Wien: Falco: Was bleibt von ihm 20 Jahre nach seinem Tod?

Wien : Falco: Was bleibt von ihm 20 Jahre nach seinem Tod?

Was bleibt von einem, der vor 20 Jahren gestorben ist? Wer erinnert sich an ihn — und wie? Welche Orte flüstern noch heute seinen Namen — oder schreien ihn laut heraus? Im Fall von Johann „Hans“ Hölzel alias Falco kann all diese Fragen nur eine Stadt beantworten: Wien.

Dort wurde er am 19. Februar 1957 geboren, dort haben sie ihn am 14. Februar 1998 beerdigt, zwölf Tage nach seinem Tod am 6. Februar in der Dominikanischen Republik. Eine Spurensuche.

FALCO - Pressereise - Zentralfriedhof - Wien Museum - Zum alten Fassl am 01.02.2018. Foto: Conny de Beauclair/Falco-Privatstiftung

9 Uhr, Zentralfriedhof Wien. Zwei Grad über Null. Milchiger Nebel, schwarze Rabenvögel, knirschender Kies. Eine Kulisse wie gemacht für einen Filmdreh. Am Ehrengrab, Gruppe 40, Nr. 64, geben Horst Bork (69) und Conny de Beauclair (65) Interviews vor laufenden Kameras, Blöcken und hochgereckten Mikrofonen. Wie war er denn so, der Falco?

Auf Falcos Spuren: Auf dem Wiener Zentralfriedhof liegt sein Grab im Nebel. Ex-Manager Markus Spiegel (u. l.) führt durch Falcos Villa. Dort soll alles so bleiben wie früher — mit vielen Preisen und Kaffeebechern für Hansi und seine Mutter Maria. Foto: Conny de Beauclair/Falco-Privatstiftung

Eine Frage, die weder Bork, der zwölf Jahre lang sein Manager und Vertrauter war, noch de Beauclair, der vom Türsteher seiner Lieblings-disco „U4“ zum Freund avancierte, so einfach beantworten können. „Da gab es große Siege und bittere Niederlagen“, sagt Bork.

Auf Falcos Spuren: Auf dem Wiener Zentralfriedhof liegt sein Grab im Nebel. Ex-Manager Markus Spiegel (u. l.) führt durch Falcos Villa. Dort soll alles so bleiben wie früher — mit vielen Preisen und Kaffeebechern für Hansi und seine Mutter Maria. Foto: Conny de Beauclair/Falco-Privatstiftung

„Er hat sich immer bemüht, aber meistens war der Wunsch der Vater des Gedankens. Privat war der Hans ein schüchterner und zurückhaltender Mensch, und in den schönsten Momenten sehr fürsorglich und sehr herzlich. Aber leider waren das seltene Momente — die meisten waren wesentlich schwieriger.“

FALCO - Presse - Reise am 31.01.2018. Foto: Conny de Beauclair/Falco-Privatstiftung

„Ich hab ihn nie so betrunken erlebt, dass ich ihn zum Taxi begleiten musste“, erinnert sich de Beauclair, „aber er hat schon eine Menge vertragen.“ Dass sich Falco gerade mit ihm, dem Nichtraucher und Nichttrinker, anfreundete, führt der auf seine Sonderstellung zurück: „Auf der einen Seite war ich in der Szene drin, auf der anderen Seite hatte ich so ein biederes Familienleben mit Kind und Frau.“ Falco, der als Star ein Leben auf der Überholspur führte, fühlte sich davon angezogen. Oft hat er die de Beauclairs daheim besucht. Ein Stück vom Glück, das ihm nie beschieden war. Seine Ehe dauerte kaum zwölf Monate.

Auch sie gibt’s in Wien: die Falcogasse im 22. Bezirk Donaustadt. Foto: Conny de Beauclair

14.30 Uhr, Gars am Kamp, im Waldviertel, 87 Kilometer nordwestlich von Wien. Hier steht die Villa, die sich Falco 1985 gekauft hat. Ein zweistöckiges Anwesen aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Außen gestrichen in Schönbrunner Gelb, mit Anbau, Studio und Sauna im Keller. Hinterm Haus führt ein weitläufiger Garten mit knorrigen Obstbäumen hinaus bis ans Ufer der Kamp. Falcos Rückzugsort.

