1. Kultur

Eurogress: Benjamin Bayl und das Aachener Sinfonieorchester

Barock im Eurogress : Großer Beifall für barocken Ausflug

Barockmusik gehört zwar nicht zur Domäne unserer städtischen Orchester. Aber die Erkenntnisse und Erfahrungen, die Pioniere historischer Aufführungspraktiken wie Nikolaus Harnoncourt und Co. gesammelt haben, ließen sich in den letzten Jahrzehnten soweit auf die großen Sinfonieorchester übertragen, dass Barockmusik nicht mehr spezialisierten Ensembles vorbehalten bleiben muss.

Davon profitiert auch das Aachener Sinfonieorchester, das nicht nur unlängst mit einer Händel-Oper im Aachener Dom überzeugen konnte, sondern sich im Rahmen des 2. städtischen Sinfoniekonzerts im gut besuchten Eurogress auch in größerer Besetzung mit populären Werken von Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach profilieren konnte.

Einen guten Griff hat man dabei mit dem Gastdirigenten Benjamin Bayl getan, einem Genre-erfahrenen Kenner der Materie, der nicht nur ein sicheres Gespür für die Möglichkeiten eines Kulturorchesters erkennen ließ, sondern mit offenkundig großer Begeisterung die Musiker zu wahren Glanzleistungen anstacheln konnte. Wenn sich ohne ausgefeilte Spieltechniken und originale Instrumentarien im Umfeld historischer Aufführungspraktiken auch mit nicht spezialisierten Sinfonieorchestern spannende Interpretationen früher Musik realisieren lassen, liegt der Erfolg in einer lebendigen, rhetorisch beredten Phrasierung, mit der Bayl sowohl die beiden „Wassermusik“-Suiten Händels als auch Bachs Violinkonzert in E-Dur spielfreudig, klanglich transparent und rhythmisch prägnant zum Klingen brachte. Die Aachener Musiker nahmen die Vorlage dankbar auf und brachten das dafür nötige Spielniveau mit, womit auch die delikaten Anforderungen an die Bläser souverän und klangschön gelöst werden konnten.

Ausdrucksstarke Interpretation

Und Konzertmeister Felix Giglberger als Solist des Bach-Konzerts war sich mit dem Dirigenten darüber hinaus einig, durch eine weitgespannte und fein differenzierte dynamische Palette für zusätzliche innere Spannung zu sorgen. Dass Giglberger, der in Aachen bereits als Solist mit Konzerten von Pēteris Vasks und Johannes Brahms hervorgetreten ist, die spieltechnischen Schwierigkeiten des Bach-Werks nicht in Verlegenheit bringen können, verwundert nicht. Umso intensiver konnte er sich auf eine ebenso lebendige wie intensive und ausdrucksstarke Interpretation des Konzerts konzentrieren.

Nach der Pause standen Mozart und Strawinsky auf dem Programm. An Vitalität ließen es die Ouvertüre und Ballettmusik aus Mozarts früher Oper „Idomeneo“ ebenso wenig fehlen wie den barocken Beiträgen. Allerdings wirkte der Klang massiver und schwerfälliger. Umso erstaunlicher, dass Bayl dennoch teilweise extrem forsche Tempi anschlagen konnte, die das Orchester makellos bewältigte.

Eigenschaften, die auch Igor Strawinskys neoklassizistisch gefärbte Pulcinella-Suite prägten, wobei die Teile von den klanglichen Unausgewogenheiten am wenigsten betroffen waren, in denen sich Strawinsky von den klassischen Vorbildern am weitesten entfernt hat. Insbesondere den letzten Sätzen, Vivo, Minuetto und Finale, in denen Strawinsky wesentlich schärfere dynamische Akzente setzt. Das Publikum reagierte jedenfalls mit großem Beifall auf den gezeigten Ausflug.