„Familienidyll” an der Autobahn

„Familienidyll” an der Autobahn

Aachen. Eine Familie campt am Straßenrand: Das wirkt kurios, lässt schmunzeln und staunen, entwickelt sich aber in immer wieder neuen, raffinierten Szenen, Bildern und Wendungen zum ebenso vielschichtigen wie verstörenden und faszinierenden Mix aus Psychodrama, böser Satire und schwarzem Humor.

Ein einzigartiges Meisterwerk, das mit Isabelle Huppert und Olivier Gourmet besonders reizvoll besetzt ist.

Marthe, Michel und ihre drei Kinder leben in einer witzigen Idylle an einer stillgelegten Autobahn. Eine ungewöhnliche, nicht angepasste Familie. Das Leben ist wie ein Camping-Urlaub, ausgelassen und verrückt. Die fünf bilden aber auch eine recht normale Familie mit normalen Problemen wie dem Protest der ältesten Tochter: Sie ernährt sich von Zigaretten, sonnt sich den ganzen Tag und hört lautstark extremen Hard- rock. Die jüngere Tochter ist eher unsicher in ihrer Pubertät. Papa Michel kommt über einen Feldweg auf der Autobahn an und hört ein paar Klänge Jazz.

Das Haus an der ungenutzten Autobahn genießt die leere Weite, die Stille. Aus der Tiefe des Raumes kommt eines Nachts das Unheil. Wie Wesen von einem anderen Stern tauchen die Straßenarbeiter auf. Nach zehn Jahren wird die Autobahn eröffnet. Erst schauen Michel und sein Sohn erwartungsvoll nach dem ersten Auto: Kommt es von rechts oder von links, ist es rot oder grün? Dann bricht das Chaos in Form von Blech, Lärm und Gestank ein.

Die Kinder kommen nicht mehr auf die andere Seite und nicht mehr zur Schule. Die Katze wird angebunden. Der nächtliche Transport einer Tiefkühltruhe wird zum existenziellen Abenteuer, langsam kriecht die Angst vor dem nächsten Auto unter die Haut, und wenn man kein Auto hört, ist es geradezu unerträglich.

Die Mutter versucht zwanghaft ihre Normalität aufrecht zu halten, bricht aber zusammen angesichts dieses Einbruchs in ihre Privatsphäre. Die Szenen zeigen spielerisch verschiedenste Formen der Isolation: Während Schutzanzüge, Taucherbrille und Ohrenstöpsel noch komisch wirken, zieht sich der Film immer mehr um einen zusammen. Das Klaustrophobische tritt uns in so vielen Bildern entgegen, dass man ihm immer weniger entfliehen kann und mit der Familie um Luft ringt.

Dann legt ein Stau den Urlaubsverkehr vor dem Garten lahm. Die vom Verkehr Überrollten werden zu Höhlenmenschen, haben endlich ihre Ruhe, aber keine Frischluft mehr. Und der Wahnsinn bricht endgültig aus.

„Home” schildert eine verrückte Situation, die trotz aller Absurditäten Sinn macht: Auf einer Ebene ist erschreckend, dass der unerträgliche Endzustand unser normales Leben ist. Heutzutage gewinnt kein Mensch mehr ein Rechtsstreit gegen eine Straße. Neben solch simpler Gesellschaftskritik hat „Home” die existenzielle Tiefe eines Haneke-Films.

Irgendwo in diesem „Traffic”-Stau mag auch Jacques Tati mit seinem Wohnmobil stehen. Aber nur die Standbilder der Filme sind vergleichbar. Der alte Franzose treibt die Absurdität als Komödie auf die Spitze, bei der Schweizerin wird aus der seltsamen Situation ein komischer und irritierender Albtraum.

„Home”: Schweiz, Frankreich, Belgien 2008, Regie: Ursula Meier, mit Isabelle Huppert, Olivier Gourmet, Adélaide Leroux, 97 Min., FSK: o.A.