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Mönchengladbach: Existenzielle Fragen nach Leben und Tod

Mönchengladbach : Existenzielle Fragen nach Leben und Tod

Am Freitag noch tuckerten Walzen über frisch verlegten Rollrasen rund um die gigantisch schwarz glänzende Kiste, die mit riesig quadratischer Öffnung vom Abteibergmuseum in die Mönchengladbacher Innenstadt blickt.

Gregor Schneiders „END”, das für ihn und seine Heimatstadt in den Dimensionen größte je verwirklichte Kunstwerk, macht sich bereit für die Eröffnung. Die wird heute um 12 Uhr als eine Art Volksfest bei Kaffee, Riemchentorte und Musik einer Karnevalsband begangen.

Dann wird nur jeweils ein Besucher im Minutenabstand zum nächsten den Weg über eine Leiter in den Eingang der Skulptur hinaufsteigen können und von da allein über eine Rampe hinab in den mit schwarzem, glitzernden Kunststoff bespannten Gang treten, der nach 30 Metern links abknickt - und in erschreckend totaler Schwärze weiterführt.

Voraussetzung zum Betreten des nachtschwarzen Tunnels, in dem nach Angaben von Museumsdirektorin Susanne Titz der „Orientierungsverlust gravierend ist”, ist ein Mindestalter von 16 Jahren.

Wer unter zehn Jahre ist, so ein Museumssprecher am Freitag, „muss draußen bleiben”, ältere Kinder dürfen dagegen in Begleitung eines Erwachsenen hinein. Empfohlen wird zudem festes Schuhwerk.

Wer sich überwunden hat weiterzugehen, gelangt tastend an ein Gitter, hinter dem eine Feuerleiter in ein Loch führt. Nach Durchkriechen einer Öffnung in der Betonhaut des Museums gelangt man über eine weitere Feuerleiter senkrecht nach unten in einen schwach erleuchteten Raum, hinter dessen Tür sich neuerliche Schwärze auftut.

Die Augen binden sich an auf dem Boden in mattes Licht getauchte Beine, die aus Müll- oder Leichensäcken herausragen. Durch die gespenstische Szenerie tastet man sich vor zum schwachen Lichtschein, der aus Türritzen quillt. Über wenige Stufen gelangt man in enge Flure, hinter deren Türen Zimmer sich auftun, deren weiße Wände und angestoßene Holzdielen im kalten Neonlicht die Enge bürgerlicher Existenz atmen.

So gelangt man auch ins „Kaffeezimmer”, das das Abteibergmuseum mit Geldern von Land und Sparkasse neu erworben hat. Es gehört ebenso wie die fünf übrigen Räume zum legendären „Haus UR”, das Gregor Schneider (39) in den 80er und 90er Jahren in sein Elternhaus im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt baute - als eine ständig sich wandelnde Installation.

Dies Gesamtkunstwerk ging als „totes Haus ur” auf Reisen, 2001 zur Biennale nach Venedig und später um die Welt. Jetzt sind wesentliche Teile wieder und auf Dauer in Mönchengladbach versammelt.

„Räume sind für mich eine zweite Haut”, sagt Schneider und bestätigt die Wirkung, die seine Inszenierung auf die Betrachter hat: Sie funktionieren im schwarzen Nichts ihrer Umgebung als Resonanzräume für persönliche Erinnerungen, verstärken als eine Art Keimzelle der Familie existenzielle Fragestellungen und Erfahrungen.

„Für mich ist das wie eine Erscheinung”, bekennt der Künstler angesichts der Anstrengung, das Projekt in extrem kurzer Zeit verwirklicht zu haben. Er fand nicht nur im Team von Museumsdirektorin Titz engagierte Begleiter, auch Land und etliche lokale Unternehmer unterstützen das Projekt, das keine städtischen Gelder kosten durfte, in der Stadtverwaltung aber einige maßgebliche Förderer fand.

„END” verändert: Es stellt nicht nur existenzielle Fragen - ausdrücklich auch die nach Sterben und Tod. Es problematisiert zudem die Funktion von Architektur in der Stadt und die von Museen im Spannungsfeld zwischen Archiv und Wirklichkeit. „END” kann ein Anfang sein.