Aachen: Ewa Teilmans inszeniert Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ am Theater Aachen

Aachen : Ewa Teilmans inszeniert Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ am Theater Aachen

„Violetta“ trägt bei den Proben Brille, passend zur blond gelockten Mähne ist die Fassung dezent getigert — die Sopranistin Solen Mainguené lacht gern, streicht sich das Haar aus dem Gesicht und lässt sich schnell eine Limonade bringen, bevor die Pause vorbei ist. Auf der Bühne ist sie „Violetta Valéry“, die tragische Heldin in Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“, die am Sonntag, 10. Dezember, 18 Uhr, im Großen Haus des Aachener Theaters Premiere hat.

Regie führt Ewa Teilmans — konzentriert, nachdenklich, leidenschaftlich. Immer wieder springt die erfahrene Theaterfrau im flotten, schwarzen Lederrock auf, wirft manchmal die Hände in die Höhe. „Stopp, ich denke mir das anders . . .“, sie bleibt liebenswürdig, spricht leise, zeigt, wie sie es meint, probiert aus.

Solen Mainguené und Bass Hrólfur Saemundsson, der die Rolle des Giorgio Germont, Vater von Violettas großer Liebe Alfredo, verkörpert, hören zu, agieren, singen.

Eine leidenschaftliche Szene, schmerzlich für Violetta, irritierend für Germont — Feinarbeit für alle Beteiligten. Ewa Teilmans nimmt es nicht nur genau, sie zeichnet die psychologischen Profile der Gestalten, die sich zu Menschen mit bestimmter Prägung entwickeln. Sie setzt auf den „Subtext“, ein Begriff, der bei dieser Regiearbeit eine große Rolle spielt. „Man meint nicht immer, was man singt — genau das wollen wir dem Zuschauer vermitteln“, erklärt Solen Mainguené. Da gibt es sprechende Blicke und Bewegungen, hier ein Zögern, dort eine Hinwendung. So findet zum Beispiel nach vielen schmerzlichen Vorkommnissen ein Wiedersehen der Liebenden statt. „Sie fallen sich in die Arme, aber man spürt, dass die Verletzungen nicht vergessen sind“, meint die Regisseurin.

Schräge Bühnenscheibe

All das spielt auf einer schrägen Bühnenscheibe. „Die erste Probe im Originalbühnenbild ist nicht leicht“, lächelt die Sopranistin. Singen, spielen, balancieren — daran müssen sich alle gewöhnen. „Einfach noch mal!“ ruft Ewa Teilmans aufmunternd, dann gibt es eine Pause — und eine stumme Umarmung für „Violetta“, der Subtext, mit dem die Regisseurin ihr ohne Worte mitteilt: „Du machst das!“

Verdis „La Traviata“ gehört zu den meistgespielten Opern auf der ganzen Welt. In nur 45 Tagen hat der Komponist berauschende Musik erschaffen. Das Werk ist eine Opern-Kostbarkeit, die „Violetta“ Traumrolle ganzer Sopranistinnen-Generationen — von Maria Callas bis Anna Netrebko. „Eine wichtige Chance“, betont Solen Mainguené. Zuletzt sang die südfranzösische Künstlerin, die zum Ensemble der Freiburger Oper gehört, die „Antonia“ in Offenbachs „Les contes d’Hoffmann“ in Gelsenkirchen. Und wer ist sie als „Violetta“? Ewa Teilmans hält nichts vom romantisierenden Kurtisanen-Image. Ihre „Violetta“ hat eine bittere Vergangenheit, die sie irgendwann in die Prostitution getrieben hat. Zur Vorbereitung hat die Regisseurin nicht nur das Libretto von Francesco Maria Piave, sondern dessen Vorlage, den Roman „La dame aux Camélias“ von Alexandre Dumas, zur Hand genommen. „Erinnerung an mein Romanistikstudium“, lächelt sie.

Was sie interessiert, sind Hintergründe: Eine schöne junge Frau mit Esprit und Intelligenz verkauft sich, um ein glamouröses Leben zu führen, blockt alle Gefühle ab, erkrankt schwer und will im Angesicht des sich spürbar nähernden Todes den Tanz auf dem Vulkan so lange fortsetzen, wie es eben geht. Und plötzlich platzt die große Liebe dazwischen, brechen Sehnsüchte auf, und sogar die Bereitschaft zur kompletten Kehrtwendung ist da. „Was mich bewegt, ist die Frage an die Gesellschaft und an mich, wie wir so einer Frau begegnen“, sagt Ewa Teilmans: „Mal ehrlich, wollen wir jemanden, der seine Liebesdienste verkauft hat, zur Schwiegertochter?“

Ewa Teilmanns reizt der krasse Widerspruch zwischen der euphorischen Menge, die die Hände nach ihrem Star ausstreckt, und dem Zurückschrecken, wenn so eine „Violetta“ am normalen Leben als ganz normale Frau teilhaben will. „Das sollte man ernsthaft hinterfragen, ich denke da an weibliche Idole wie Amy Winehouse, die man gefeiert und zugleich wegen ihrer Exzesse verurteilt hat“, meint sie.

Weder rührselig noch kitschig

„La Traviata“, uraufgeführt 1853 in Paris, wird in Aachen nicht vom Zeitkolorit des 19. Jahrhunderts umweht, im Gegenteil. „Violettas Schicksal ist Gegenwart, das heutige Leben“, betont Ewa Teilmans. „Wir leben nach Regeln, aber wir hinterfragen diese Regeln nicht, das ist der Konflikt.“

Über Äußerungen, die Oper sei „rührselig“ oder „Kitsch“ kann sie nur den Kopf schütteln: „Ziemlicher Blödsinn!“. Liebe als Pulsschlag des Universums, das ist es, was sie bewegt.

Ihre „Violetta“ ist übrigens nicht ausdrücklich an Tuberkulose erkrankt, wie in zahlreichen anderen Inszenierungen. Sie pflegt nicht das damals als vornehm geltende Dahinwelken entsprechend der Kamelie als Symbolblume. „Violetta“ ist einfach krank, sterbenskrank. Und die Gesellschaft? Die Bilanz der Regisseurin: „Unverbesserlich!“

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