Aachen: Ewa Teilmans inszeniert „Peer Gynt“: Die Königin der Welt im Irrenhaus

Aachen: Ewa Teilmans inszeniert „Peer Gynt“: Die Königin der Welt im Irrenhaus

Ingmar Bergmann und Peter Zadek waren von diesem Stück fasziniert, das bereits durch die nahezu unüberschaubare Anzahl von Figuren beeindruckt. Doch Ewa Teilmans, Regisseurin am Theater Aachen, schreckt nichts davon.

Henrik Ibsens „Peer Gynt“, geschrieben 1867, aber erst 1876 uraufgeführt, ist für sie eine willkommene Herausforderung, der sie sich mit dem gesamten Ensemble stellt. Wer hier mitwirkt, hat eine ganze Liste von Rollen zu verkörpern — außer Björn Jacobsen in der Titelrolle.

Der muss wiederum mit vier weiteren „Peers“ ringen, die ihn verlocken, umzingeln und verwirren. „Meistens sind alle Akteure auf der Bühne; die einzelnen Gestalten sind keine Zuträgerrollen für die Titelfigur, sie tragen wichtige Gedanken des Stücks.“

Peer Gynt repräsentiert schillernde Facetten einer vielschichtigen, gespaltenen Persönlichkeit. Der Bauernsohn, der sich in höhere Sphären träumt, um dem Elend im engen Dorf zu entkommen, der in norwegischen Trollgefilden, in der Wüste und auf See mit rücksichtloser Energie versucht, Begierden, Abenteuer und Macht unter dem Motto „Sei du selbst“ auszuspielen, bis ihn zuletzt der „Knopfgießer“ in seiner großen Kelle auf Mittelmaß „umschmelzen“ will.

„Diese Figur ist das Kaleidoskop eines Menschenlebens“, sagt Ewa Teilmans. „Eigentlich sagt Peers Mutter Aase gleich zu Beginn, was mit ihm los ist: ,Peer, Du lügst, Du lügst.’ Dieser Ausspruch zieht sich durch die gesamte Geschichte.“

Was Ewa Teilmans zeigen möchte: ein Jedermann-Schicksal, ein ewig Suchender, der zunächst noch forsch und sogar charmant daher kommt, später dann, mit nachlassenden (Mannes-)Kräften, zunehmend abstürzt. Die Regisseurin übernimmt für ihre Inszenierung die Bühnenfassung von Peter Stein ohne die Musik von Edvard Grieg. Stattdessen hat Malcolm Kemp, musikalischer Leiter des Schauspiels, gemeinsam mit der Regisseurin ein Klangkonzept entwickelt.

Im Stück geht es rund, herrschen Rausch, heftige Erotik und permanente Veränderung. Im Bühnenbild unterstützt Andreas Becker diesen Eindruck unter anderem durch einen Drehbühne. Peer Gynt, was ist das für einer? „Für mich ist er ein Künstler, der die Welt um sich herum nicht aushält.

Da findet sich viel Autobiografisches von Henrik Ibsen“, meint Ewa Teilmans. Die Geltungssucht steigert sich bis zum Wunsch, Kaiser der Welt zu sein — er wird es sogar, allerdings im Irrenhaus von Kairo. Doch hinab in die gruselige Trollwelt mit ihren Fäkalien futternden Gestalten und dem Motto „Troll, sei Dir selbst genug“, will sich Peer Gynt auf keinen Fall ziehen lassen.

Was treibt Ibsen in die Wüste Marokkos, in die Geschichten vom Sklavenhandel und schließlich auch noch nach Ägypten? „Da ist er von der gleichen Lust an fantasievollen Geschichten gepackt wie Karl May“, hat die Regisseurin festgestellt. „Für mich war es wichtig, das so umzusetzen, wie es seiner Fantasie entsprach — bis hin zu der Kleidung, die die Figuren tragen. Karl May und er waren Brüder im Geiste.“

Das Stück bietet viele Besonderheiten. Eine davon: Es zeichnet den Weg eines Menschen vom 16. bis zum 80. Lebensjahr nach. Ein Peer Gynt, der lernt, sich entwickelt? „Nein, er wird kein Büßer, die Suche nach dem Sinn des Lebens hat ihn nicht klüger gemacht“, stellt Ewa Teilmans fest.

Ibsens „Gedicht“ ist dramatisches Märchen und Gesellschaftskritik zugleich, so die Regisseurin. Es geißelt das Verharren im Mittelmaß, zeigt aber in Peer Gynt eher den Typ des Antihelden, der sich durch seine Maßlosigkeit verliert.

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