso erstaunlicher, dass sich so weltbedeutende Häuser wie der Louvre, das Rijksmuseum, die Berliner Gemäldegalerie, das Centraal Museum in Utrecht, die National Gallery in London und auch das Madrider Museo Thyssen-Bornemisza vorübergehend von diesen Schätzchen getrennt haben. Im Anschluss geht die Ausstellung noch nach Gotha.

Ein besonderes Faible hat der Meister für eine bis dato von der Kunstgeschichte völlig links liegen gelassene Spezie entwickelt — mehr noch: geradezu eine Leidenschaft. Balthasar van der Ast malte das erste reine Schneckenstillleben überhaupt. Und keineswegs nur Mitbringsel vom Strandspaziergang an der holländisch-heimischen Küste: Er verewigte selbst Exemplare, die nur in südpazifischen Gefilden vorkommen — offenbar als Resultat einer für seine Zeit als modernistisch geltende Faszination gerade entdeckter Exotik, die seine segelnden Landsleute in Form von gesammelten Fundstücken aus der neuen Welt mitgebracht hatten.

Von — heute würde man sagen — Marktstrategien — und überhaupt Marketing hatte van der Ast eine ausgesprochen elaborierte Ahnung: In besonderen Schaustücken versammelte er für seine Kundschaft all das, was er künstlerisch beherrschte und meisterlich darstellen konnte: Da fehlen neben dem heimischen Floristenangebot weder die exotischsten Blütenwesen noch die vornehmlich kriechende Fauna in reichlicher Ausprägung: sanft gelandete Fliegen und Schmetterlinge, vom Tischtuch abstürzende Raupen und Maden, Eidechsen mit peitschendem Schwanz, ein winkender Einsiedlerkrebs in seiner kalkigen Behausung — hier gibt es wirklich etwas zu sehen und zu entdecken.

Sarvenaz Ayooghi haben es besonders die Spinnenkinder angetan — wann hat man je mit solcher Liebe zum hauchdünnen Detail solch zauberhaftes Wesen angemessen gewürdigt gesehen? All das ein einziger Augenschmaus — von den Blumen und Früchten, die sich ebenfalls reichlich „belebt“ wiederfinden, gar nicht zu reden.

Kaum zu fassen, dass Balthasar van der Ast in Vergessenheit geraten war und erst wiederentdeckt werden musste. Hier zeigt er sich in erhabener Beleuchtung und Präsentation auf violetten Wänden von seiner besten Seite.