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Düsseldorf: Fäden, Knoten, Schlingen: Anni Albers machte Kunst am Webstuhl

Düsseldorf : Fäden, Knoten, Schlingen: Anni Albers machte Kunst am Webstuhl

Anni Albers wollte Malerin werden. Doch dann ließ die junge Studentin am Bauhaus in Weimar sich zum Besuch der Textilwerkstatt überreden, die auch „Frauenklasse” genannt wurde. Das war 1922. Nach dem holprigen Start wurde aus Anni Albers (1899-1994) eine bekannte Künstlerin am Webstuhl. Sie schuf ein Werk, das in vielen Museen gezeigt wird: gewebte Bilder, Wandbehänge, Raumteiler, aber auch Stoffmuster für die Industrie.

„Anni Albers” heißt die erste umfassende Retrospektive der vielseitigen Bauhaus-Künstlerin seit fast zwei Jahrzehnten. Die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zeigt vom 9. Juni an drei Monate lang mehr als 200 Leihgaben aus europäischen und amerikanischen Museen. Die mit dem Londoner Museum Tate Modern organisierte Ausstellung gibt einen Überblick über das Werk.

Zu sehen sind gewebte Wandbilder, deren geometrische, große Muster in leuchtenden Farben strahlen. Andere spielen mit Erdtönen - dazwischen blitzen kleine rote Schnüre auf. Virtuos gewebte grafische Zeichen erinnern an ein Labyrinth. „Ich benutze die Fäden wie ein Bildhauer oder Maler sein Material einsetzt”, beschrieb die Künstlerin. Die feinen Abstufungen, die übereinandergelegten Fäden ermuntern zu genauem Hinsehen und Entdecken. Genau das wollte Albers: „Damit man sie betrachtet, statt auf ihnen zu sitzen oder zu gehen”.

Am Bauhaus hat sie ihren Mann kennengelernt, den Maler Josef Albers. 1925 heiratete die Tochter aus großbürgerlicher Berliner Familie den „halb verhungerten Westfalen” aus Bottrop. 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, emigrierte das Paar in die Vereinigten Staaten und unterrichtete am revolutionären Black Mountain College.

„Es ist ein kleiner Abschnitt ihres Lebens, aber natürlich ein sehr prägender geblieben”, sagt Kuratorin Maria Müller-Schareck über die Bauhaus-Jahre. Geblieben sei die Zweigleisigkeit von Handwerk und Kunst. Albers Diplomarbeit war ein schalldämpfender Stoff für die Aula der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin.

Am Webstuhl verarbeitete sie klassisches Material wie Wolle, Jute, Baumwolle, aber auch Pferdehaar und glänzendes Lurex. Sie webte Wandbehänge für Synagogen, richtete ein Studentenwohnheim in Harvard ein. Für das Rockefeller-Gästehaus in Manhattan stellte sie Vorhänge her. Bei Tag sahen sie aus wie „ein Kartoffelsack”. Nachts zeigte sich der mit Metallfäden durchsetzte Stoff in anderem Licht. Als erste Textilkünstlerin hatte sie 1949 eine Ausstellung im berühmten Museum of Modern Art in New York.

In den Nischen der Düsseldorfer Schau liegt auch kurioser Schmuck, den Albers aus Alltäglichem formte: eine Kette aus aufgefädelten Haarnadeln, ein zum Anhänger umgestaltetes Abflusssieb. Nachdem das Weben zu beschwerlich wurde, schuf sie Ende der 1960er Jahre Papierarbeiten. Sie wirken wie eine Fortsetzung der gewebten Stücke mit gemalten Fäden, Knoten, Schlingen und geometrischen Figuren.

Ein Herzstück ist nicht von Anfang an zu sehen: die Auftragsarbeit „Six Prayers” für das Jüdische Museum in New York. Die sechs, jeweils fast zwei Meter langen Bahnen erinnern an die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden. Aus konservatorischen Gründen wird die Bildweberei erst ab Ende Juli gezeigt.

Etwas zeitversetzt zeigt die Villa Hügel in Essen vom 16. Juni an eine Retrospektive mit Arbeiten von Josef Albers. Die Schauen mit Werkes des Künstlerpaares verweisen auf das Bauhaus-Jubiläum im nächsten Jahr.

(dpa)