„Wenn er hier war, dann alleine“, sagt Markus Spiegel (63), bis zu Falcos Tod sein Produzent, „nur für seine Mutter gabe_SSRqs ein Zimmer. Zu der hatte er ein ganz besonderes Verhältnis.“ In der Villa scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Türkisfarbene Sofas, weiß lackierte Korbmöbel, ein altrosa Nepalteppich, dazu farblich passend die Satin-Schabracken der Gardinen.

Gefliester weißer Boden, opulente Deckenlüster — 1980er-Jahres-Schick wie aus dem Kaufhaus direkt hier hereingestellt, inklusive der abstrakten Kunst. Heute gehört die Villa der 2004 gegründeten Falco-Privatstiftung, die sich darum kümmert, das alles so bleibt, wie es ist. Bis hin zu den Gewürzen in der Küche, die in den Gläsern langsam einschrumpeln, den Kaffeebechern mit dem Rosenmuster und den Aufschriften „Maria“ (Falcos Mutter) und „Hansi“, der Rasierwassergalerie im Bad und den Preisen und Auszeichnungen unten im Studio. „Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, 1980 bei einem Konzert mit Drahdiwaberl (einer Anarcho-Kunst-Band, d. Red.), da sah er ein bisschen so aus wie der junge Alain Delon“, erinnert sich Produzent Spiegel.

Auch er spricht von den zwei Facetten des Künstlers: „Da gab es die Kunstfigur und die Privatperson. Ich bin mit der Kunstfigur weniger gut klargekommen. Der liebenswürdige, sensible, einfühlsame Hansi war nicht so auf dem Egotrip wie der arrogante Falco. Das war so etwas wie ein Jekyll-and-Hyde-Syndrom.“

Auch Spiegel macht aus den Drogenproblemen seines einstigen Schützlings keinen Hehl: „Wenn wir zusammengesessen haben, da ginge_SSRqs mit dem Rotwein los. Nach der dritten Flasche hab ich gesagt, ich bin jetzt durch. Da hat der Falco erst mit dem Whiskey angefangen.“ Dazwischen gabe_SSRqs Phasen der Abstinenz: „Das war ein Rauf und Runter. Er hatte auch einen Haufen privater Probleme, den Abgabedruck von seinen Platten, die hohen Vorschüsse, die Kreativität auf Knopfdruck. Da muss man ein Ventil haben. Bei ihm ging alles bis zum Exzess. Das Wort ,Stoppe_SSRq kannte er nicht.“

Drei Tage, bevor er starb, hat ihm Falco am Telefon sein neues Album vorgespielt. Spiegel hat es als sehr kommerziell empfunden. Und irrte sich nicht: „Der Tod ist ein verlässlicher Multiplikator.“

21.15 Uhr, Disco „U4“, Schönbrunner Straße 222-228. Hier kam Falco in den 1980ern regelmäßig vorbei. „Immer so gegen 2, 3 Uhr“, sagt Gewährsmann de Beauclair. „Er stand immer an einer ganz bestimmten Bar, an der von der bildhübschen Isabella.“ Die aussah wie Jerry Hall, das Supermodel. Geraucht hat er Marlboro, getrunken Jim Beam oder Johnnie Walker. Immer pur.

Beim Tribute-Konzert der Band Goldfisch, mit dem die Falco-Musiker ihren verstorbenen Frontmann ehren, gibte_SSRqs einen besonderen Gast: Alexander Kerbst, Hauptdarsteller und Co-Autor des Falco-Musicals (siehe Kasten). Bei „Out of the Dark“, „Der Kommissar“ und „Jeannie“ sieht er mit dunkler Sonnenbrille und nach hinten gegelten Haaren aus wie ein Double des Austro-Pop-Heroen.

Der Trick des Nicht-Österreichers Kerbst: „Sachen, die typisch sind, einfach übertreiben.“ In die Kunstfigur Falco verwandelt er sich, mit Unterbrechungen, schon seit 16 Jahren: „Aber es ist nach wie vor eine Rolle, in die ich schlüpfe. Ich versuche, die Distanz zu wahren — und nach der zweiten Flasche Rotwein höre_SSRq ich auf.“

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